Ich bin immer wieder erstaunt, dass dieses Argument "erneuerbare Energien funktionieren ja nicht, sobald es mal keinen Wind und keine Sonne gibt" immer noch kommt, obwohl das Problem gar nicht existiert, denn Wind und Sonne gibt es ja immer irgendwo.
Ok, ich erklärs halt doch noch mal: Wenn sich ein Windrad wegen Windflaute nicht dreht, drehen sich tausend andere Windräder immer noch, denn auch wenn es irgendwo lokal grade für ein paar Stunden mal keinen Wind gibt, hört der Wind ja nicht im ganzen Land auf, zu wehen. Je mehr Windräder es also gibt, desto weniger Schwankungen gibt es im Netz.
Das ist also (wieder mal) ein Induktionsfehler - der Fehlschluss, bei dem von einem Extremfall auf das große Ganze geschlossen wird: Windstille und Lichtstärkeunterschiede sind vereinzelte, lokale Probleme. Die können durch Redundanz, Diversifikation, Speicher und Vernetzung ausgeglichen werden.
Das heißt, die Lösung ist der Ausbau mit weiteren Wind und Solaranlagen, nicht deren Abbau.
Je mehr Wind und Solar, desto stabiler das Netz.
Und by the way: Wenn ein AKW abgeschaltet werden muss weil es z.B. im Sommer zu wenig Wasser zum kühlen gibt, erzeugt es tatsächlich komplett keine Energie mehr. Wenn ein Windrad abgestellt wird, gibt es noch zig Windräder, die weiterhin funktionieren.
Wenn diese Leute sich also wirklich Sorgen um die Stromversorgung machen würden weil ein einziger Ausfall sofort einen Blackout herbeiführen könnte, müssten sie sogar genau aus diesem Grund den Neubau von zentralisierten Kraftwerken - wie eben AKW - ablehnen, nicht den Ausbau eines resilienten, verteilten Netzes aus vielen autarken Stromerzeugungsquellen, das nie komplett ausfallen kann.
Kategorie: ".. kommunikation"
Der Grund, warum ich immer wieder erkläre, was der Induktionsfehler ist, ist dass ich glaube, dass er ein Schlüsselinstrument von Populisten ist und dass es nicht mehr funktioniert, sobald man ihn erkennt. Und es ist sehr einfach, ihn zu erkennen und seine Medienkompetenz darauf zu trainieren, ihn zu erkennen. Das ist so wie wenn man Menschen Kerning erklärt und ab diesem Moment sticht ihnen das fehlende Kerning bei jedem zweiten Werbeplakat ins Auge (was schrecklich annoying ist).
Ich erkläre erst mal, was der Induktionsfehler ist:
Induktion ist, wenn man von einem Detail auf das Gesamtbild schließt. Der Fehler ist, wenn man das - und das ist in Medien und Politik seit ca 15 Jahren die etablierte Norm - nur mit den Extremen macht. Dann sieht die Welt unrettbar gespalten aus. Man sieht aber nur 10% (5% von jeder Seite) der Gesamtheit. 90% ist ausgeblendet.
Populisten nutzen diesen Trick, um genau dieses Bild einer gespaltenen Gesellschaft zu erzeugen. Sie amplifizieren Extreme und mehr noch: Sie erfinden sie sogar, wenn es keine gibt. Sieht man immer dann, wenn ein Gesetzesvorhaben diskutiert wird und sofort nur noch ein einziges Szenario als Referenz für seinen Sinn oder Unsinn herangezogen wird, das aber eben nicht der 80% Normalfall ist sondern die eine enorm detailliert konstruierte Sondersituation, in der das Gesetz nicht funktioniert.
Beispiele gibt es genug:
Ich hab das erste mal während der Corona-Lockdowns darüber geschrieben, wie Umfragen über die Maßnahmen genau das Gegenteil dessen aussagten, was über genau diese Umfragen geschrieben und gesagt wurde.
Dann kann man sich die Cannabislegalisierung ansehen. Ich sehe als Nichtkonsument keinerlei Unterschied zu vorher. Ich seh auch keine kiffenden Menschen an jeder Straßenecke oder die Schwemme an Drogentoten.
Das waren und sind sogar bar jeder Sichtbarkeit in der Realität die Horrorszenarien, die hier aufgefahren wurden und werden.
Oder wisst ihr noch, als die Ehe für Alle dafür sorgte, dass jetzt jede*r seinen Hund heiraten will? as war das Szenario, das gegen die Ehe für Alle sprach.
Die Argumente gegen Erbschafts- und Reichensteuer funktionieren genauso: Es besteht eine mikroskopisch kleine Möglichkeit für jede*n Menschen, der gerade nicht reich ist, in seinem Leben doch noch reich zu werden. Diese eigentlich nicht vorhandene Chance reicht aber vielen aus, präventiv ihr gar nicht vorhandenes Geld schützen zu wollen.
Ein Beispiel, wo der Induktionsfehler auch super funktioniert hat ist das Heizungsgesetz. Eine Wärmepumpe kostet im Endeffekt dasselbe wie zB eine Gastherme und für die zusätzliche Umstellung bekommt man eine Förderung. Das Szenario war aber: Der Kauf einer Wärmepumpe macht dich unweigerlich Bankrott. Die Behauptung war, man müsse dafür das ganze Haus dämmen und eine Fußbodenheizung einbauen und schon war die Rechnung so exorbitant, wie man es darstellen wollte. Und diese ins extrem aufgeblähte Rechnung wurde dann zur Referenz für alle erklärt.
Wo wir den Induktionsfehler gerade auch sehen ist beim Thema Bürgergeld. Politiker und Medien diskutieren nur über Empfänger*innen, die "faul" sind und "nicht arbeiten wollen, obwohl sie könnten". Denen stehen die "braven Arbeitenden" gegenüber, die das sehen und denken "dann arbeite ich jetzt auch nicht mehr". Wo wir doch Fachkräftemangel haben. Das ist ein geradezu absurdes Fantasieszenario, das aus mehreren Details zusammengestückelt ist, die eigentlich nicht mal zusammenpassen. Was man aber nicht sieht, wenn man das Gesamtbild ausblendet:
1. Der Anteil der Bürgergeldempfänger*innen, die wirklich "nicht arbeiten wollen" ist lächerlich klein (https://www.fr.de/verbraucher/statistik-zeigt-zahl-totalverweigerer-empfaenger-buergergeld-aktuelle-zr-92901745.html).
2. Es gibt seit der Einführung des BG keine Abwanderung von Arbeitenden (https://www.rnd.de/politik/buergergeld-seit-start-wechseln-weniger-menschen-von-arbeit-in-die-grundsicherung-YJYGLWSCQJJKFFZFXAFGM2SVWQ.html).
3. Der Fachkräftemangel hat gar keinen Bezug zum Bürgergeld. Fachkräfte verdienen ja gut.
Das Szenario ist ein Extrem, das ein unwahrscheinliches Extrem erzeugt und ein unmögliches Extrem bewirkt. Dieses völlig absurde Konstrukt ist aber das Szenario, mit dem derzeit die politischen Entscheidungen zum Bürgergeld getroffen werden.
Der leider erfolgreichste Induktionsfehler derzeit ist natürlich der, der sich gegen Immigrant*innen richtet und den gerade sämtliche Parteien bedienen als gäbs kein Morgen.
Es gibt gerade weder besonders hohe Einwanderungszahlen, noch steigende Gewalt, noch irgendwelche anderen besonderen Belastungen. Es hat sich seit Jahren nichts verändert. Die Lage war völlig stabil. Dass jetzt Immigrant*innen von fast ALLEN Parteien in Gefahr gebracht werden indem sie eine Gewalttat eines Asylbewerbers dazu nutzen, alle Immigrant*innen als Verbrecher*innen zu diffamieren, ist nur noch verachtenswert.
Deshalb ist der Induktionsfehler nicht nur ein rhetorischer Trick (wenn man ihn absichtlich nutzt) oder Irrtum (wenn man drauf reinfällt), sondern gefährlich und wir alle sollten lernen, Induktion sofort zu erkennen und dann sofort darauf hinzuweisen, sobald er irgendwo auftaucht. Und er wird auftauchen: Sobald man ein Auge dafür hat, sieht man ihn überall.
Kommunikation kann davon profitieren, wenn man die Prozesse der Informationsvermittlung richtig (aus)nutzt. Daher kann es gefährlich werden, wenn Medienprozesse sich nicht verändern. Die AfD und andere Populisten sind super darin, das Medienverhalten zu analysieren, die Schwachstellen zu finden und dann dazu zu nutzen, ihre Inhalte so darin unterzubringen, dass sie nahezu ungefiltert ans Publikum weitergereicht werden.
Wir können mit den Demonstrationen gegen Rechtsextremismus derzeit beobachten, was passiert, wenn so eine etablierte Kommunikationsschleife durchbrochen wird und Populisten ihre Deutungshoheit und Initiative verlieren.
Wie die AfD es schaffte, über Jahre ihre Narrative in die Medien zu puschen und warum Kommunikationsmenschen seit Jahren ungehört erklären, warum es wichtig ist, dass sich Medien hier anders verhalten, erklärt der Soziologe Nils C. Kumkar mit drei Punkten.
1. Die AfD hat es geschafft, sich als das grundlegende "Nein zur Politik" zu etablieren.
2. Die AfD spricht Menschen mit Abstiegsängsten an.
3. Sie erreicht die 20% der Bevölkerung, die einfach generell fremdenfeindlich sind.
Dazu meine Anmerkungen:
zu 1. Die wichtigste Grundregel des Populismus ist die 100% Ablehnung von einfach allem. Egal, zu was man gefragt wird, es ist Mist und man ist dagegen. Deswegen ist es auch egal, ob man Gegenargumente hat, wenn man mit ihnen spricht und eigentlich ist die richtige Reaktion auf Leute, die grundsätzlich alles ablehnen, sie stehen zu lassen und die Dinge zu tun, die man tun möchte. Man kann niemanden "mitnehmen", der nicht mitgenommen werden will und das einzige, das man schafft, wenn man es versucht, ist ihnen ein Machtgefühl zu geben, das aber fest an ihre Ablehnung geknüpft ist. D.h, jedes Entgegenkommen wird als Schwäche des Feindes interpretiert, sie werden in ihrer "Unnachgiebigkeit" bestärkt und sie werden ihre Ablehnung beibehalten und sogar noch verstärken, um ihre gefühlte Macht zu behalten.
zu 2. Angst erzeugen ist einfacher als Angst nehmen. Daher wird die AfD hier immer einen Vorsprung haben, sobald man sie sprechen lässt. Es ist auch egal, ob diese Ängstszenarien völlig übertrieben oder sogar komplett irreal sind, wie die von millionenfachen Impfschäden, dass Ausländer die Bevölkerung austauschen oder dass es zu Stromblackouts kommt, wenn wir keine Atomkraft mehr nutzen.
Gegen diese Szenarien zu argumentieren hält sie länger am Leben als sie mit "Das ist halt Quatsch und über solchen ausgedachten Blödsinn rede ich nicht mit dir, das kannste mit deinen Verschwörungsmärchenfreaks diskutieren" abzuschmettern.
zu 3. Da sagt Kumkar bereits das Richtige: Diese Leute werden dann aktiviert, wenn ALLE über das Thema sprechen, nicht nur die, die ohnehin fremdenfeindlich sind.
Denn wenn ein Thema als politisches "Problem" hochgejazzt wird (obwohl es in Deutschland gar keine nennenswert hohen Einwanderungszahlen gibt und das somit gar kein reales Problem ist), braucht sich die AfD ja nur hinstellen und sagen: "Nur wenn ihr uns wählt, bekommt ihr wirklich, was ihr wollt", weil sie sich gar nicht die Mühe machen müssen, Einwanderung als Problem zu framen - das machen die anderen ja bereits.
Mit anderen Worten: Alle drei Punkte zeigen, was Medien und Politik seit mindestens 2015 falsch machen und was Soziolog*innen und Kommunikationsleute schon immer bemängeln: Man spricht nicht mit Extremisten, sondern über sie - nur so behält man die Deutungshoheit.
Und wie Kumkar sagt: „Sobald die Debatte nicht mehr um ihre Themen kreist, hat die AfD Schwierigkeiten.“
Die Forderung nach "Friedensverhandlungen statt Waffenlieferungen" beinhaltet zwei Tricks, die in den letzten Jahren inflationär genutzt werden - leider weil es so gut funktioniert:
Der erste Trick ist, etwas so zu fordern oder zu behaupten, dass es sich so anhört als ob das, was gefordert oder behauptet wird, noch nie passiert ist.
"Die Klimaaktivisten sollen erst mal Vorschläge machen!"
Fakt ist aber: Natürlich machen sie seit Jahren Vorschläge.
"Deutschland zahlt als einziger die Entwicklungshilfe für alle anderen!"
Fakt ist aber: Natürlich zahlen andere auch und oft genug auch wesentlich mehr.
"Warum muss ausgerechnet Deutschland als einziger alle Flüchtlinge aufnehmen?"
Fakt ist aber: Deutschland ist weder das einzige Land, das Flüchtlinge aufnimmt und auch nicht das, das die meisten aufnimmt.
"Warum soll Deutschland immer vorangehen und zuerst seine ganze Wirtschaft auf Nachhaltigkeit umstellen?"
Fakt ist aber: Deutschland ist so langsam, dass wir inzwischen so weit hintendran sind, dass es schon ein Wunder bräuchte, um in einer absehbaren Zeit wenigstens ins Mittelfeld aufschließen.
Und genau so ist es mit "Verhandlungen", die angeblich nicht stattfinden, weil man ja lieber Waffen liefere: Selbstverständlich gab und gibt es und wird es selbstverständlich auch weiter Versuche für Verhandlungen geben. Sie haben halt bisher nichts erreichen können. (*Waffenlieferungen und Sanktionen erhöhen sogar wie Wahrscheinlichkeit für Verhandlungen, denn ihr Zweck ist ja, den Druck hoch zu halten, damit Putin auch irgendwann merkt, dass er nicht ohne Verhandlungen weiter kommt).
Aber es geht noch weiter, das war ja nur ein Trick: Diesen kombiniert man nämlich auch noch mit einem zweiten Trick, nämlich der angegriffenen Partei zu unterstellen, das Gegenteil von dem zu wollen, was man sich gerade als eigene Forderung rausgepickt und so zuvor unterstellt hat, dass es nicht passiert. Also "Waffen liefern".
Es ist allerdings so: Niemand _will_ das und man sieht das zB daran, wie lange das dauert und wie lange sich zB der Kanzler geziert hat, überhaupt das Wort "Waffenlieferung" in den Mund zu nehmen.
Warum macht man das? Es geht den "Friedensaktivist*innen" um Wagenknecht und Schwarzer nicht um Frieden. Es geht - wie allen Populisten - um eine Erzählung, in der es zwei absolute Seiten gibt. Die eigene und die falsche. Das geht nur, wenn die andere Seite vollständig abgelehnt werden kann. Und dafür muss man die andere Seite erst mal so konstruieren, dass alles, was man selbst behalten will, dort nicht mehr vorhanden ist. Also darf der Gegner nicht mehr "Frieden wollen" und "verhandeln". Und daher formuliert man seine Forderungen so, dass es einen Gegensatz gibt und verknüpft das mit der Behauptung, der Gegner wolle das Gegenteil von "uns".
Wer diese Rhetorik verwendet, dem geht es um etwas anderes als die Sache, von der er spricht. Denn sie ist austauschbar. Seit mindestens 2015 erzählen die immer gleichen Leute mit der immer gleichen Rhetorik, dass es ein "Wir" und ein "Die" gibt. Das Thema wechselt: Asylbewerber*innen, Flüchtende, Vegane Freitage, Corona-Impfungen, Gendern, Klima.
Wenn man das Prinzip dieser Rhetorik ein mal verstanden hat, ist es erstaunlich einfach, zu erkennen, wenn sie wieder mal angewendet wird. Es lohnt sich also, darauf zu achten. Denn es ist wie bei des Kaisers neuen Kleidern. Wenn man einmal gesehen hat, dass der Kaiser nackt ist, können die Wagenknechts, Schwarzer, Höckes, Merze oder Lindners sich den Mund fusselig reden: Man erkennt es sofort als das Gaslighting, das es ist.
Eines der weit verbreitetsten Kommunikationsprobleme derzeit ist, dass Menschen zwar sagen, sie möchten einen Kompromiss, dann aber eine unverrückbare Position einnehmen, was ihre eigenen Anforderungen angeht. Das heißt: Alle anderen sollen sich bewegen und ihnen entgegenkommen, denn der gemeinsame "Middle Ground" ist für diese Menschen dort, wo sie selbst stehen und sich nicht bewegen.
Das liegt daran, dass wir für Kompromisse Rahmenbedingungen festlegen müssen. Was eigentlich auch erst mal gut ist, denn natürlich sind nicht alle Anforderungen verhandelbar. Aber diese nicht verhandelbaren Eckpunkte für eine Entscheidung müssen die sein, die entweder für alle als unverhandelbar gelten und nicht nur für eine Partei oder es sind die Minimalanforderungen einer Partei. Und genau hier passiert es eben, dass jemand versucht, seine Maximalanforderung einzukippen.
Was ich in Workshops tue, um eine solche Situation zu klären ist, alle "Muss"-Kriterien aufzuschreiben und dann alle Teilnehmenden ankreuzen zu lassen, welche für sie ebenfalls "Muss"-Kriterien sind. Daraus ergibt sich meist eine Liste, in der es vielleicht ein 100%iges "Muss" gibt und noch ein oder zwei mit einer hohen Mehrheit. Dann hängen wir die untereinander und überlegen, wo die Linie ist (nur die 100%? bis zu 60%? Oder nehmen wir alles?), die bestimmt, was auf jeden Fall beachtet werden muss.
An dieser Stelle kommt es natürlich vor, dass auch mal eine Person ihren einen Punkt unbedingt durchsetzen will, obwohl alle anderen sagen, dass er kein "muss" ist. Das ist dann der Moment, an der ich erkläre, dass nur, weil etwas nicht in den kritischen Anforderungen steht, es nicht automatisch gar nicht beachtet wird. Die Anforderung ist ja da und es gibt mindestens eine Person, die diese Anforderung stellt. Also werden wir auch alles dafür tun, dass sie beachtet wird. Nur wenn eine "muss"-Anforderung nicht umsetzbar ist, weil diese Anforderung das gesamte Projekt verhindert, fällt sie raus und selbst dann ist es nicht so, dass sie für immer draußen bleibt, denn wir können Dinge ja immer verändern und es kann später eine Möglichkeit geben, diese Anforderung noch zu integrieren. Oder uns fällt eine Möglichkeit ein, noch etwas anderes zu tun, das dabei hilft, das was fehlt über eine andere Maßnahme abzufangen. Das ist in einem professionellen Umfeld alles möglich, braucht aber viel Arbeit, viel Aufmerksamkeit und ein grundsätzliches Vertrauen untereinander.
In typischen Online-Diskussionen hat man das alles aber nicht. Im Gegenteil: Wird über Themen diskutiert, bei denen sich Anforderungen gegenseitig störend auswirken, dominiert Misstrauen und Unverständnis für die Position des Gegenübers. Und das führt dazu, dass man sich direkt als Minderheit und Einzelkämpfer*in gegenüber einer Oppositionsmehrheit betrachtet. Lustigerweise tut das aber jede einzelne Person. Und jede Person versucht daher, ausschließlich ihre Position zu verteidigen und stellt Maximalanforderungen selbst dann, wenn sie glaubt, es sei keine. Sind sie aber fast automatisch, denn in der Verteidigung fragt man nicht "was brauchen _wir_" (auch wenn natürlich "wir" gesagt wird), sondern "was brauche _ich_" und schlimmer: Jede andere Person, die meine Anforderung nicht genauso wichtig nimmt wie ich, scheint das aus böser Absicht zu tun und will auf keinen Fall, dass sie erfüllt wird (dabei teilt sie sie nur nicht - was nicht heißt, dass er sie nicht erfüllen kann). Also kämpfe ich nun gegen die Anforderungen der anderen. Womit ich genau das tue, was ich den anderen unterstelle. In dieser Situation ist es nicht möglich, eine Lösung zu finden und am Ende ist keine Anforderung erfüllt.
Wer es unglücklicherweise da am Einfachsten hat sind die, die den Status Quo nicht verändern wollen. Die brauchen nur genug Konkurrenzkampf und die eben beschriebene vergiftete Debatten-Situation unter allen erzeugen, die etwas ändern wollen. Und dann ändert sich gar nichts.
Um mal wieder einen aktuellen Anlass (Xavier Naidoos Versuch, in die Konsensgesellschaft zurück zu kommen) für einen Artikel zu nutzen, schreibe ich was über Krisenaussteiger und ihre "Rückkehr".
Erstmal zur Lage: Ich hab ja schon gesagt, dass die Gesellschaft sich gar nicht so sehr "spaltet", wie es in Medien gerne dargestellt wird, sondern dass das ein Logikfehler ist: Die Mehrheiten in der Gesellschaft verändern sich gar nicht so sehr, wir beschäftigen uns nur viel mehr mit den Extrempositionen, wodurch die Verhältnisse unsichtbar werden.
Der 2. Faktor, der gerne falsch dargestellt wird und sich als ein Folgefehler daraus ergibt ist, dass sich hier gar keine zwei Extreme bilden, sondern nur eines: Menschen, die auf Krisen mit Realitätsflucht reagieren, spalten sich ab. Die Mehrheit bleibt aber einfach dort, wo sie ist. D.h die Dynamik ist eigentlich, dass sich ein gewisser Prozentsatz von Menschen aus dem gesellschaftlichen Konsens ausklinkt und in eine Parallelrealität wechselt.
Was gut ist: Die meisten von ihnen kommen nach der Krise auch wieder zurück. Soviel also vorweg.
Worum es mir jetzt geht ist die Dynamik, die sich an genau dieser Stelle ergibt, die man auch bei Naidoo grade beobachten kann*: Das Misstrauen gegen die Rückkehrer ist massiv und das ist auch verstärkt dadurch, dass es so klingt, als ob sie relativ locker damit umgehen: "Bin da ein bisschen auf Quatsch reingefallen, aber jetzt ist wieder alles klar" und wir denken "WTF, Du hast 2 Jahre total am Rad gedreht, hast gefährliche Verschwörungsmythen verbreitet, warst super aggressiv, Du hast alle um Dich herum gefährdet und Dich dabei auch noch als Opfer gebärdet. Wie kommst Du darauf, dass wir jetzt sagen 'Ach prima, dann hallo, magst Du nen Kaffee? Was machen wir morgen?'"
Diese Diskrepanz werden wir im Laufe der kommenden Zeit öfter spüren und ich möchte erklären, wieso unsere Rückkehrer so entspannt sind und wir nicht: Das kennen wir nämlich von woanders. Wer mit Kindern eine lange Strecke fährt, hat sicher schon mal erlebt, wie nervig es sein kann, wenn die Kids die ganze Fahrt lang immer weiter eskalieren. Nach dem hundertsten Mal "Wann sind wir da?" und "Wie lange dauerts noch?" und "Ich will nach Hause!" ist auch der geduldigste Mensch mit den Nerven durch und völlig fertig, wenn man endlich zu Hause ist. Denn nicht nur hat man vier Stunden fahren müssen, sondern auch zusätzlichen Stress ausgehalten, weil man die Kids trösten, beschwichtigen, beruhigen musste (oder die Nerven verlor und selbst aggressiv wurde).
Es ist aber auch so, dass sobald man zu Hause ist, die Kinder auf einen Schlag wieder völlig entspannt und gut gelaunt sind und überhaupt kein Bewusstsein dafür zeigen, warum die Eltern immer noch so gestresst sind: Wir sind doch jetzt da. Ist doch alles prima.
So ähnlich wie den Kindern geht es den Rückkehrern: Sie melden sich bei einem, als wäre nichts gewesen und verstehen gar nicht, warum man ihnen so reserviert begegnet: Die Krise ist doch rum, jetzt können wir uns doch wieder treffen. Dass sie uns 2 Jahre das Leben schwerer gemacht haben, als es mit der Krise für alle eh schon war, kommt ihnen nicht in den Sinn. Was auch logisch ist, denn sie waren ja nicht in unserer Welt sondern in ihrer eigenen und haben daher überhaupt keinen Bezug zu unserem Erleben. Und mit dem Abschluss der Krise schließen sie auch mit ihrer Parallelwelt ab. Das heißt, sie haben überhaupt keinen Ballast, den sie mitbringen und können sich quasi ganz entspannt wieder in den Alltag einfügen, den sie zuvor ohne es zu merken mit ihrem Verhalten massiv belastet haben.
Daher stellt sich die Frage: Wie gehen wir damit um? Kindern kann man keinen Vorwurf machen, wenn sie nach der stressigen Autofahrt einfach wieder auf "normal" umschalten. Aber Erwachsenen? Die auch noch beleidigend waren, Hass verbreitet haben, ihre Umwelt gefährdet haben?
Ich hab da keine pauschale Antwort. Ich nehme an, es kommt auf jeden Einzelfall an. Und auch, wie hoch die eigene Stressstabilität ist. Ob es noch etwas zu reparieren gibt und wie bereit der Rückkehrer ist, das zu reflektieren und zu verarbeiten. Aber vielleicht hilft ja schon, wenn man ein bisschen mehr darüber weiß, was da eigentlich passiert ist.
* 2 Disclaimer:
Ich behaupte hier nicht, dass alle Verschwörungsfuzzies so denken und dass für alle von ihnen gilt, dass sie nur für eine Weile aus realen Krisen flüchten. Es gibt zB auch gefährliche antidemokratische Leute, die genau wissen, was sie da tun.
Und: Es geht nicht um Naidoo. Er ist lediglich der Anlass für diesen Post gewesen. Ich glaube, dass Naidoo nur zu einem Teil in die beschriebene Kategorie fällt und er ganz andere Probleme hat, die wesentlich schwerer wiegen. Ich glaube nicht, dass er zB seinen Antisemitismus abgelegt hat oder es jemals tut. Der hat ja eine ganz andere Ursache und ist in seiner Weltsicht komplett internalisiert. Den bemerkt er auch gar nicht, er denkt ja sein Problem ist, dass er vor 2 Jahren noch weiter abgedriftet ist.