Und dann kam Freddie...
Gestern abend, Olympia-Endparty. Eine Mischung aus ganz okayer Ü40-Party, überlagert vom nervigsten Livekommentar ever. Dann ein erster Moment zum Schlucken. John Lennon, eine meiner Jugendikonen. Der Moment war schnell vorbei, unter anderem mit Hilfe der strunzblöden Kommentatoren.
Es ging weiter mit typische englischen Showacts. Mir gefielen die Kaiser Chiefs, Annie Lennox, sogar die Spice Girls waren unterhaltsam. Ich mag solche Shows, die nicht so wirklich ernst hin und her hüpfen.
Und dann stand in der Mitte dieser Bildschirm - ein wenig wie der Monolith aus 2001.
Und es erschien ein Mann darauf mit einer gelben Jacke, den zu erkennen Menschen meines Alters nicht einmal eine hundertstel Sekunde brauchen. Ein kleiner Mann mit heftigem Überbiss, einem pornösen Oberlippebart und schwarzen kurzen Haaren. Freddie Mercury aus dem Wembley-Conzert 1986.
Es war unvermittelt und so unwirklich, ein Moment in dem die Zeit zu einem Teil stillstand, zu einem anderen weiterlief. Eine Schocksekunde, in der alles andere um diese Person in gelber Jacke einfach komplett verschwand und Bilder, Töne, Erinnerungen, Gefühle nicht ein mal irgendwoher herkamen sondern sich einfach materialisierten. Schwer, dicht, klar, direkt, massiv und ohne Vorwarnung. Sie gaben einem nicht die geringste Chance. Und dann war ich wieder in den Achzigern...

Die Achziger waren keine besonders schöne Zeit für Kinder, die sehr viel kleiner sind als die Altersgenossen, eine dicke Brille trugen und mit denen so ziemlich keiner ihrer Mitschüler etwas anfangen konnte. Man brauchte ein dickes Fell, um diese Zeiten zu überstehen und es konnte lange dauern, bis man sich das zugelegt hat. Wir haben das hinbekommen. Nerds wie wir es waren konnten sich auch früher schon in Nischeninteressen retten, eine trotzige Gegenarroganz aufbauen und wir konnten uns auch ohne Internet die wichtigen Rückzugsräume erzeugen, in denen wir uns ungestört wohlfühlen konnten: Das geschah mit Büchern - vorzugsweise Science Fiction und Fantasy -, sehr viel Fernsehkonsum der später von der Zeit am Computer nahezu komplett ersetzt wurde und natürlich mit Musik.
Der Walkman und dessen kleinen, leichten Kopfhörer waren eine der wichtigsten Erfindungen der Achziger Jahre, denn sie erlaubten einem das, wofür sie von vielen Erwachsenen heftig kritisiert wurden: Sich jederzeit und überall aus der Welt abschotten zu können. Was diese Leute nicht verstanden haben war ja: Ihre Welt war für uns ein sehr anstrengender, feindlicher, unfreundlicher, oft auch gefährlicher Lebensraum. Sie stresste uns und wir kamen zwar nach und nach immer besser in ihr zurecht weil wir lernten, rechtzeitig auszuweichen, uns unauffällig zu machen oder möglichst harmlos zu sein, aber wirklich gefallen hat sie uns nur selten. Die Auszeiten waren daher lebenswichtig. Ich tankte Energie über Musik. Ich hörte gerne Filmmusik und alles, was irgendwie bombastisch war - ich nahm an, für mich eignete sich sowas deswegen gut, weil sie wenig Platz für unangenehme Gedanken ließ - und natürlich Queen.
Queen waren immer dabei. Genauer gesagt: Freddie. Denn irgendwie war er ja einer von uns. Er sah nie aus wie einer der sportlichen Bullies, war eigentlich klein und fast schmächtig. Aber seine Persönlichkeit, die er auf die Bühne brachte war übermenschlich. Eine vor Stolz, Kraft und überwänglicher Freude berstende, sprühende Präsenz, deren Wirkung sich niemand entziehen konnte, nicht einmal diejenigen, die Menschen wie ihn normalerweise diskriminierten*. Freddie hob nie ab, obwohl seine Bühnenfigur ein brennender Halbgott war, ließ er nie einen Zweifel daran, dass es die Fans sind, die ihn so stark machten.
Und genau diese einmalige Eigenschaft war nirgends so manifest und so eindeutig sichtbar wie in diesen Momenten, wenn er auf der Bühne stand und mit seinem Publikum Kanon sang. Und wie groß dieser Mensch war, wie einmalig und dann wie schmerzhaft und unglaublich ungerecht sein viel zu früher Tod für uns gewesen ist zeigte sich gestern, als er ein paar Minuten, nur ein paar wenige Minuten auf flackernden Bildschirmlämpchen zu sehen war und jeder, wirklich jeder - ohne dass das irgendwer erklären, vorbereiten, ankündigen musste - mit ihm sang, so wie früher. Als ob die 20 Jahre nie vergangen sind. Ich weiß nicht, was anderen durch den Kopf ging, aber ich war sicher nicht der einzige, dem in diesem Moment jegliche Metaebene unter den Füßen wegbrach und einfach in Tränen ausbrach.
...und es wieder tut, nur bei der Erinnerung daran.
(Bild: Hwei)
* Sehr schräg fand ich ja, wie verzweifelt aber erfolgreich sich ein großer Teil seiner Fans bemühte, die eigentlich völlig offensichtliche homosexuelle Seite seiner Persönlichkeit zu ignorieren, was offenbar wurde, als kurz vor seinem Tod seine AIDS-Diagnose veröffentlicht wurde und einem Teil der Fans gewahr wurde, dass einem anderen Teil der Fans dieser Umstand völlig unbekannt gewesen zu sein schien.
Berlin
Mir fällt auf, dass ich dieses Jahr schon zum vierten Mal in Berlin bin. Das ist jetzt schon doppelt so oft wie in den letzten Jahren. Aber diesmal war ich nicht alleine hier sondern mit den Kids und viel Zeit. Wir haben zwei Tage lang klassisches Sightseeing gemacht und ich hab mit Lewin mal nachgesehen, ob alles noch da ist wo es vor fünf Jahren gewesen ist.
Das meiste davon haben wir auch wieder gefilmt:
Den Rest der knappen Woche hier haben wir Isa beim Vorlesen zugehört, waren auf einem Geburtstag und vor allem haben wir sehr viel herumgegammelt. Weil: Ferien.
Living in the seventies
Am Wochenende habe ich einen Spaziergang durch die Neckaruferbebauung und das Collini-Center in Mannheim gemacht, die wie eine Reise in die Siebziger und Anfang der Achtziger anmutet.
Der Architekt Karl Schmucker dachte - wie so viele damals - dass wir in der Zukunft wohl in Wohnanlagen leben würden, in denen alles vorhanden sei, was der Mensch zum Leben braucht: Wohnungen, Büros, Supermärkte, ein Kino, Schwimmbad, Kindergarten und eine Schule. Ich kenne diese Utopie aus Kindertagen noch ganz gut, es gab Bücher und Zeitschriften, in denen diese Art zu leben propagiert und beworben wurde.
Natürlich kam alles anders, aber wir fragten uns schon, ob sich diese Art der Stadtplanung eventuell besser durchgesetzt hätte, wenn es damals schon das Internet gegeben hätte.
Living in the Seventies - 22. July 2012 from Jens Scholz on Vimeo.
(Da ich zu blöd zum Wikipedia-artikel lesen bin stimmt die Angabe zum Architekten im Abspann nicht.)
Was ist nur so schwer daran, das offensichtlich Richtige zu tun?
Gleich mal die Antwort für ungeduldige: Ich hab keine Ahnung. Ich beobachte lediglich seit mindestens 15 Jahren, wie sich einerseits die beklopptesten, teuersten, kompliziertesten und am Ende bestenfalls völlig wirkungslosen, schlechtestenfalls (für einen selbst oder auf Kosten anderer) zerstörerischen Vorgehensweisen und Strategien durchsetzen und andererseits jeder Vorschlag, der eigentlich mit ein wenig gesundem Menschenverstand völlig offensichtlich und nachvollziehbar sein sollte der erste ist, der als wahlweise illusorisch, nicht ins Geschäftsmodell passend, "nicht zuende gedacht" (mein Liebling bisher) oder als sonstwie völlig abwegig verworfen wird.
Vielleicht noch banaler. Es gibt sehr viele einfache und grundsätzliche Regeln, die sich tausendfach bewährt haben: Angst ist ein schlechter Ratgeber. Ehrlich währt am längsten. Tue Gutes und rede darüber. Kommunikation ist keine Einbahnstraße. Was du nicht willst was man Dir tu (...). Wie man in den Wald hineinruft so schallt es heraus. Scheiße stinkt auch dann noch, wenn man sie vergoldet. Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt muss der Prophet zum Berg. Don't be a dick... ihr versteht, was ich meine?
Was mich seit rund zwanzig Jahren Berufsleben und fünfzehn davon speziell in Bezug auf Internet regelmäßig in den Wahnsinn treibt ist, dass es - speziell hier in Deutschland - anscheinend ein extrem wichtiges unternehmerisches Grundprinzip ist, genau diese Ratschläge und damit den dahinter stehenden gesunden Menschenverstand zu ignorieren. Ja schlimmer noch: Ich habe zuweilen den Eindruck, dass man sich ganz bewusst entscheidet, es jetzt einfach mal völlig ohne diese Binsenweisheiten zu versuchen. Da werden komplizierte Verträge entworfen, aus denen man kaum mehr herauskommt. Man muss auch dann für den Support bezahlen, wenn der Dienstleister einen Fehler verursacht. Und man häuft Stapel von langen Prozessen und Abläufen auf, die versuchen sollen, all die Entscheidungen gegen den gesunden Menschenverstand irgendwie zum Funktionieren zu bringen.
André schrieb letztens einen Beitrag, in dem er die Rückständigkeit der gängigen deutschen Businessphilosophie mit der amerikanischen verglich. Ich folge ihm da zwar nicht komplett bis zu seinem Fazit, dass die da drüben alles viel toller machen, aber ein paar dieser Basics scheint man dort durchaus besser zu verstehen, zum Beispiel dass man Vertrauen durch Ehrlichkeit verdient:
Das Konzept dahinter ist so simpel, dass man sich wundert, warum man es überhaupt erklären muss. Im Grunde könnte man es so zusammenfassen: Verarsche deine Kunden nicht!
Woran merken deutsche Konsumenten, dass die Bahncard oder der Handy-Vertrag abgelaufen ist? Richtig: An dem Glückwunschschreiben der Bahn oder des Mobilfunkanbieters, dass man sich wiederum für x Jahre verpflichtet hat und man froh ist, uns als Kunden behalten zu haben. (...) Speziell die deutsche Wirtschaft verdient gerne daran, Kunden in das offene Messer laufen zu lassen, mit der Folge, dass die Fluktuation an der Konsumentenbasis regelmäßig durch die Decke geht. Ein deutscher Telekommunikationsanbieter zahlt heute 150-200 Euro an Marketingkosten pro Neukunde. Ein wenig Ehrlichkeit und sauber verdientes Vertrauen gibt nicht nur den Nutzern ein besseres Gefühl, sondern befeuert auch das Empfehlungsmarketing massiv.
Ich stolpere immer wieder - egal ob im Beruf oder privat - über die hidden Agenda. "Wie können wir den Kunden dazu bringen, dass er..." oder "Ich möchte meine Eltern dazu bringen, dass sie...". Und dann kommen elaborierte, völlig komplizierte undaufwändige Pläne und Taktiken, die mit Tricks und Halbwahrheiten gespickt sind, deren Aufdeckung das ganze entlarven würde, weshalb man sich noch kompliziertere Wege ausdenkt, diese zu verschleiern. Warum glaubt man, dass das der Weg ist, wie's gemacht wird? Die Leute sind nicht doof und sie finden es entweder doch heraus oder vertrauen einem nicht, weil sie zumindest halbwegs ahnen, dass das alles eigentlich großer Bullshit ist. Und daher ist das ist die Frage die ich nicht beantworten kann: Warum versucht mans nicht erst mal vernünftig?
Datensalat und Meldegeschnetz - welche Daten schützen wir nochmal?
Vorab: Wir sind uns alle einig darüber, dass diese beiden kleinen Textänderungen im neuen Meldegesetz eine Frechheit sind und dass man das Widerrufsrecht zur Weitergabe von Daten an Dritte damit praktisch auch gleich ganz hätte weglassen können.
Auch einig sind wir uns wohl hierüber: Dass dieses Gesetz so einen Wind macht, liegt sicher weniger am Inhalt selbst als daran, dass so kurz nach ACTA schon wieder in irgendwelchen Hinterzimmern irgendwelche Gemeinheiten in einem aus ganz anderen Gründen zu änderndem Gesetz versteckt hat. Das mulmige Gefühl - ich habe oft genug Scherze darüber gelesen und selbst gemacht, was wohl während der EM so durch die Parlamente geschleust wird wenn grade keiner guckt - wurde ein weiteres mal bestätigt. Und das noch mulmigere Gefühl, das sich fragt "Wieviele solche Dinge gehen eigentlich unbemerkt durch?", wächst.
Diese beiden Themen: Geschenkt. Jeder schreibt drüber, das ist gut.

Schützt eure Daten! Aber nicht vor uns!
Was ich aber jetzt zum Einen bemerkenswert finde ist, dass man jetzt an einem praktischen Beispiel zeigen kann, wie widersprüchlich unsere Politiker hier unterwegs sind: Der Bürger wird einerseits ständig aufgerufen, seine Privatsphäre nicht kommerziellen Datensammlern wie Facebook und Google auszuliefern - was allerdings völlig freiwillig geschieht -, andererseits ist der Datenhandel in Deutschland so geregelt, dass man praktisch keine Chance hat, der Verbreitung seiner Privatdaten wirksam zu verhindern. Auch wenn das Meldegesetz bleibt wie es ist, dürfte sich an der ohnehin schon bestehenden Situation also gar nicht so viel ändern. Und die Nutzung von Pseudonymen und Anonymität ist ja ohnehin per se verdächtig.
Ich habe vor einer Weile ja schon mal ausführlich über den Unterschied zwischen privaten Daten eines Bürgers und den Daten von Institutionen (Privacy undSecrecy) geschrieben. An dieser Stelle würde ich gerne ein paar Meter weiter denken, denn was sind denn private Daten im Sinne des staatlichen Datenschutzes? Die Definition lautet: „Einzelangaben über persönliche oder sachliche Verhältnisse einer bestimmten oder bestimmbaren natürlichen Person“ und es geht damit also um direkt mit einer Person verknüpfbaren Informationen wie Wohnort, Herkunft, Aussehen, Besitzverhältnisse. Das war für eine Weile auch sicher ok, aber was diese Definition noch nicht berücksichtigt ist die Möglichkeit, nicht so eindeutige Daten in Massen zu sammeln.
Warum ich persönlich damit relativ wenig Probleme habe hab ich schon mal erklärt, aber ich sehe schon ein, dass man das auch nicht ungehindert einfach so laufen lassen kann. Der Detailgrad von Profilen, die man von Personen herstellen kann, sobald sie Internet und Handys benutzen, ist - zumindest wenn sie das nicht bewusst in ihrer Nutzung berücksichtigen - tatsächlich immens hoch, ohne dass man die Datenschutzregeln verletzt. Die Datenschutzgesetze sind hierbei relativ wirkungslos, denn man kann sehr einfach Daten zu einer einzelnen Person zusammensammeln und erst in einem zweiten Schritt mit der konkreten Person verknüpfen.
Und es geht nicht um die Partyfotos und unklug herausposaunte Sprüche, die das Internet "nicht vergisst" (was auch nicht stimmt). Wer glaubt, dass sich sowas nachhaltig auf die Reputation auswirkt, irrt sich. Inzwischen ist viel verdächtiger, wer sich auch in der halbprivaten Öffentlichkeit zu bedeckt hält und ein auffällig glattgeschliffenes Profil abgibt. Man lernt ja dazu, die Medienkompetenz wächst und die Menschen lernen, auch solche Informationen korrekt einzuordnen.
Worum also müßte es wirklich gehen, bei einem Datenschutz, der diesen Namen verdient?
Es müßte nicht um Einzelinformationen gehen, sondern um die Verwendung. Beispielsweise um die Erstellung politischer Profile. Es müßte um diese Gesinnungskarteien gehen, für die zum Beispiel eine bestimmte Religionszugehörigkeit genügt, um darin gespeichert zu werden. Es müßte um die Erhebung sozialer Daten gehen, wie die Einordnung in Risikogruppen für die Aufnahme von Krediten an Hand von Berufen und Wohngegend.
Es geht nicht um die ganz persönlichen Profile - wenn meine öffentlich sichtbare Person durch die Verknüpfung von überall vorhandenen Daten tatsächlich so erkannt wird wie ich bin, ist das ja eigentlich wenig problematisch - sondern um Daten, die mich entmenschlichen: Die Chance zur Vergabe eines Kredites hängt an der Wohngegend? An meinem Beruf? Die Höhe meiner Krankenkassenbeiträge hängt an meinem Geschlecht? Die Möglichkeit, Beamter zu werden oder in die USA zu reisen wird bestimmt davon, ob ich in einer obskuren Störerdatenbank erfasst bin, deren Kriterien denkbar wenig mit meiner tatsächlichen Perönlichkeit zu tun haben?
Dort stecken die Datenschutzthemen eigentlich: Dass sich Bürgerinnen und Bürger vor Ämtern vollständig entblößen und durchsichtig machen müssen ist ein Problem. Die tägliche Willkür, die daraus entsteht, ist ein Problem. Diese Erodierung unserer informationellen Selbstbestimmung sind die montrösen Verluste. Die daraus entstehenden konkreten Schäden sind die existentiellen.
Nicht die Weitergabe von Anschriften an jemanden, der sichergehen will, dass seine Werbung bei mir im Briefkasten landet.
P.S.: Dieser Artikel kommt komplett ohne Links zu klassischen Medien aus. Und es war nicht schwer, ihn so zu schreiben.
Mein Nebenjob als V-Mann
Gleich am ersten Tag der re:publica in Berlin haben Sven und ich uns für ein paar Stunden aus dem Staub gemacht, um uns konspirativ mit Mia von 140sekunden vor dem Bundestagsgebäude zu treffen und ein Interview über unseren seit ein paar Monaten sehr erfolgreichen Satire-Twitteraccount @bundesamtfvs zu geben.
Und hier isses, frisch heute in der aktuellen Ausgabe vom Elektrischen Reporter gesendet worden und online gegangen, noch dazu just am Tag, an dem 140Sekunden auch noch den Grimme Online Award eingeheimst haben:
Wir hatten - wie man hoffentlich sieht - richtig viel Spaß beim Filmen und dabei auch jede Menge albernen Quatsch gemacht, von dem wunderbarerweise auch ganz viel im Beitrag zu sehen ist (sogar der Buschaufzug).
Ein ganz herzliches Dankeschön noch mal an Mia - die zum Glück hirnmäßig ähnlich verdrahtet ist wie ich, denn der Termin, den wir ausgemacht hatten, war am Ende des Mail-Pingpongs dorthin so durcheinandergewürfelt, dass es eigentlich nicht möglich war, ihn einzuhalten (Weil sowohl Tag als auch Datum irgendwie nicht mehr zusammenpassten). Wir hielten uns aber beide an den richtigen Termin und so hat dann doch alles hingehauen.
Nach den Facebookpartys im letzten Jahr und dem jetzt in diesem bin ich tatsächlich jetzt schon ein bisschen gespannt, was für ein Quatsch uns als nächstes einfällt.
Vier Gründe, warum Blogger das Leistungsschutzrecht nicht fürchten sollten
Christoph Keese erklärt uns Bloggern also, warum wir uns nicht vor dem Leistungsschutzrecht fürchten sollen. Allerdings: Er hat zwar Recht mit der These, dass wir uns nicht fürchten sollten, seine vier Gründe sind meiner Meinung allerdings völlig irrelevant für uns (so sehr, dass ich nicht mal im Detail drauf eingehen werde) und zeigen eigentlich nur, dass er gar nicht versteht, warum wir eigentlich bloggen (Und wer sich im Falle der Einführung einer solchen Regelung wirklich fürchten muss, hat er auch nicht auf dem Schirm...).
Daher folgen hier meine vier Gründe, weshalb sich Blogger tatsächlich nicht fürchten müssen:
1. Das Leistungsschutzrecht wird am Ende ein wirkungsloses Stück Papier
Eigentlich ist damit schon alles klar. Denn diese Regelung wird schneller wieder eingestampft als wir "mir doch wurscht" sagen können oder erst gar nicht verabschiedet. Wobei deutsche Politik ja eher so funktioniert, Gesetze die eigentlich keiner will zunächst zu verabschieden und dann langwierig zwei Jahre damit zu verbringen, sie wieder loszuwerden. Den Verlagen, die das Leistungsschutzrecht momentan so toll finden, wird relativ schnell und sehr dramatisch dämmern, was für einen Quatsch sie sich da herbeilobbyiert haben, wenn ihre Klickzahlen in den Keller rasseln - ich freue mich schon auf das Gejammer, wenn sie feststellen, dass das Leistungsschutzrecht den Verlagen nicht etwa eine automatische Monetarisierung ihrer Beteiligung am Internet bewirkt, sondern dass es sie ihre Beteiligung und Verbreitung im Internet - und damit jegliche Chance der Monetarisierung - kosten wird.
2. Es tut nicht uns weh, wenn wir aufhören, Newsquellen zu verlinken
So lange es braucht, bis das bemerkt wird hat die Angst vor der Drohkulisse vielleicht tatsächlich eine gewisse Berechtigung - das Worst Case Szenario für den Fall, dass der Referentenentwurf des LSR mal eben durchkommen sollte sieht ja auch wirklich übel aus. Aber Blogger müssen in Wirklichkeit weder vermehrt Abmahnungen fürchten noch wird ihnen die freie Meinungsäußerung verboten - so lange sie eben keine Newsquelle direkt zitieren, nennen oder verlinken. Das ist zwar seltsam, denn im Selbstverständnis eines Bloggers ist es ja ein Zeichen der Anerkennung, Zitate zu kennzeichnen und die Quelle zu verlinken - wir wollen ja, dass Inhalte, die wir gut finden, auch von anderen gelesen werden. Medien undVerlage ticken da aber schon immer anders: Wieso wohl wird auf den wenigsten Newsseiten ein Link zu zitierten Inhalten im Web gesetzt? Warum lesen wir immer nur "Quelle: Internet" oder "Quelle: Youtube", wo es doch für beides unproblematisch sein sollte, die tatsächliche Webseite oder den Youtube-Kanal zu nennen, von dem man den Inhalt genommen hat?
Mein Tip ist daher: Wenn die das so wollen, machen wir das eben auch so. Keine direkten Zitate, keine Links und die Quellenangabe heißt eben nur noch "Quelle: Nachrichten". Verlinkt und zitiert werden natürlich weiterhin alle anderen Quellen.
3. Es tut nicht uns weh, wenn wir anfangen, andere Newsquellen zu verlinken
Es ist ja nicht so, dass das deutsche Internet eine ganz lokale Veranstaltung ist. Die Welt ist voll mit Newsseiten und es gibt eine riesige Auswahl von Informationsquellen, für die das Leistungsschutzrecht nicht gilt. Ich lese zum Beispiel sehr gerne den Guardian und deutschsprachige Newsquellen gibt es ja auch, zum Beispiel in Österreich oder in der Schweiz. Oder, was natürlich generell die bessere Lösung ist, wir suchen uns die Primärquellen, die die Grundlage für die Meldung ist. Meistens ist das auch gar nicht wirklich schwierig, auch wenn der Redakteur versucht, so zu tun als wäre er ganz alleine auf seine klugen Schlüsse gekommen. Zum Beispiel sind Meldungen aus den Internetressorts relativ schnell zu einem der typischen englischsprachigen Technik-Magazinen zurückzuverfolgen.
4. Es kann uns nur gut tun, unabhängiger von den etablierten Medien zu werden
Sascha Lobo hatte auf der re:publica eine mittelgroße Lanze fürs Bloggen gebrochen. Das Leistungsschutzrecht könnte nun ein guter Katalysator dafür werden, dass wieder mehr gebloggt wird und Blogger eigenständiger, selbstbewusster und relevanter werden. Denn wir Blogger fallen ja nicht - im Gegensatz zu Herrn Keeses Theorie - unters Leistungsschutzrecht und sollten wir es doch tun, pappen wir uns in Nullkommanix eine Standardlizenz aufs Blog, in der Links und Zitate in beliebiger Länge und Menge selbstverständlich kostenlos und für jeden erlaubt sind. Sogar für Verlage, deren Inhalte nicht zitiert und verlinkt werden dürfen (allerdings besteht bei denen ja ohnehin die in Punkt 2 erwähnte Quellennennungshemmung).
Was es für alle anderen Internetquellen bedeutet, wenn "leistungsschutzrechtlich geschützte Inhalte" nicht mehr verlinkt werden, brauche ich nicht wirklich zu erklären, oder?

Update: Bei D64 gibt es für alle, die noch auf Presseseiten verlinken wollen, einen URL-Shortener, der Nutzer zunächst auf eine Infoseite lenkt, auf der über diesen Quatsch aufgeklärt wird.
Ein Wendepunkt im Lobbystreit ums Internet...?
In Sachen Contentindustrie versus Internet-Industrie gibt es eine interessante Entwicklung:
Ari Emanuel lieferte sich auf der D10 Conference, wo er an einem Panel mit Walt Mossberg and Kara Swisher teilnahm, ein bemerkenswertes Wortgefecht mit einem Zuschauer. Der entpuppte sich allerdings dann als Joshua Topolsky, Autor bei The Verge und der Dialog machte offenbar auf der Konferenz ordentlich die Runde. Topolsky schrieb natürlich einen Artikel, da er es offensichtlich geschafft hatte, öffentlich nachzuweisen, wo das Verständnisproblem bei Emanuel tatsächlich liegt:
The problem with Ari is that he doesn't know how to stop stealing when it comes to copyrighted works, and neither does the tech industry. He's just really mad and wants the problem to be fixed —and because he's a blustery guy with money on the line, he's not really worried if we do in fact rip up the roads that lead to his house.
But I am, and you should be, because this is a job that requires a scalpel, not an axe.
The next day, Google's Sundar Pichai and Susan Wojcicki took to the stage, and Mossberg put the question to them: could they stop pirating if they wanted to? "I think he was misinformed. Very misinformed." Susan said.(...)
Oder eben auch überhaupt nicht informiert. So interessant es ist, einen hochkarätigen Lobbyisten dabei zu erwischen, wie wenig es ihn eigentlich kümmert, was zum Erreichen seiner eigenen Ziele an anderen Stellen gefährdet wird, das ist noch nicht das Ende der Geschichte. Denn AllthingsD veröffentlichte am selben Tag, an dem Topolsky seine Warnung vor Lobbyisten wie Emanuel postete eine Antwort von ebendiesem:
(...) I understand that the onus is not entirely Google’s, but let’s stop talking at each other and get in a room with all parties to figure this out. To be clear, I don’t want to rehash SOPA as we can all agree that was a reflection of Southern California’s arrogance, and let’s also not pretend that we’re working together on this issue because we have Youtube channels together. This is a larger conversation. It’s time for Hollywood, our government and Silicon Valley to step up and collectively resolve this problem. (...)
Er Akzeptiert seinen Irrtum und kündigt also eine Kehrtwende an. Yay? Oder? Ich bin mir nicht wirklich sicher, ob das so ein guter Wendepunkt ist, wie er im ersten Moment klingt. Denn er besteht aus der Aussicht, dass die US-Unterhaltungsindustrie, die Internet-Industrie und die US-Regierung das "Problem" gemeinsam lösen werden.
Der Status Quo des Internet war einigermaßen gesichert, so lange die Gegenseite nur glaubte, zu wissen, was zu zun sei, aber zum Glück keine Ahnung hatte wie es funktioniert. Jetzt beruft sich Emanuel aber darauf, mit den Know-How-Trägern der Internet-Industrie zusammenarbeitn zu wollen. Und der Regierung. Sprich: Er hat durchaus immer noch vor, seine Interessen in Gesetze und Verordnungen zu gießen. Die Frage ist, ob das dann weiterhin die praktisch nicht umsetzbaren Papiertiger ergibt wie bisher oder sie angereichert durch die Kenntnisse der IT-Wirtschaft plötzlich sehr gefährlich für dasNetz wie wir es kennen werden...
und P.S.: Am deutschen Netzjournalismus geht das ganze natürlich wieder komplett vorbei (worüber ich letztens schon einen Hint twitterte).








