
(Bild: Sven Scholz)
Das Problem dabei ist nur: Wir sind die Indianer in diesem Spiel.
(worum es geht, hier...)

(Bild: Sven Scholz)
Das Problem dabei ist nur: Wir sind die Indianer in diesem Spiel.
(worum es geht, hier...)
Vorletzte Woche war ich auf dem Zeit der Legenden, zum ersten Mal als SL und nicht als Spieler oder NSC. Es hat geregnet, es war schweinekalt, es war dennoch - oder eventuell sogar deswegen - eine ganz großartige Erfahrung. Ich wollte eigentlich was darüber schreiben, aber ich müßte zu viel erklären: Was LARP ist; wieso 1000 Leute es toll finden, sich mit Gummischwertern zu verdreschen; warum ich freiwillig von neun Uhr morgens bis drei Uhr nachts 'gearbeitet' habe ohne dafür Geld zu bekommen... nur um rüberbringen zu können, wie sehr ich diese fünf Tage kompletten Szenenwechsel genossen habe.
Als ich zurückkam dachte ich, ich sei nicht fünf Tage, sondern fünf Wochen weggewesen.
In Frankfurt und in der Türkei werden staatliche Machtdemonstrationen an Protestierenden ganz offen jenseits aller demokratischen Grundsätze, die man sonst immer noch so vor sich herträgt als Regierung, durchexerziert. Den größten Knaller liefert dabei der Regierungssprecher Steffen Seibert, der auf Twitter die Vorgänge in der Türkei verurteilt während in Deutschland genau dasselbe passiert. Ist das so zynisch wie es rüberkommt oder einfach weltfremd und merkbefreit? Was von beidem wäre denn weniger schlimm?
Dann kommt raus, wie die USA eine ungeheure Menge an privaten Internetaktivitäten von Nutzern weltweit sammelt und auswertet. Betonung auf 'wie', denn dass sie das macht ist News von letztem Jahr. Dass man das Internet und alles was man darin tut, als öffentlichen Raum betrachten muss ist hoffentlich schon viel länger keine News mehr. Dass die Frage nie gewesen ist, 'ob', sondern nur 'wann', hab ich in den letzten Jahren auch zig mal geschrieben. Dass es ernsthafte Bestrebungen zur Totalüberwachung der Internetaktivitäten aller Nutzer gibt ist nicht neu, seit man zum ersten Mal von INDECT gehört hat und im Prinzip ist das, was man momentan über Prism erfährt, vor einem halben Jahr schon herausgekommen. Nur ist es jetzt eben auch bewiesen worden und die Monströsität des Ganzen durch die Fakten greifbar.

(Grafik: Crackajack)
Natürlich gibt es immer noch die Leute, die glauben, dass niemand in Gefahr ist, wenn er nichts zu verbergen hätte.
Dabei geht es um viel mehr:
...Secrecy is only supposed to work for the strong against the weak.
It's about who, in the future, will be allowed to hurt and abuse other people and expect complicity. It’s about who will be allowed to speak up and call out, and who will be made to pay the price.
Über den Zusammenhang und den Unterschied von Privacy und Secrecy hab ich aber auch schon einiges geschrieben. Und auch über eine notwendige Maßnahme, die hier im Raum steht: Wir brauchen wieder unser eigenes Internet. Seit dieser Woche mehr denn je zuvor. Prism scheint das schlimmste zu sein, was dem Internet bisher passiert ist, aber ich glaube, dass es eventuell auch das Beste gewesen sein könnte. Der Wake-up-call, den wir brauchten, denn niemand ist mehr sicher. Auch nicht die, die nichts zu verbergen haben.
Was fast schon lustig ist: "Wer nichts falsches tut muss auch nichts verbergen", sagt auch die US-Regierung. Jetzt wo ihr verborgenes Überwachungsprogramm herausgekommen ist.
Grade kam dieses Zitat von Daniel Köbler per Twitter:
"Wäre die CDU eine Fernsehserie, so wäre sie Dallas. Männer wären fies und geldgierig u Frauen gehörten in d Küche."
Das könnte man sich ja auch mal die anderen Parteien überlegen:
Grüne: MacGyver

War großartig in den Achtzigern, aber kann man sich heute nur noch mit Nostalgiebonus ansehen. Auch technisch hintendran, weil das Bild ziemlich verwaschen ist und das 4:3 Format nicht den ganzen Schirm füllt. Früher hat McGyver Adler gerettet und gegen die Umweltverschmutzung von Großunternehmen gekämpft, heute ist er alt, grau, hat ne Wampe und fährt Mercedes.
FDP: GZSZ

Irgendwer schaut sich diese Belanglosigkeit wohl an, sonst gäbs das ja nicht so lange, aber niemand gibt es zu. Die Welt besteht nur aus gehobener Mittelschicht. Keine einzige Hauptrolle ist auch nur im entferntesten sympathisch, geschweige denn authentisch. Eine der wichtigsten Locations ist der Friseursalon.
CSU: Denver Clan

Irgendwie wie Dallas, aber nicht ganz so gut (oder noch schlechter) und auch die Einschaltquoten sind außerhalb der Hardcorefanbase mieser. Die Protagonisten sind weltfremd, intrigant, ständig am Trinken und immer irgendwie overdressed. Alle sprechen irgendwie komisch. Highlight: Die schlimmsten Frisuren im Fernsehen ever!
(von Konstantin, leicht von mir erweitert)
Piraten: Red Dwarf

Kennen nur Nerds, normale Menschen schalten nach 10 Minuten verstört ab. Hat nur ein paar Folgen, aber die Ausrichtung ändert sich im Lauf der Serie ständig und wirkt planlos, weil es hinter den Kulissen unglaublich viel Zank gab. Außerdem merkte man erst spät, dass man in der Crew eine weibliche Rolle vergessen hat. Ist aber trotzdem Kult und irgendwie faszinierend.
Die Linke: Lindenstraße

Gibts gefühlt schon ewig und ist ständig bemüht, auf aktuelle sozialkritische Themen aufzuspringen. Immer wenn man denkt, jetzt gehts einem der Protagonisten endlich mal besser gibts beim nächsten das menschliche Drama. So viel trister, grauer Alltag ist nirgends sonst im Fernsehen.
(von Sven)
Und irgendwie fiel es tatsächlich keinem auf, dass die SPD fehlte. Das spricht glaube ich für sich, aber Dank des Kommentares von bewitchedmind ist sie jetzt auch dabei:
SPD: Tatort

Gab sich bis in die Achtziger sozialkritisch, heute bemüht man sich, kein Stammtischklischee über MigrantInnen und Hartz-IV-Empfänger auszulassen. Das Personal wirkt so glaubwürdig und menschlich wie gut dressiertes Holz, die Plots sind so vorhersehbar, so daß das Publikum regelmäßig einschläft und am Ende nicht mehr weiß, wer schuld an allem war. „War irgendwie schon immer da“ ist die einzige Existenzberechtigung.
Ich sammle gerne mehr Vorschläge vor allem bei der CSU fällt mir noch nichts passendes ein und Erweiterungen.
Ich denke, eines ist klar: Es wird immer Unterschiede geben. Es wird immer Vorteile und Nachteile geben. Es wird immer ein Gefälle geben. Und eine Gesellschaft hält solche Unterschiede aus, akzeptiert sie, vergibt sie sogar als Auszeichnung und man gönnt sie anderen sogar oft genug.
Allerdings gibt es dafür Grenzen. Die Gesellschaft ist eine Konsensgemeinschaft, die so lange funktioniert, wie die Mehrheit der sie bildenden Individuen mit den Unterschieden, mit Armut und Reichtum, mit der ungleichen Wohnsituation, mit dem leichteren und schwereren Zugang zu Bildung, Arbeit und Einkommen zurecht kommt. Sprich: So lange das Gerechtigkeitsempfinden noch beruhigt werden kann, selbst wenn es nicht Gerecht zugeht.
Die Menschen sind nämlich meistens nicht neidisch. Es gibt viel seltener die gern beschworene Neiddebatte als man uns glauben machen möchte. Lustigerweise sind es ja sogar genau die, die diesen Vorwurf anbringen, die im eigenen Fall - also wenn es darum geht, dass sie vermeintliche Nachteile erleiden müssen - laut "Ungerecht!" schreien als ob es um existentielle Fragen geht. Meistens geht es aber nicht einmal um Nachteile, sondern um den Wegfall von Vorteilen. Stichwort: Frauenquote.
Vorteile gegenüber anderen zu haben, das ist die Definition von Privilegien. Privilegien sind nicht per se böse: die Taxi- und Busspur privilegiert Taxen und Busse. Sie sind also aus offensichtlich praktischen Gründen sinnvoll. Die englische Queen hat geradezu unendliche Privilegien. Das hat traditionelle Gründe. Ähnliche übrigens wie die von exzentrischen Stars oder den Rockbands, die anscheinend mehr Hotelzimmer zertrümmern und Drogen nehmen dürfen als normale Menschen ohne dass sie zu viel Ärger bekommen. Sie bilden dafür Projektionsflächen. Auch die sind in gewisser Weise Tradition - sie tun stellvertretend für uns die Dinge die wir uns nicht trauen würden.
Reiche und mächtige Menschen dürfen mehr als andere. Auch das ist bis zu einem bestimmten Punkt okay - nämlich dann, wenn sie ihre Aufgabe erfüllen. Allerdings ist das Adelssystem bei uns abgeschafft und diese Privilegien sind an messbarere Werte gebunden, die z.B. Erfolg heißen. Und was Erfolg ist, ändert sich von Zeit zu Zeit, also sind auch Privilegien meistens kein Geburtsrecht sondern verliehen - unter Umständen auf sehr kurze Zeit.
Das scheint der ein oder andere gerne mal zu vergessen und ab dann wirds häßlich. Männer, die glauben, sie würden unterdrückt, nur weil Frauen dieselben Chancen (und das selbe Gehalt für gleiche Arbeit) verlangen sind da nur kleine Würstchen - ich kann mich über diese Winseleien nicht mal ärgern. Die haben nur Angst, dass ihre Konkurrenz größer wird. Geschenkt. Der Zug ist abgefahren und ansonsten: Tja, willkommen in eurer eigenen Leistungsgesellschaft, weiße Männer.
Wo es wirklich schwierig wird sind die Stellen, an denen wir nicht mehr merken, dass wir Privilegien genießen. Und das passiert uns allen, ständig. Wir Netznerds sind da beileibe nicht frei von, die Überheblichkeit, mit der viele Nerds die Barrieren ignorieren oder gar am liebsten aufrecht erhalten würden, die andere Menschen von der Art der Nutzung und von den damit verbundenen Möglichkeiten des Netzes ausschließen, die Art wie sie über Ängste und Überforderung von weniger Privilegierten Nutzern einfach hinweggehen und ihr "get used to it"-GIF posten ist auch eine Art Privilegienwahrung. Es gibt aber kein Internetprivileg für Nerds. So gerne ich den CCC habe und so sehr ich seine Arbeit begrüße und so nah ich der Piratenpartei und ihren Grundsätzen stehe: Ich sehe so wenig Bewusstsein dafür, dass sie in einer privilegierten Position stehen. Bzw schlimmer: Ich sehe so viele unter ihnen, denen es beileibe nicht darum geht, generelle Gleichstellung zu erreichen, Aufklärung zu betreiben, Barrieren zu senken. So oft geht es in Wirklichkeit darum, Privilegien zu erhalten, Herrschaftswissen zu erzeugen (und sich damit zu brüsten) und die Durchlässigkeit zu Teilhabe und neuen Privilegien vor allem nur für sich und seine "Kaste" zu erreichen.
Warum mir das wehtut, das zu beobachten: Wir Nerds waren in der Schule immer die Underdogs. Wir haben nie dazugehört. Wir wissen, wie sich Ohnmacht anfühlt. Und jetzt, wo wir zu einem gehörigen Teil den Ton angeben können, benehmen sich viele von uns genau so, wie die Spießer, die uns früher das Leben schwer gemacht haben? Sorry, aber das sehe ich nicht ein. Mir ein paar Privilegien - noch dazu auf Kosten anderer - zu ergattern ist mir zu wenig. Zu einem dieser aufgeblasenen, eingebildeten Nerd-Spiesser zu werden ist so viel peinlicher (und ich beobachte das mit einer gehörigen Portion Fremdscham) als schon immer ein herkömmlicher bürgerlicher Spiesser zu sein. Und noch viel erbärmlicher, als wenn sie einfach nur harmlose, schüchterne, aber aufrechte Nerdkinder geblieben wären.
Vorab: Wir sind uns alle einig darüber, dass diese beiden kleinen Textänderungen im neuen Meldegesetz eine Frechheit sind und dass man das Widerrufsrecht zur Weitergabe von Daten an Dritte damit praktisch auch gleich ganz hätte weglassen können.
Auch einig sind wir uns wohl hierüber: Dass dieses Gesetz so einen Wind macht, liegt sicher weniger am Inhalt selbst als daran, dass so kurz nach ACTA schon wieder in irgendwelchen Hinterzimmern irgendwelche Gemeinheiten in einem aus ganz anderen Gründen zu änderndem Gesetz versteckt hat. Das mulmige Gefühl - ich habe oft genug Scherze darüber gelesen und selbst gemacht, was wohl während der EM so durch die Parlamente geschleust wird wenn grade keiner guckt - wurde ein weiteres mal bestätigt. Und das noch mulmigere Gefühl, das sich fragt "Wieviele solche Dinge gehen eigentlich unbemerkt durch?", wächst.
Diese beiden Themen: Geschenkt. Jeder schreibt drüber, das ist gut.

Schützt eure Daten! Aber nicht vor uns!
Was ich aber jetzt zum Einen bemerkenswert finde ist, dass man jetzt an einem praktischen Beispiel zeigen kann, wie widersprüchlich unsere Politiker hier unterwegs sind: Der Bürger wird einerseits ständig aufgerufen, seine Privatsphäre nicht kommerziellen Datensammlern wie Facebook und Google auszuliefern - was allerdings völlig freiwillig geschieht -, andererseits ist der Datenhandel in Deutschland so geregelt, dass man praktisch keine Chance hat, der Verbreitung seiner Privatdaten wirksam zu verhindern. Auch wenn das Meldegesetz bleibt wie es ist, dürfte sich an der ohnehin schon bestehenden Situation also gar nicht so viel ändern. Und die Nutzung von Pseudonymen und Anonymität ist ja ohnehin per se verdächtig.
Ich habe vor einer Weile ja schon mal ausführlich über den Unterschied zwischen privaten Daten eines Bürgers und den Daten von Institutionen (Privacy undSecrecy) geschrieben. An dieser Stelle würde ich gerne ein paar Meter weiter denken, denn was sind denn private Daten im Sinne des staatlichen Datenschutzes? Die Definition lautet: „Einzelangaben über persönliche oder sachliche Verhältnisse einer bestimmten oder bestimmbaren natürlichen Person“ und es geht damit also um direkt mit einer Person verknüpfbaren Informationen wie Wohnort, Herkunft, Aussehen, Besitzverhältnisse. Das war für eine Weile auch sicher ok, aber was diese Definition noch nicht berücksichtigt ist die Möglichkeit, nicht so eindeutige Daten in Massen zu sammeln.
Warum ich persönlich damit relativ wenig Probleme habe hab ich schon mal erklärt, aber ich sehe schon ein, dass man das auch nicht ungehindert einfach so laufen lassen kann. Der Detailgrad von Profilen, die man von Personen herstellen kann, sobald sie Internet und Handys benutzen, ist - zumindest wenn sie das nicht bewusst in ihrer Nutzung berücksichtigen - tatsächlich immens hoch, ohne dass man die Datenschutzregeln verletzt. Die Datenschutzgesetze sind hierbei relativ wirkungslos, denn man kann sehr einfach Daten zu einer einzelnen Person zusammensammeln und erst in einem zweiten Schritt mit der konkreten Person verknüpfen.
Und es geht nicht um die Partyfotos und unklug herausposaunte Sprüche, die das Internet "nicht vergisst" (was auch nicht stimmt). Wer glaubt, dass sich sowas nachhaltig auf die Reputation auswirkt, irrt sich. Inzwischen ist viel verdächtiger, wer sich auch in der halbprivaten Öffentlichkeit zu bedeckt hält und ein auffällig glattgeschliffenes Profil abgibt. Man lernt ja dazu, die Medienkompetenz wächst und die Menschen lernen, auch solche Informationen korrekt einzuordnen.
Worum also müßte es wirklich gehen, bei einem Datenschutz, der diesen Namen verdient?
Es müßte nicht um Einzelinformationen gehen, sondern um die Verwendung. Beispielsweise um die Erstellung politischer Profile. Es müßte um diese Gesinnungskarteien gehen, für die zum Beispiel eine bestimmte Religionszugehörigkeit genügt, um darin gespeichert zu werden. Es müßte um die Erhebung sozialer Daten gehen, wie die Einordnung in Risikogruppen für die Aufnahme von Krediten an Hand von Berufen und Wohngegend.
Es geht nicht um die ganz persönlichen Profile - wenn meine öffentlich sichtbare Person durch die Verknüpfung von überall vorhandenen Daten tatsächlich so erkannt wird wie ich bin, ist das ja eigentlich wenig problematisch - sondern um Daten, die mich entmenschlichen: Die Chance zur Vergabe eines Kredites hängt an der Wohngegend? An meinem Beruf? Die Höhe meiner Krankenkassenbeiträge hängt an meinem Geschlecht? Die Möglichkeit, Beamter zu werden oder in die USA zu reisen wird bestimmt davon, ob ich in einer obskuren Störerdatenbank erfasst bin, deren Kriterien denkbar wenig mit meiner tatsächlichen Perönlichkeit zu tun haben?
Dort stecken die Datenschutzthemen eigentlich: Dass sich Bürgerinnen und Bürger vor Ämtern vollständig entblößen und durchsichtig machen müssen ist ein Problem. Die tägliche Willkür, die daraus entsteht, ist ein Problem. Diese Erodierung unserer informationellen Selbstbestimmung sind die montrösen Verluste. Die daraus entstehenden konkreten Schäden sind die existentiellen.
Nicht die Weitergabe von Anschriften an jemanden, der sichergehen will, dass seine Werbung bei mir im Briefkasten landet.
P.S.: Dieser Artikel kommt komplett ohne Links zu klassischen Medien aus. Und es war nicht schwer, ihn so zu schreiben.
Christoph Keese erklärt uns Bloggern also, warum wir uns nicht vor dem Leistungsschutzrecht fürchten sollen. Allerdings: Er hat zwar Recht mit der These, dass wir uns nicht fürchten sollten, seine vier Gründe sind meiner Meinung allerdings völlig irrelevant für uns (so sehr, dass ich nicht mal im Detail drauf eingehen werde) und zeigen eigentlich nur, dass er gar nicht versteht, warum wir eigentlich bloggen (Und wer sich im Falle der Einführung einer solchen Regelung wirklich fürchten muss, hat er auch nicht auf dem Schirm...).
Daher folgen hier meine vier Gründe, weshalb sich Blogger tatsächlich nicht fürchten müssen:
1. Das Leistungsschutzrecht wird am Ende ein wirkungsloses Stück Papier
Eigentlich ist damit schon alles klar. Denn diese Regelung wird schneller wieder eingestampft als wir "mir doch wurscht" sagen können oder erst gar nicht verabschiedet. Wobei deutsche Politik ja eher so funktioniert, Gesetze die eigentlich keiner will zunächst zu verabschieden und dann langwierig zwei Jahre damit zu verbringen, sie wieder loszuwerden. Den Verlagen, die das Leistungsschutzrecht momentan so toll finden, wird relativ schnell und sehr dramatisch dämmern, was für einen Quatsch sie sich da herbeilobbyiert haben, wenn ihre Klickzahlen in den Keller rasseln - ich freue mich schon auf das Gejammer, wenn sie feststellen, dass das Leistungsschutzrecht den Verlagen nicht etwa eine automatische Monetarisierung ihrer Beteiligung am Internet bewirkt, sondern dass es sie ihre Beteiligung und Verbreitung im Internet - und damit jegliche Chance der Monetarisierung - kosten wird.
2. Es tut nicht uns weh, wenn wir aufhören, Newsquellen zu verlinken
So lange es braucht, bis das bemerkt wird hat die Angst vor der Drohkulisse vielleicht tatsächlich eine gewisse Berechtigung - das Worst Case Szenario für den Fall, dass der Referentenentwurf des LSR mal eben durchkommen sollte sieht ja auch wirklich übel aus. Aber Blogger müssen in Wirklichkeit weder vermehrt Abmahnungen fürchten noch wird ihnen die freie Meinungsäußerung verboten - so lange sie eben keine Newsquelle direkt zitieren, nennen oder verlinken. Das ist zwar seltsam, denn im Selbstverständnis eines Bloggers ist es ja ein Zeichen der Anerkennung, Zitate zu kennzeichnen und die Quelle zu verlinken - wir wollen ja, dass Inhalte, die wir gut finden, auch von anderen gelesen werden. Medien undVerlage ticken da aber schon immer anders: Wieso wohl wird auf den wenigsten Newsseiten ein Link zu zitierten Inhalten im Web gesetzt? Warum lesen wir immer nur "Quelle: Internet" oder "Quelle: Youtube", wo es doch für beides unproblematisch sein sollte, die tatsächliche Webseite oder den Youtube-Kanal zu nennen, von dem man den Inhalt genommen hat?
Mein Tip ist daher: Wenn die das so wollen, machen wir das eben auch so. Keine direkten Zitate, keine Links und die Quellenangabe heißt eben nur noch "Quelle: Nachrichten". Verlinkt und zitiert werden natürlich weiterhin alle anderen Quellen.
3. Es tut nicht uns weh, wenn wir anfangen, andere Newsquellen zu verlinken
Es ist ja nicht so, dass das deutsche Internet eine ganz lokale Veranstaltung ist. Die Welt ist voll mit Newsseiten und es gibt eine riesige Auswahl von Informationsquellen, für die das Leistungsschutzrecht nicht gilt. Ich lese zum Beispiel sehr gerne den Guardian und deutschsprachige Newsquellen gibt es ja auch, zum Beispiel in Österreich oder in der Schweiz. Oder, was natürlich generell die bessere Lösung ist, wir suchen uns die Primärquellen, die die Grundlage für die Meldung ist. Meistens ist das auch gar nicht wirklich schwierig, auch wenn der Redakteur versucht, so zu tun als wäre er ganz alleine auf seine klugen Schlüsse gekommen. Zum Beispiel sind Meldungen aus den Internetressorts relativ schnell zu einem der typischen englischsprachigen Technik-Magazinen zurückzuverfolgen.
4. Es kann uns nur gut tun, unabhängiger von den etablierten Medien zu werden
Sascha Lobo hatte auf der re:publica eine mittelgroße Lanze fürs Bloggen gebrochen. Das Leistungsschutzrecht könnte nun ein guter Katalysator dafür werden, dass wieder mehr gebloggt wird und Blogger eigenständiger, selbstbewusster und relevanter werden. Denn wir Blogger fallen ja nicht - im Gegensatz zu Herrn Keeses Theorie - unters Leistungsschutzrecht und sollten wir es doch tun, pappen wir uns in Nullkommanix eine Standardlizenz aufs Blog, in der Links und Zitate in beliebiger Länge und Menge selbstverständlich kostenlos und für jeden erlaubt sind. Sogar für Verlage, deren Inhalte nicht zitiert und verlinkt werden dürfen (allerdings besteht bei denen ja ohnehin die in Punkt 2 erwähnte Quellennennungshemmung).
Was es für alle anderen Internetquellen bedeutet, wenn "leistungsschutzrechtlich geschützte Inhalte" nicht mehr verlinkt werden, brauche ich nicht wirklich zu erklären, oder?

Update: Bei D64 gibt es für alle, die noch auf Presseseiten verlinken wollen, einen URL-Shortener, der Nutzer zunächst auf eine Infoseite lenkt, auf der über diesen Quatsch aufgeklärt wird.
Das soll also das Hauptargument der Kampagne sein, mit der man der "Netzgemeinde", deren Vereinen und auch den Piraten entgegentritt? Wirklich? "Die wollen alles umsonst!"? Ein Argument, dass ungefähr so lange funktioniert, bis man jemanden danach fragt und der sowas sagt wie "Nö, wir wollen eigentlich nur einen der Zeit, der technischen Entwicklung und dem veränderten Konsumentenverhalten angemessenen fairen Interessenausgleich zwischen Künstlern, Verwertern und Konsumenten, da es momentan ein Missverhältnis gibt, das stark zu Gunsten der Verwerter und zu Ungunsten von Künstlern und Konsumenten ausfällt"? Was glaubt ihr denn, wie erfolgreich das funktioniert? Ungefähr so erfolgreich, wie Kohl und Strauß in den Achtzigern die Grünen als "Anarchisten und Terroristen" bezeichnet haben? Meint ihr nicht, dass nicht schon oft genug bewiesen wurde, dass nicht Ernst nehmen einfach nicht klappt? Dann müsst ihr halt noch mal da durch.
Ich wüßte ja wirkliche Probleme, die man bei Piraten oder Nerds oder der vermeintlichen "Internetgemeinde" ansprechen könnte - die noch viel zu hohe Selbstbezogenheit in den Zielen zum Beispiel. Oder dieses immer erstmal zu kurz springen - gerade wenns darum geht, Autoren und Künstler zu verstehen. Oder dass man immer erst mal mit Arroganz und Großkotzigkeit reagiert, wenn man ihnen diese oder jede andere Ignoranz nachweist (Hat einer der Piraten noch mal Lust auf ein paar echt peinliche Zitate zum Thema Feminismus? Ich hab nen ganzen Order voll). Oder - was ich auf der re:publica thematisiert hätte, wäre mein Vortragsthema ins Programm gekommen - dass Nerds einen ziemlich gefährlichen Hang zu Technokratie haben und ihre ganz eigene Spießigkeit pflegen.
Es gibt also Kritikpunkte. Und es gibt auch Bewegung und Entwicklungen. Aber die gibt es zum Beispiel ausgerechnet beim Urheberrecht, wo es inzwischen auf Grund dessen, dass sich Künstler bei den Piraten engagieren, auch rumgesprochen hat, dass es Unterschiede zwischen Kunst/Kultur und Wissenschaft/Forschung gibt und die "Freiheit aller Information" für letztere ja ganz sinnvoll ist, aber für erstere so eben nicht funktioniert, sondern gesondert betrachtet werden muss. Und da passt der Vorwurf "Die wollen alles umsonst!" ja schon jetzt nicht mehr.
So lange man also bei Strohmann-Argumenten bleibt - zu denen auch "Die haben ja immer noch nur ein einziges Thema!" und "Das ist ja nur ne Protest-Partei!" gehören - und selbst nichts wirklich signifikantes an der eigenen Art und Weise, Politik zu machen ändert (außer etwas symbolisches Mimikri zu betreiben), wird man sich also weiterhin Wahl für Wahl wundern, wer die Piraten warum wählt und die Wähler, die offensichtlich schon längst die Alternative zur vielbeschworenen Alternativlosigkeit sehen, beschimpfen. Und ich schau ihnen weiter dabei zu und amüsiere mich.
beschwor FDP-Generalsekretär Döring am Sonntag herauf. Dies im Zusammenhang damit, dass bei einer Wahl eine Partei bei ihrer ersten Beteiligung in einer Landtagswahl ganz im Gegensatz zu seiner eigenen Partei eine hohe Stimmenanzahl erreichte.
Man kann sich natürlich darüber empören, ich finde aber, dass man hier einen viel interessanteren Aspekt betrachten kann, als nur ein seltsames Demokratieverständnis und allein "schlechter Stil" triffts auch nicht (das ist schlechter Stil).
Womit die klassische Politik gerade konfrontiert wird - nicht nur in Deutschland sondern überall - ist das Ergebnis einer Erkenntnis, die den ehemals brav einem geregelten Politikbetrieb folgenden Wähler traf: Der Erkenntnis, dass Politiker nicht qua Amt automatisch besser wissen, wie die Dinge laufen müssen. Eigentlich kann jeder, der sich ein wenig informiert oder die ein oder andere Ahnung von Abläufen und Prozessen hat oder zumindest eine Vorstellung entwickelt, wie etwas funktionieren könnte genauso gut - oder schlecht - Politik machen. Und die Piraten entwickelten sich innerhalb von ein paar Jahren zu der Partei, die für diese Erkenntnis ein Vorgehensmodell entwickelt hat. Das konnte sie auch, denn sie hat sich aus denjenigen, die diese Erkenntnis als Grundlage einer neuen Art, sich am Politikbetrieb zu beteiligen entdeckten gebildet. Und sie muss daher nicht erst einen langwierigen Umdenkprozess einleiten und durchschreiten, so wie es die anderen Parteien nun tun müssen, wollen sie sich auf diese neue gesellschaftliche Entwicklung einstellen.
Herr Döring spricht für diejenigen, die es noch nicht wollen. Er ist einer derjenigen, denen die 99% schon zu mächtig werden, wenn man ihre Stimme zu laut hört und die Tyrannei der Masse ist das Bild, mit dem sie diejenigen beschreiben, die gerade Wege finden, sich ihre Teilhabe an den gesellschaftlichen Entscheidungen zu erarbeiten.
Ist das skandalös? Ganz und gar nicht. Es ist menschlich. Döring ist einer derjenigen, der bei Veränderungen eine Facebookgruppe "Wir wollen, dass alles bleibt, wie es bisher war!" gründet. Und letztendlich irgendwann entweder die Veränderung akzeptieren muss, wenn er weiterhin in der sich einfach ohne seine Erlaubnis verändernden Gesellschaft eine Rolle spielen will oder er schmollt eben weiter und bleibt zurück. Die Akzeptanz fällt da schwer, denn man hatte es ja wirklich bequem in der politischen Parallelwelt, in der die tatsächlichen Anliegen der Bürger ungefähr an vorletzter Stelle der Prioritäten rangierte.
In den Medien widerholt sich dieser Tage auch noch ein anderer Begriff, der mehr über den Verwender als über die damit beschriebene Situation verrät: Sie sprechen beim Saarländer Wahlerfolg der Piraten von einem "Phänomen" - also einem "mit den Sinnen wahrnehmbaren, einzelnen Ereignis" -, das alle überrascht habe. Und auch das ist ein schönes Symptom: Überraschend ist das nämlich nur für diejenigen, die das einzelne Ereignis wahrnehmen. Viel weniger überraschend ist es für diejenigen, die die Veränderungen, die eine vernetzte Welt in den letzten 15 Jahren langsam mit sich brachte und immer noch weiter bringt, wahrnehmen. Also nicht das einzelne Ereignis betrachten, sondern den Prozess beobachten, erleben oder sogar mitgestalten.
Die Tyrannei der Masse hat sich schon längst konstruktive Mittel und Prozesse gegen die Tyrannei des von wenigen verwaltet werdens geschaffen: Crowdsourcing statt Zentralmedien, Crowdfunding statt Kreditwirtschaft, Creative Commons statt Verwertungsdiktatur. Es gibt schon längst eine digitale Almende, gegen die Rückeroberung von Kultur dadurch, dass man sie einfach nutzt, teilt und weiterentwickelt ohne dass Verlage und Verwertungsmakler gefragt werden wird kein ACTA und keine Internetsperre etwas unternehmen können, denn rückblickend ist alles schon längst geschehen, sind die neuen Prozesse schon längst entstanden und die Techniken, mit denen jeder Mensch sich beteiligen kann haben sich schon längst etabliert.
Den Dörings dieser Welt, die uns zurufen "Ihr macht alles kaputt!" rufen wir zu "Zu spät, wir haben schon längst alles kaputt gemacht! Aber wir bauen auch schon lange was viel besseres!"