Print-an-ID: Der Webservice für Fake-Ausweise
Ich frag mich ja, ob eigentlich jemand mal auf die Idee kommt, einen kleinen Webservice zu programmieren mit dem man sich alle möglichen Ausweise, Bescheinigungen, Kontoauszüge usw. so selbst zusammenfaken kann, dass sie als Scan oder Fax durchgehen?
Das würde im Falle einer ID so funktionieren, dass man sich erst ein Ausweistemplate aus einem beliebigen Land aussucht, dann ein Foto dazu hochlädt und ein paar Angaben wie Name und Geburtstag eingibt. Zeugs wie Ausweisnummern und sowas würden dann randomized (am besten wäre natürlich den Algorithmus nachzubilden, mit dem diese Nummern erstellt werden) hinzugesteuert und raus kommt dann ein Ausweis-Ausdruck, den man zum Beispiel allzu neugierigen Online-Diensten zuschicken kann, die glauben, Ausweise von ihren Nutzern verlangen zu können.
Das stell ich mir technisch überhaupt nicht kompliziert vor. Und wenn man das gleich auf englisch und so generisch baut, dass findige Menschen Templates auch direkt klonen und verbessern oder ganz neue Templates hochladen können würde wahrscheinlich sehr schnell eine erkleckliche Anzahl Dokumente zusammen...
So was ist natürlich reine Spekulation. Ich denk nur laut...
Intoleranz macht keine Kompromisse
Ich hoffe sehr, dass sich gerade die Politiker überall auf der Welt genau anschauen, was in den USA gerade los ist: Es ist die einmalige Chance, zu sehen, was passiert, wenn man sich mit kranken, dummen und weltfremden Fundamentalisten einlässt und nicht bemerkt, dass ein wichtiges Ziel ihrer Ideologie ist, dass das bestehende System ruhig komplett untergehen kann, ja sogar müsse, weil dann die Zeit der Erneuerung käme - die natürlich im Sinne besagter Fundamentalisten verlaufe.

Hier wäre vielleicht doch mal eine Sache gewesen, bei der die USA von Deutschland lernen könnte: Extremisten dürfen viel. Sie dürfen Bücher schreiben, demonstrieren und allen auf die Nerven gehen. Aber mit Extremisten verhandelt man nicht, auch wenn man dann vielleicht selbst mal vermeintlich als intolerant dasteht.
Allerdings vergisst man auch das in Deutschland zur Zeit, wenn man sich anschaut, wie oft Leute wie Sarrazin ihren Dreck in Mikrofone blubbern dürfen. Was sie ja gerne damit einfordern, dass man darüber ja wohl öffentlich diskutieren dürfen müsse - allerdings diskutieren intolerante Menschen nicht, sie proklamieren und wenn man sich darüber wundert, dass die Sarrazins dieses Landes ihre kruden Behauptungen einfach immer wieder wiederholen, selbst wenn man ihnen zigmal bewiesen hat, dass ihre Zahlen und Fakten einfach komplett falsch sind hat noch nicht verstanden, dass es ihnen nicht um die Zahlen und Fakten geht und dass die Forderung nach einer "offenen Diskussion" nur die Offenheit des Empfängers ausnutzt. Sie selbst sind für eine Diskussion nämlich alles andere als offen.
Wir sind hier noch nicht so weit, dass eine konservative Partei glaubt, den Anhängern einer naiven, schwarzweissen Weltsicht die Richtung ihrer Politik bestimmen zu lassen weil sie so schön skrupellos dem gemeinsamen Gegner auf die Glocke geben können nur um dann feststellen zu müssen, dass die im Zweifel auch keine Rücksicht auf die "eigene" Partei nehmen. Aber zum Beispiel eine selbstgermachte Eurokrise könnte hier schneller ähnliche Entwicklungen befeuern als man glaubt.
Aber man müsste eigentlich wissen, dass Intoleranz und Kompromisse sich ausschließen. Und da Demokratie immer die Aushandlung von Kompromissen ist können Fundamentalisten niemals Demokraten sein. Und die haben auch kein Problem mit Krisen. Im Gegenteil: Fundamentalisten bekommen ja nicht in guten Zeiten Zulauf, sondern in schlechten.
Christliche Fundamentalisten können keine Terroristen sein?
Robert Ziegler ist der Vize-Chefredakteur des ORF Niederösterreich und er...
...bittet “Kolleginnen und Kollegen” per Rundmail, den Attentäter von Norwegen nicht als “christlichen Fundamentalisten” zu bezeichnen: “Das Wort ‘christlich’ und den Mord an mehr als 90 Menschen in einem Atemzug zu nennen – da empfinden wohl die meisten einen deutlichen Widerspruch.
So steht's in einer Meldung im Standard. Es ist ja schon erstaunlich genug, wie die Begriffe oszillieren, seit bekannt ist, dass der norwegische Attentäter überhaupt nicht in das Angstschema der westlichen Politiker passt: Sprich - kein islamistischer Terrorist ist, der von Al Qaida geschickt wurde, um unsere westliche Welt mit ihren freiheitlichen Werten und christlichen Leitkultur anzugreifen. Aber dieses Zitat da oben ist für mich der Gipfel der offenen Bigotterie: Aus Islam, bärtigen Turbanträgern und Terror wird seit zehn Jahren in Medien und Politik Klischeesuppe gekocht und bei unserem christlichen, blond-blauäugigen Kreuzritter möchte man schon im Ansatz eine zu grobe Verallgemeinerung verhindern?
Die ersten "Experten"-Äußerungen und die ersten Meinungen waren ja zunächst viel eindeutiger. Die Verwirrung begann erst, als bekannt wurde, wer der Täter ist. Und plötzlich tut man sich schwer: Rechtsradikal soll er nicht genannt werden, christlich fundamentalistisch auch nicht, überhaupt: Plötzlich ist er einerseits ein wahnsinniger Einzeltäter, ein Amokläufer, dessen Computerspiele auf seiner Festplatte ein Thema sind (ein Umstand, der für "Terroristen" ja scheinbar absolut unerheblich ist). Allerdings nur so lange, wie deutsche Politiker nicht wieder nach der Vorratsdatenspeicherung schreien, die solche Attentate verhindert hätten - für diesen Zweck sind es dann doch wieder Terroristen - natürlich wartet man vergebens auf die Erklärung, wie das denn konkret möglich gewesen sein soll, aber in diesem Punkt doch wieder lieber von Terroristen zu sprechen muss sein, denn paranoide Wahnsinnige lassen sich ja normalerweise noch viel weniger über Rastermethoden ermitteln.
Ich komm da jedenfalls nicht so richtig mit: Erst sind es islamistische Terroristen und wenn nicht sind die selbstverständlich weiterhin trotzdem gefährlich und wir müssen wachsam bleiben. Dann ist es doch "nur" ein verwirrter Einzeltäter und seine politischen Ansichten sollen möglichst gar nicht erst öffentlich diskutiert werden, man wolle ihm dafür ja keine Bühne bieten.
Dabei gibt es diese Bühne schon längst, denn seine Vorstellungen führen uns eigentlich schnell zu diesen nicht minder verwirrt und fanatisch erscheinenden Brandstiftern, die in den USA von Leuten wie Glenn Beck und Sarah Palin verkörpert wird und bei uns von Biedermännern wie Thilo Sarrazin und den ganzen anderen Schlechtmenschen. Was diese Leute - meiner Meinung nach in vollem Bewusstsein darüber, was sie verursachen - sind: Gefährlich. Sie sind selbst keine Terroristen, bauen keine realen Bomben, aber sie machen im Prinzip nichts anderes als diese islamistischen "Hassprediger", über deren Gefahr sich ja alle offenbar einig sind, selbst wenn der Terror - wenn er am Ende dann doch mal real passiert - von einem fanatischen Islamgegner verursacht wurde.
Stattdessen Schuld ist dann am Ende zum Beispiel das Internet.
Wie SAT1 mir beim Trollen der CDU geholfen hat
Ich mach ja manchmal Experimente mit diesem Internet. Die klappen oft auch mal nicht, weil niemand drauf anspringt. Wir wissen ja aber inzwischen, dass ein großer Anteil dafür, ob im Netz eine Welle (nein, ich schreibe jetzt absichtlich nicht "Buzz") entsteht oder nur ein laues Kräuseln ergibt, reiner Zufall ist: moot hat das auf der re:publica ja schon mal ganz gut erklärt. Dementsprechend ist es das Beste, nichts wirklich zu erwarten, wenn einem irgendein Quatsch einfällt sondern ihn einfach zu machen und mit dem Strom zu schwimmen den er erzeugt (was im Zweifel eben eine sehr kurze Reise sein kann).
So geschah es denn am Montag abend, dass ich über eine Facebookeinladung zu einer CDU-Veranstaltung in Berlin stolperte und bemerkte, dass diese komplett offen gehalten war: Jeder konnte auf die Wall schreiben, jeder konnte zusagen und nachdem ich einfach mal mein Kommen angekündigt hatte, um zu sehen ob auch der Button "Freunde einladen" auftaucht, geschah auch dies.
Also lud ich einfach alle meine Freunde ein und schrieb auf die Wall sowas wie "Super! Hoffentlich gibt's genug Bier!", um mindestens einen Hinweis darauf zu hinterlassen, dass der Ersteller dieser Seite genau den selben Bedienungsfehler gemacht hat, der hin und wieder mal zu dem Schabernack führt, der in den Medien und bei Politikern unter "Facebookparty" kursiert. Die Maximalerwartung war, dass es möglichst viele Zusagen und lustige Trollereien auf der Wall gibt.
Am Dienstag dann fanden wir noch viel mehr solcher Seiten und innerhalb von 30 Minuten hatten wir gute fünf neue Einladungswellen gestartet. Eine davon mit einer Veranstaltung bei mir um die Ecke in Bergisch-Gladbach schob ich auf Twitter an, was diesen Effekt hatte. Da ich den ganzen Tag arbeitete bemerkte ich das erst nach Feierabend zu Hause. Auch dass es plötzlich Medienberichte gab, die auf Grund des Tweets entstanden waren habe ich erst spät gemerkt.
Interessant wurde es dann gestern mit dem Anruf von SAT1, die anscheinend ebenfalls die Bergisch-Gladbach Einladung zum Anlass nahmen, einen Bericht für die 17:30-Sendung zu machen. Ich sagte natürlich einem Interview zu, da ich dann schon etwas strategischer denken konnte: Entweder die machen daraus eine reißerische Story über den Versuch, CDU-Veranstaltungen zu partycrashen oder sie wollten einfach darüber berichten, dass ein paar Facebookuser die CDU gerade ein wenig auf Facebook durch den Kakao ziehen. Lasst mich kurz überlegen, was mediengerechter wäre PARTYCRASHEN!
Also tat ich im Interview das, was ich am liebsten tue: Erklären was hier eigentlich grade wirklich passiert ohne dass es jemanden am Ende jemanden interessieren wird.
- Ich erklärte, was Trollen ist.
- Und dass das Internet eine eigene Form der Ironie hervorgebracht hat deren Haupteigenschaft es ist, dass sie von Nicht-Internetnutzern oft nicht wahrgenommen und für bare Münze genommen wird was allerdings gewünscht ist und einen weiteren Ironielevel drauf setzt.
- Und dass das dann die besonders hohe Kunst des Trollens ist.
- Und, dass wir die CDU trollen, weil sie's ganz besonders gut nicht blicken.
- Ich erklärte, dass wir hier nicht zu "Facebookpartys" aufrufen und ungefähr zehn mal sagte ich, dass kein Mensch auch nur einen Gedanken daran verschwendet, wirklich zu einer der Veranstaltungen hinzugehen.
- Ich erklärte, dass "Facebookpartys verbieten" natürlich völlig dummes Zeug ist, weil "Partys crashen" existiert, seit es Partys gibt und dass das jetzt auch mal über Facebook passiert ist lediglich zeigt, dass die Leute eben inzwischen auch über Facebook kommunizieren.
- Ich erklärte auf die mehrfach gestellte Frage, was ich denn denken würde, wenn jetzt tatsächlich eine Veranstaltung gestürmt würde, dass das ja nicht passieren wird - aber im rein hypothetischen Fall dass doch, habe ich dafür ja nichts gemacht (wie der Satz weitergeht kann man im Bericht sehen).
- Ich erklärte auch, dass wenn wirklich total viele Leute da hin gehen würden, dann nicht, weil sie die Einladung in Facebook falsch verstanden haben sondern weil sie die Medienberichte darüber gesehen haben und auf Medienpräsenz hoffen.
- Ich erklärte, dass das Verbot von Facebookpartys ja bedeuten würde, dass jemand absichtlich 7000 Leute zu seiner Party einladen würde, was aber ja gar nicht der Fall ist, sondern das einfach nur auf Grund dessen passiert, dass diese Person Facebook falsch verwendet (auch dieser Satz ist im Bericht).
Letztlich hatten die Reporter also alle Informationen, um daraus entweder ein interessantes Infostück über Netzkultur oder einen launigen Reißer zu machen. Und da ich ein guter Troll sein kann überließ ich es ihnen, daraus zu machen was sie wollten - ich hoffte darauf, dass sie der Versuchung nicht widerstehen konnten, mitzutrollen. Und so wurde dann das hier gesendet:
Was mich interessieren würde: Der interviewte "Experte" hat ja offensichtlich wenig Infos darüber erhalten, worüber er da eigentlich befragt wurde und sieht im Kontext freilich nach allem anderen aus wie ein Experte. Wie denkt der eigentlich jetzt, wie er rüberkommt?
Auch lustig: Auf die Frage was ich beruflich mache antwortete ich wahrheitsgemäß "Internet-Berater". Und ich war sehr erfreut über die Inszenierung der beiden Telepolis-Bücher.
Update: Der Tagesspiegel berichtet nun auch schon zum zweiten Mal nachdem er letzte Woche schon mal darüber berichtete, weil Nico einen Screenshot der Einladungsseite gepostet hatte (und in dessen voriger Version deswegen eine lustige Verschwörungstheorie geäußert wurde, dass die SPD hinter der Einladungswelle stünde. Auf Nicos Screenshot ist allerdings die Wall zum Event schon abgeschaltet, so dass das zeitlich gar nicht hinkommen kann) - und schade, dass die sich mit dem Internet noch nicht so gut auskennen, ein direct link zu diesem Artikel ist eigentlich gar nicht so schwer.
Update 2: Die Hamburger Morgenpost versucht sich ebenfalls darin, den Buzz anzuheizen. Und legt nochmal fett nach:
In ähnlicher Richtung versucht es der Express. Mich würde ja echt interessieren, inwieweit den Blättern hier eigentlich klar ist, dass sie nur laue Luft herumfächeln.
Update 3: Auch die Financial Times Deutschland berichtet und versucht auf Grund der Beteiligung von DIE PARTEI-Mitgliedern, den Namen Martin Sonneborn mit ins Spiel zu bringen. Der natürlich eher weniger damit zu tun hat, es sei denn man würde Frau Merkel in derselben Konsequenz als diejenige bezeichnen, die zu den CDU-Veranstaltungen eingeladen hat, die hier getrollt werden. Der Stern tut das ähnlich, aber zumindest etwas geschickter.
Update 4: Je länger das ganze geht, desto weniger haben die Berichte noch mit einer irgendwie erkennbaren Realität zu tun. Die taz kommt nämlich jetzt auch mit einem Artikel um die Ecke und hier wirkt inzwischen eine Art Stille Post: Jedenfalls lassen sie die Brücke über DIE PARTEI gleich ganz weg und behaupten
(...) Martin Sonneborn, Satiriker und Gründer von "Die Partei", kopierte nach einer Sperrung der Dietzenbacher CDU-Einladung die nötigen Informationen auf seine Seite. (...)
... und verlinkt unter "seine Seite" auf Facebook. Damit haben sich bislang bisher wirklich ausnahmslos (zwischenupdate: Spiegel Online berichtet etwas differenzierter) alle Medien für die wilde Story von den angeblichen Massen, die CDU-Veranstaltungen crashen wollen entschieden, anstatt korrekt über die Mechanismen einer Internet-Meme bzw. eine ironische Trollattacke zu berichten.
Auch von der schon erwähnten Morgenpost gibt es einen neuen Artikel. Die haben sich inzwischen komplett vom Journalismus verabschiedet und versuchen sich ziemlich offen direkt als Anheizer. Sie haben vier Wochen Zeit, die CDU-Party in Hasloh zu terrorisieren und scheinen fest entschlossen, diese Zeit zu nutzen um dort ihren eigenen Krawall herbeizuberichten.
Letztes Update: Nachdem DIE PARTEI das Thema inzwischen auch offiziell aufgenommen hat und weiterverfolgt denke ich, es ist jetzt in guten Händen und ich beende die Updates.
Neulich bei Amazon
Hallo? Polizei? BND? Herr Innenminister? Ich würde gerne eine Bombenbauanleitung im Internet melden...
(via... naja, amazon.com halt)
Harald Schumann über den Zustand unseres Demokratiesystems
Wenn man diesen Vortrag hört beginnt man zu verstehen, warum es Politikverdrossenheit gibt.
(via nachdenkseiten)
Das Netz vergisst nicht nichts! (Warum es Dauermythen über das Internet gibt)

Es gibt ja diese Mythen über das Internet: Es sei ein rechtsfreier Raum; es vergisst nichts; es ist eine Klowand, auf der Menschen unter dem Schutz der Anonymität andere verunglimpfen und beleidigen... überhaupt, diese Anonymität: Der Grund für den totalen Verfall von Anständigkeit und Ehrlichkeit.
Was ist dran an diesen Behauptungen? Immerhin scheinen diese Gefahren und schlechten Eigenschaften des Internets ja so schwerwiegend zu sein, dass sie seit Jahren regelmäßig Thema bei Politikern und Medienvertretern aller Fraktionen sind. Andererseits: Wäre das Internet tatsächlich so, wie es dargestellt wird, muss es einen ja schon wundern, dass es überhaupt noch existiert - es scheint ja kein Entkommen vor Kinderschändern, Betrügern und aggressivem Mobbing zu geben. Wenn man den Fehler macht, irgendetwas privates ins Netz zu schreiben oder ein Foto hochzuladen steht man schon mit einem Bein im Gefängnis, verliert all sein Geld, setzt seinen Job aufs Spiel oder bekommt erst gar keinen. Die Welt scheint am Rande des Unterganges, weil Terroristen und Kriminelle völlig ungestört das Netz für ihre finsteren Pläne nutzen können. Und süchtig und einsam wird man davon auch noch unweigerlich.
Natürlich ist jedem, der sich mal eine Weile im Netz bewegt hat, irgendwann klar, dass es hier eine Diskrepanz zwischen der eigenen Wahrnehmung und der von - sagen wir mal - bestimmten Politikern oder Vertretern von Ordnungsbehörden oder von Prä-Internet-Medien besteht. Niemand "stolpert" über Kinderpornographie - im Gegenteil: selbst wenn man danach sucht, findet man normalerweise keine. Kein Mensch kennt wirklich jemanden, der einen Job nur deswegen nicht bekommen hat, weil der Personalchef ein Partybild auf Facebook gefunden hat. Wenn man ins Internet Sachen schreibt und dabei einigermaßen darauf achtet, dabei einen vernünftigen Ton zu behalten wird in zwanzig Jahren keine teure Abmahnung bekommen. Man bekommt den Eindruck, hier wird ein vor allem sehr nützliches, unterhaltsames und kommunikationsförderndes Medium auf völlig überzogene Weise verteufelt.
Warum passiert das? Zunächst ist das Ziel von Schreckensgemälden immer, wirtschaftliche oder politische Kontrolle zu steigern oder zu erhalten und das auch noch mit dem Einverständnis der Kontrollierten - um dieses Einverständnis zu bekommen, ist es am Leichtesten, den Menschen Angst zu machen und bei ihnen dadurch den Bedarf nach Kontrolle zu wecken. Denn das Maß an Kontrolle über das Internet ist natürlich ein Machtfaktor: Je mehr Kontrolle ich durchsetzen kann, desto mehr Macht habe ich. Für die Wirtschaft ist Macht Geld, für die Politik ist Macht... naja Macht halt. Macht zu haben bedeutet, Vorteile gegenüber den Nicht-Mächtigen zu haben. Man kann teurer Dinge verkaufen, von deren Herstellung ich mehr Menschen ausschließe - ob durch Verhinderung des Wissensaustausches oder durch Illegalisierung. Die Musikindustrie z.B. hat es durchaus geschafft, die Einführung des legalen Vertriebs digitaler Musikdateien sehr lange auszubremsen, denn jeder Tag, über den man die gegenüber digitaler Medien mit wesentlich höheren Gewinnspannen verkaufbaren CDs retten konnte, war viel, viel Geld wert. Und so agieren auch alle anderen Branchen, deren Geschäftsmodelle durch den Verlust der Kontrolle über die Herstellung und den Vertrieb ihrer Waren durch Digitalisierung und neuen oder verschobenen Veröffentlichungs- und Vervielfältigungsmöglichkeiten in Gefahr geraten sind.
Im Prinzip geht es Politikern da nicht anders: Auch ihr Wissens- und daraus folgender Handlungsvorsprung ist ein auslaufendes Geschäftsmodell. Sie haben letztes Jahr schmerzhaft lernen müssen, dass man keine Milliardenbauprojekte mehr in abgeschlossenen Hinterzimmern planen und entscheiden und die Bürger am Ende vor vollendete Tatsachen stellen kann. Die Empörung und Enttäuschung mancher Politiker über den Verlust ihrer Privilegien ist täglich erlebbar. Das Internet bietet nämlich inzwischen jede Menge Möglichkeiten und hat jede Menge Eigenschaften, die den Mächtigen Macht wegnehmen und in Richtung der vormals machtlosen Bevölkerung verschiebt: Für die gewohnte ungestörte Ausübung von Macht sind Transparenz, Verfügbarkeit von Informationen, offene und schnelle Kommunikationswege und von kontrollierten Medien unabhängige Reichweiten zum Leidwesen mancher tödlich und sie reagieren darauf mit der Suche nach Möglichkeiten, verlorene Kontrolle zurückzuerlangen.
Das ist - das möchte ich an dieser Stelle mal anmerken - übrigens nicht unbedingt böse gemeint, eventuell nicht einmal eine Entscheidung aus der bewussten Reflektion heraus sondern sie glauben wirklich daran, dass hier eine gute, funktionierende Ordnung in höchster Gefahr ist. Wir alle reagieren ja nicht gut auf Veränderungen, die unsere Gewohnheiten betrifft. Man muss sich da nur alle paar Monate das Geschrei anhören, wenn Facebook mal wieder seine Oberfläche ändert.
Was tut man also, um Kontrolle über etwas wie das Internet zu erlangen? Ich habs zu Beginn schon kurz angeschnitten: Man sucht nach Gründen, es kontrollieren zu müssen. Und gute Gründe sind immer Gefahren. In den Zeiten, in denen noch nicht so viele Menschen das Internet nutzten war es leicht, diese Gefahren zu beschwören. Man musste nur platt argumentieren: Wahlweise musste man nur sagen, da treffen sich Nazis, Jugendgefährder, Terroristen oder das Organisierte Verbrechen im Internet. Was natürlich stimmt, aber das tun sie auch seit je her draußen auf der Straße. Nur haben wir gelernt, zu akzeptieren, dass auf der Straße fremde Menschen völlig anonym herumlaufen und wenn sie uns ansprechen, zu bewerten wann es nötig sein würde, Belege für ihre Behauptungen über z.B. ihre Identität zu verlangen.
Warum also muss man uns vor Gefahren im Internet schützen, die außerhalb davon genauso existieren und wo wir selbstverständlich darauf verwiesen werden, ja nunmal mündige Bürger zu sein? An die grundsätzlich böse Absichten glaube ich nicht, auch wenn es einfach ist, sie zu konstruieren (vor allem weil ich ja schon über das Interesse am Machterhalt geschrieben habe). Ich glaube, der Hauptgrund ist, dass der Anteil der Menschen, die sich noch nicht an die durch das Internet veränderten sozialen Verhältnisse gewöhnt haben, noch sehr hoch ist und dass diese Menschen momentan auch noch den größeren Anteil der politischen Entscheidungen trifft. Ganz wichtig: Auch der Verlust von Machtlosigkeit ist eine Veränderung, gegen die sich jede Menge Menschen wehren.
Die Internetmythen sprechen alle genau diese Sprache. Es sind viel mehr Ängste als Fakten: Das Internet ist alles andere als ein rechtsfreier Raum, aber ich kann Landesgrenzen überschreiten und mich somit auch in anderen Rechtssystemen befinden, wo z.B. das deutsche Urheberrecht nicht gilt sondern das eines anderen Landes. Ich muss mich daran gewöhnen dass ich das kann und eventuell habe ich zu lernen, dass wenn ich Internetdienste in den USA verwenden will, ich mich deren von den deutschen abweichenden Datenschutzbestimmungen unterwerfe.
Das Internet vergisst nichts? Ich bin seit knapp 20 Jahren online und blogge seit 10 Jahren: Was an Informationen und Links in dieser an sich kurzen Zeit verschwunden ist kann man sich sogar ansehen: So gut wie kein Link in meinem Blog, der älter als zwei Jahre ist, funktioniert noch, selbst im "Klowand"-Artikel sind die über 200 Kommentare für immer verschwunden, weil es den damals verwendeten Kommentardienst nicht mehr gibt. Was ich mir in den letzten 10 Jahren nicht lokal gespeichert habe ist verschwunden. Was ich davon versehentlich gelöscht habe - z.B. alle meine privaten Mails, die ich Update für Update seit 1996 mitgenommen, aber beim letzten Umstieg auf Windows 7 schlicht vergessen habe zu sichern: unwiederruflich weg. Digitale Fotos und Bilder, die älter als 7 Jahre sind: Komplett unbrauchbar auf Grund der steinzeitlichen Auflösungen. Dass einem Menschen durch Verunglimpfungen und verbreiten peinlicher Fotos das Leben schwer machen können: Gab es immer schon und wird es immer geben. Dass das auch im Internet passiert: Daran werden wir uns gewöhnen, wir werden lernen das genauso zu ignorieren wie den lautstarken Streit eines Pärchens im Bus. Nur weil das im Internet etwas neues ist heißt es nicht, das es generell etwas neues ist.
Was neu ist ist dass alles etwas transparenter wird: Auch zu meiner Schulzeit gab es grausame Mobbingaktionen. Die Opfer waren komplett hilflos und den Mobbern ausgeliefert, denn die Schulen hatten vor allem ein Interesse: Den Erhalt der Ordnung. Mobbingopfern wurde kaum geholfen, viel wichtiger war es, dass alles hinter verschlossenen Türen blieb und nicht nach draußen drang. Opfer, die in ihrer Verzweiflung versuchten, Öffentlichkeit zu erreichen, waren für Rektoren oft genug die wahren Störenfriede. Wenn z.B. isharegossip.com etwas erreicht hat dann, das ohnehin vorhandene Mobbing sichtbar zu machen. Insoweit bin ich, als ehemaliges Opfer, sogar dankbar dafür, dass das passiert ist. Denn was plötzlich auch geschehen ist: Die Mobber sind exponiert. Man kann sie und das was sie tun sehen, man kann den Opfern nicht mehr sagen "Du stellst Dich doch nur an".
Egal welchen dieser Mythen wir uns also ansehen: Es geht eigentlich immer nur darum, dass wir uns in einem Umgewöhnungsprozess befinden und uns das zunächst unangenehm ist. Wir suchen Gründe, uns dagegen zu wehren, dass sich Dinge ändern und das funktioniert damit, dass wir uns die Nachteile heraussuchen, deretwegen wir Veränderungen doof finden und vermeiden können. Nicht dass das möglich wäre, aber das schlechte Gefühl scheint uns ein gutes Gefühl zu geben, so seltsam das uns hinterher auch vorkommt, wenn wir im Rückblick immer wieder erneut feststellen, dass die ganze Aufregung eigentlich übertrieben und nicht nötig gewesen wäre.
Wir sind schon komisch, nicht?
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