re:publica Tag 3. Ich will hier nicht weg
Am Ende hab ichs doch noch geschafft, meine Notizen fertigzuschreiben. Hier nun mit einiger Verspätung Tag Drei der re:publica (nicht dass es noch jemanden interessieren würde...):
- Heute morgen haben wir zum ersten mal den Weg von unserer Unterkunft zur Station ohne Umweg gefunden und festgestellt, dass man gerade mal sieben Minuten braucht. Ich bin also schwer dafür, die nächsten dreißig re:publicen... re:publicae... re:publicaten auch wieder dort zu veranstalten.
- Wie immer ist für mich der letzte Tag am entspanntesten. Ich kenne mich aus, es gibt klare Abläufe und Rituale, ich fühle mich zu Hause zwischen all den anderen wunderbaren Internet-Menschen und ich freu mich auf die gemeinsame Bohemian Rhapsody, die uns den Abschied leichter machen wird (dazu später).
- Angeschaut hab ich mir auch ein paar Sessions, es ging um Urheberrechte und um populäre Musik die leider im Gegensatz zu heute früher durchaus auch oft politisch war. Dann um den @regsprecher, der tatsächlich einen sympathischen Eindruck machte, was man ruhig zugeben darf, ohne dass man gleich in Gefahr geraten muss, demnächst CDU zu wählen. Außerdem hat Jens ihn mit seiner Frage nach der mangelhaften Umsertung des Informationsfreiheitsgesetzes aus der Plauderkomfortzone raus zu müssen. Die glitschige Um-den-Brei-Rethorik mit der er der Frage ausweichen wollte veranlasste die Moderatorin denn auch, ihm sehr freundlich noch mal klar zu machen, dass wir hier ja nicht doof sind und er davon ausgehen dürfe, dass wenn wir solche Fragen stellen wir schon wüßten, dass da was knkretes im Argen ist.
- Ohne zu Übertreiben würde ich dann sagen, dass eine re:publica ohne eine der Predigten von Felix inzwischen nicht mehr vollständig wäre. Natürlich weiß man irgendwie alles, was er so sagt. Aber ich finde seine Defnition des Internets so wichtig, dass wenigstens einmal im Jahr daran erinnert werden muss, dass es nicht um Klicks, Technik, Geld verdienen, Werbung, Daten oder Organisation derselben geht. Wenn das Internet allein von Sascha Lobo beschrieben worden wäre würde man nur die Hälfte sehen. Dass Felix jedes mal auch den menschlichen Aspekt einmahnt macht die Beschreibung für mich erst rund. Wo die Relevanz für Lobo in der Außenwirkung gesucht wird stellt Felix die ganz persönliche Relevanz in den Fokus - eine Sicht, die mir sehr viel mehr entgegenkommt und weit über die mir oft viel zu eng gefassten Relevanzkritien "direkte Reichweite" und damit verknüpfte "Monetarisierbarkeit" von dem hinausblickt, was man so mit und im Internet machen kann.
- Kathrin Passig, die weibliche Ausgabe von Felix, machte an dieser Stelle auch gleich weiter, indem sie die generelle vermeintliche Relevanz der Technik in die richtige Relation setzte indem Sie die völlig überzogene Kritik (unabwendbarer Weltuntergang) und die Euphorie (selbstverständlicher Weltfrieden) über diverse technische Errungenschaften der letzten Jahrhunderte vorstellte und die Ansicht vertrat, dass eventuell der Einfluss von technik auf die Gesellschaftsverhältnisse eher nicht so revolutionär sind wie man es sich vorstellt, wenn man selbst soeben damit konfrontiert wird.
- Die Verabschiedung war schön, die Helfer bekamen zu Recht viel Applaus und am Schluss spielte eine Band ziemlich vergeblich gegen die Enttäuschung an, dass wir nicht traditionell gemeinsam die Bohemian Rhapsody sangen. Wie konnte man uns das nur verweigern? Es war in den letzten zwei Jahren so schön, dass sich damit alle gemeinsam noch mal gemeinsam feierten. Ich wollte nicht besungen werden,das ist nicht dasselbe. Aber wir wurden versöhnt, denn die Bohemian Rhapsody wurde am Ende doch noch gesungen. Alles ist gut.
re:publica Tag 2. Infosturm und ein richtig schöner Abend
- Der Tag begann anders als gestern mit einem ausgiebigen Frühstück. Und diesmal haben wir den Weg schon ein bisschen besser gefunden. Morgen wissen wir ihn dann.
- Wie schon in den letzten Jahren verbrachte ich den zweiten Tag fast nur in Sessions. Ich glaube nicht, dass es viel bringt, die ausführlich zu beschreiben. Ich hab mir viel aus dem Segment angesehen, in dem es um Aktivismus geht. Was den Stand der Dinge im nahen Osten und in der damit verbundenen Szene so angeht fühle ich mich jetzt wieder ziemlich auf dem Laufenden.
- Die ÜbermorgenTV-Session war in dieser ganzen Reihe die am wenigsten staatstragende Session, aber ich habe diese kleine Abwechslung genossen. Und gesagt hab ich auch was, wenngleich auch die direkte Übernahme der im Film genutzen Neuwortschöpfung "Branf" nur Mario und ich witzig fanden.
- Ein wichtiges Highlight heute möchte ich dennoch einzeln erwähnen. Und zwar die Session "The Dark Side of Activism" wo es darum ging, daß man als Aktivist nicht nur die Ziele seiner Aktivität im Auge behalten sollte sondern auch auf sich und andere Aktivisten aufpassen muss - wobei es dabei nicht etwa um Gefahren durch Überwachung oder Repressionen ging. Es ging darum, einen Burnout zu verhindern, der zu Depressionen führen kann, die ganz konkret sehr gefährlich werden können, wenn da niemand hinschaut und eingreift oder schlimmer noch, abgetan wird. Dem Theorieteil war etwas schwer zu folgen, aber nachdem Stephan seine persönliche Geschichte ausrollte wurde das Thema sehr greifbar und die Tips, wie man selbst und wie die Gruppe die Warnsignale erkennt oder besser noch eine Situation verhindern kann, in der Menschen sich in einer permanenten Extrembelastung wiederfinden, waren praktisch und einfach. Für mich war diese Session eine der wichtigsten der Veranstaltung. Die ruhige und sachliche Art, in der sie stattfand gefiel mir auch. Dass solche und andere auf ganz konkrete Problemstellungen für diejenigen, die dieses Internet zu genau dem großartigen, gesellschaftsveränderndem Tool (Keine Sorge, Kathrin Passig, ich halte mich mit weiteren Prophezeiungen zurück) machen, ausgerichtete Sessions so breiten Platz im Programm bekommen ist meiner Meinung nach das, was die re:publica zu dieser besonderen Veranstaltung macht, die sie ist. Ich hoffe inständig, dass das so bleibt.
- Was auch bleiben sollte, sind solche Sessions wie die unglaubliche Spam-Lesung am Abend. Und dass diese Sachen nicht irgendwo in der Ecke sondern auf der verdammten Hauptbühne stattfinden.
- Was zwischendurch immer klappt - und das liegt an der großartigen Location und wie intelligent man diese genutzt hat - ist, mit irgendwelchen Menschen ins Gespräch zu kommen. Ich hab leider dieses miserable Namensgedächtnis, aber zumindest Malte hab ich mir gemerkt, bzw. sein Blog aufgeschrieben, der uns erzählte, dass er gleich mal mit einem kompletten Uni-Kurs hier war.
- Der Abend nach einem ganzen Tag Informationsaufnahme war extrem entspannt, ich hatte ein ganz wunderbares Gespräch mit Patrick (über dessen Inhalt er hier weitergedacht hat) und als auch noch Roland auftauchte war ich vollends in diesem typischen, inspirierenden re:publica Rausch angekommen.
- Nur, dass ich Anke auch heute nicht gefunden habe hat mich etwas geärgert, aber ich las zwischendurch ja, dass sie so wie ich auch heute nur von Session zu Session sprang, da war das jetzt nicht so verwunderlich. Morgen halt.
re:publica Tag 1. Neuer Ort, alte Gesichter
- Früh genug angekommen, um ohne lange Wartezeiten einzuchecken.
- Die neue Location ist zunächst irritierend, reagiere anfangs etwas autistisch. Nach ner Weile gehts aber - vor allem, weil ich mir diesmal vorgenommen habe, die Flucht nach vorne zu machen und einfach jeden anzuquatschen - und bis zum Abend war ich auch restlos begeistert von der Station. was für ein großartiger Ort.
- Begrüßung sehr nett, der Politiker den ich als Nichtberliner zum Glück überhaupt nicht kennen muss, langweilt ein wenig und als ein bärtiger Herr mit Plauderstimme zehn Minuten redet ohne dass ich auch nur im geringsten verstehe worüber verschwinden wir in die Halle um zu gucken, wer so da ist.
- Auf dem Affenhügel (Ausdruck bei Twitter aufgeschnappt) gesessen und versucht, trotz meines schlechtes Gesichtergedächtnisses so viele Leute zu erkennen wie möglich. Hat erstaunlich gut geklappt und ich fürchte, ich hab gar nicht Prosopagnosie sondern nur ein mieses Gedächtnis. Was natürlich sein kann ist, dass ich immer noch Tausende nicht erkannt habe, die jetzt denken, was ich doch für ein elitäres Arschloch bin.
- Vom Programm nichts mitbekommen. Das liegt aber nicht wie bei den letzten Veranstaltungen daran, dass ich mich nicht in die überfüllten Sessions setzen wollte sondern dass ich mit Sven ein paar Stunden für ein Interview am Reichstag herumlungerte. Das war sehr lustig und ich hoffe, dass Mia am Ende genug Material hat, aus dem man was machen kann. Wir haben nämlich eigentlich die ganze Zeit Blödsinn gemacht. Wobei: Wenn am Ende nur der Blödsinn gesendet wird ist das ja auch gut.
- Mit Udo in der großartig knallenden Sonne gestanden und Bier getrunken. Dabei die Berliner Memmen ausgelacht, die über die Hitze gejammert haben.
- Sascha Lobos Vortrag war wie immer sehr unterhaltsam. Er hat einige ganz gute Punkte gestreift, war aber dieses mal irgendwie arg zerfasert und noch oberflächlicher als man es gewohnt ist. Und der Ton war komisch eingestellt. Oder lispelt er seit neuestem wirklich so stark?
- Ich habe Anke nicht gefunden. Aber wir haben getwittert.
- Mehr Links bau ich hier wahrscheinlich heute Abend oder Montag ein. Oder gar nicht.
Planung
Nächste Woche bin ich in Berlin wieder auf der re:publica. Da meine Einreichung dieses Jahr nicht durchkam diesmal nur als Zuschauer, was auch ganz nett ist. Ich bin sehr gespannt auf die neue Location, die ich wunderbarerweise zu Fuß erreichen kann, indem ich einmal längs durch den Gleisdreieckpark laufe.
Interessanterweise bin ich dieses Jahr zum ersten Mal nicht "alleine" dort - moment, ich meine nicht, dass ich mich da je alleine gefühlt habe, ich habe seit dem ersten Bloggertreffen 2005 so viele wunderbare Freundschaften geschlossen, dass ich immer das Gefühl hatte, ein großes Familientreffen zu besuchen - sondern es kommen diesmal auch einige Menschen, die ich aus anderen Kontexten und vor allem von außerhalb Berlins kenne. Das ist tatsächlich irgendwie spannend für mich, da ich damit etwas fremdle (was sich sicher mit meinem Asperger erklären ließe und nicht an den Leuten lieg, die da kommen).
Direkt Montag gibts auch gleich noch einen Filmtermin, auf den ich mich auch freue, da ich zum ersten Mal überhaupt zusammen mit meinem Zwilligsbruder in einem kurzen Filmbeitrag zu sehen sein werde. Worum es geht verrate ich allerdings noch nicht. Nur soviel: Es wäre ein Teil meines Vortrages für die IA-Konferenz gewesen, die dort nicht genommen wurde. Selber Schuld :-b
Jedenfalls bin ich schon total aufgeregt und ich freue mich irrsinnig, Caro, Felix, Nuf, Nilz, Don und all die vielen anderen tollen Leute wiederzusehen, die ich seit Jahren ins Herz geschlossen habe. Das wird so toll!
(Übrigens: Mich kann gerne jede/r anquatschen. Ich bin total umgänglich und lieb, nur bei Veranstaltungen mit vielen Menschen auch gern ein totaler Blindfisch.)
Berlin
Seit ein paar Jahren bin ich Anfang des Jahres immer für ein paar Tage in Berlin. Die letzten drei Jahre wegen der Re:Publica, aber als ich heute alte Fotos durchklickte stellte ich fest, dass ich auch davor schon nahezu jedes Jahr im März oder April einen Ausflug nach Berlin gemacht hatte.
Vielleicht verbinde ich deshalb damit den Beginn meines Jahres - also der Zeit, in der ich aus dem Winterschlaf und der schlechten Laune des Jahresbeginns herausfinde und wieder in einen konstruktiveren Modus komme. Gestern bin ich zurückgekommen von vier Tagen Berlin, in denen ich eigentlich nicht viel gemacht habe außer zu versuchen, mich zu erholen. Was nicht sehr leicht ist, wenn man eigentlich schlecht gelaunt und unruhig ist, weil man das Gefühl hat, es geht grade nicht weiter bzw. man nicht weiß, wo und wie man das Jahr endlich mal anfangen kann.
Aber es ging. Eineinhalb Tage hat es gedauert, dann war ich mit der Situation halbwegs im Reinen und ich konnte damit beginnen, mich zu entspannen. Am Freitag trieb es mich fast fluchtartig aus dem Haus und bin dann durch die Ecken von Berlin spaziert, in denen ich Anfang 2001 das erste mal gewesen bin.
Ab da wurde es besser. Ich hab mich zu einem gemütlichen Käffchen und Bier mit Stephan getroffen und am Samstag war auch das Wetter dann so schön, dass wir uns so lange in den Park und zu Grillfleisch und Mate den Biergarten setzen konnten bis ich mir damit den ersten leichten Sonnenbrand erarbeitet hatte. gestern dann hatten wir eine derart friedliche Heimfahrt, dass ich sehr entspannt zu Hause ankam.
Eine echte Idee für "wie gehts dieses Jahr weiter" hab ich zwar immer noch nicht, aber der Frust und die Unruhe sind weg. Das allein tut mir schon so gut, dass ich mich viel besser fühle als vor dem Urlaub. Und darum ging es doch. In zwei Wochen dann bin ich wieder in Berlin und ich bin gespannt, ob ich dann mit einer guten neuen Idee für's Jahr zurückkomme...
Wir wollen eine Kostenlosgesellschaft
Das soll also das Hauptargument der Kampagne sein, mit der man der "Netzgemeinde", deren Vereinen und auch den Piraten entgegentritt? Wirklich? "Die wollen alles umsonst!"? Ein Argument, dass ungefähr so lange funktioniert, bis man jemanden danach fragt und der sowas sagt wie "Nö, wir wollen eigentlich nur einen der Zeit angemessenen fairen Interessenausgleich zwischen Künstlern, Verwertern und Konsumenten, da es momentan ein Missverhältnis gibt, das stark zu Gunsten der Verwerter und zu Ungunsten von Künstlern und Konsumenten ausfällt"? Was glaubt ihr denn, wie erfolgreich das funktioniert? Ungefähr so erfolgreich, wie Kohl und Strauß in den Achtzigern die Grünen als "Anarchisten und Terroristen" bezeichnet haben? Meint ihr nicht, dass nicht schon oft genug bewiesen wurde, dass nicht Ernst nehmen einfach nicht klappt? Dann müsst ihr halt noch mal da durch.
Ich wüßte ja wirkliche Probleme, die man bei Piraten oder Nerds oder der vermeintlichen "Internetgemeinde" ansprechen könnte - die noch viel zu hohe Selbstbezogenheit in den Zielen zum Beispiel. Oder dieses immer erstmal zu kurz springen - gerade wenns darum geht, Autoren und Künstler zu verstehen. Oder dass man immer erst mal mit Arroganz und Großkotzigkeit reagiert, wenn man ihnen diese oder jede andere Ignoranz nachweist (Hat einer der Piraten noch mal Lust auf ein paar echt peinliche Zitate zum Thema Feminismus? Ich hab nen ganzen Order voll). Oder - was ich auf der re:publica thematisiert hätte, wäre mein Vortragsthema ins Programm gekommen - dass Nerds einen ziemlich gefährlichen Hang zu Technokratie haben und ihre ganz eigene Spießigkeit pflegen.
Es gibt also Kritikpunkte. Und es gibt auch Bewegung und Entwicklungen. Aber die gibt es zum Beispiel ausgerechnet beim Urheberrecht, wo es inzwischen auf Grund dessen, dass sich Künstler bei den Piraten engagieren, auch rumgesprochen hat, dass es Unterschiede zwischen Kunst/Kultur und Wissenschaft/Forschung gibt und die "Freiheit aller Information" für letztere ja ganz sinnvoll ist, aber für erstere so eben nicht funktioniert, sondern gesondert betrachtet werden muss. Und da passt der Vorwurf "Die wollen alles umsonst!" ja schon jetzt nicht mehr.
So lange man also bei Strohmann-Argumenten bleibt - zu denen auch "Die haben ja immer noch nur ein einziges Thema!" und "Das ist ja nur ne Protest-Partei!" gehören - und selbst nichts wirklich signifikantes an der eigenen Art und Weise, Politik zu machen ändert (außer etwas symbolisches Mimikri zu betreiben), wird man sich also weiterhin Wahl für Wahl wundern, wer die Piraten warum wählt und die Wähler, die offensichtlich schon längst die Alternative zur vielbeschworenen Alternativlosigkeit sehen, beschimpfen. Und ich schau ihnen weiter dabei zu und amüsiere mich.
Die Tyrannei der Masse
beschwor FDP-Generalsekretär Döring am Sonntag herauf. Dies im Zusammenhang damit, dass bei einer Wahl eine Partei bei ihrer ersten Beteiligung in einer Landtagswahl ganz im Gegensatz zu seiner eigenen Partei eine hohe Stimmenanzahl erreichte.
Man kann sich natürlich darüber empören, ich finde aber, dass man hier einen viel interessanteren Aspekt betrachten kann, als nur ein seltsames Demokratieverständnis und allein "schlechter Stil" triffts auch nicht (das ist schlechter Stil).
Womit die klassische Politik gerade konfrontiert wird - nicht nur in Deutschland sondern überall - ist das Ergebnis einer Erkenntnis, die den ehemals brav einem geregelten Politikbetrieb folgenden Wähler traf: Der Erkenntnis, dass Politiker nicht qua Amt automatisch besser wissen, wie die Dinge laufen müssen. Eigentlich kann jeder, der sich ein wenig informiert oder die ein oder andere Ahnung von Abläufen und Prozessen hat oder zumindest eine Vorstellung entwickelt, wie etwas funktionieren könnte genauso gut - oder schlecht - Politik machen. Und die Piraten entwickelten sich innerhalb von ein paar Jahren zu der Partei, die für diese Erkenntnis ein Vorgehensmodell entwickelt hat. Das konnte sie auch, denn sie hat sich aus denjenigen, die diese Erkenntnis als Grundlage einer neuen Art, sich am Politikbetrieb zu beteiligen entdeckten gebildet. Und sie muss daher nicht erst einen langwierigen Umdenkprozess einleiten und durchschreiten, so wie es die anderen Parteien nun tun müssen, wollen sie sich auf diese neue gesellschaftliche Entwicklung einstellen.
Herr Döring spricht für diejenigen, die es noch nicht wollen. Er ist einer derjenigen, denen die 99% schon zu mächtig werden, wenn man ihre Stimme zu laut hört und die Tyrannei der Masse ist das Bild, mit dem sie diejenigen beschreiben, die gerade Wege finden, sich ihre Teilhabe an den gesellschaftlichen Entscheidungen zu erarbeiten.
Ist das skandalös? Ganz und gar nicht. Es ist menschlich. Döring ist einer derjenigen, der bei Veränderungen eine Facebookgruppe "Wir wollen, dass alles bleibt, wie es bisher war!" gründet. Und letztendlich irgendwann entweder die Veränderung akzeptieren muss, wenn er weiterhin in der sich einfach ohne seine Erlaubnis verändernden Gesellschaft eine Rolle spielen will oder er schmollt eben weiter und bleibt zurück. Die Akzeptanz fällt da schwer, denn man hatte es ja wirklich bequem in der politischen Parallelwelt, in der die tatsächlichen Anliegen der Bürger ungefähr an vorletzter Stelle der Prioritäten rangierte.
In den Medien widerholt sich dieser Tage auch noch ein anderer Begriff, der mehr über den Verwender als über die damit beschriebene Situation verrät: Sie sprechen beim Saarländer Wahlerfolg der Piraten von einem "Phänomen" - also einem "mit den Sinnen wahrnehmbaren, einzelnen Ereignis" -, das alle überrascht habe. Und auch das ist ein schönes Symptom: Überraschend ist das nämlich nur für diejenigen, die das einzelne Ereignis wahrnehmen. Viel weniger überraschend ist es für diejenigen, die die Veränderungen, die eine vernetzte Welt in den letzten 15 Jahren langsam mit sich brachte und immer noch weiter bringt, wahrnehmen. Also nicht das einzelne Ereignis betrachten, sondern den Prozess beobachten, erleben oder sogar mitgestalten.
Die Tyrannei der Masse hat sich schon längst konstruktive Mittel und Prozesse gegen die Tyrannei des von wenigen verwaltet werdens geschaffen: Crowdsourcing statt Zentralmedien, Crowdfunding statt Kreditwirtschaft, Creative Commons statt Verwertungsdiktatur. Es gibt schon längst eine digitale Almende, gegen die Rückeroberung von Kultur dadurch, dass man sie einfach nutzt, teilt und weiterentwickelt ohne dass Verlage und Verwertungsmakler gefragt werden wird kein ACTA und keine Internetsperre etwas unternehmen können, denn rückblickend ist alles schon längst geschehen, sind die neuen Prozesse schon längst entstanden und die Techniken, mit denen jeder Mensch sich beteiligen kann haben sich schon längst etabliert.
Den Dörings dieser Welt, die uns zurufen "Ihr macht alles kaputt!" rufen wir zu "Zu spät, wir haben schon längst alles kaputt gemacht! Aber wir bauen auch schon lange was viel besseres!"
Aufladen
Langsam dürfte das Jahr mal anfangen. Ich bin ja so ein Winterschlaf-Typ: Ab November spätestens werde ich ziemlich unbeweglich und verkrieche mich in meine Höhle. Wenn ich nicht arbeiten müsste würde ich wahrscheinlich tatsächlich einfach nur abwarten, bis es wieder wärmer wird. Pläne machen oder irgendwelche wichtigen Dinge entscheiden fällt mir ebenfalls schwer, alle meine wirklich wichtigen Lebensveränderungen, die ich selbst angestoßen habe, fanden daher auch im späteren Frühling statt - je nachdem, wann der begonnen hat im April oder Mai.
Das liegt daran, das ich nach dem Winter erst eine Zeit brauche, in der ich meine Batterien aufladen kann. Ich brauche Sonne und wie sehr merke ich daran, dass die Jahre, in denen ich gute Sachen auf die Reihe gebracht habe die waren, die einen frühen, sonnigen Frühling hatten.
Jedenfalls merke ich gerade, wie die Batterien aufladen. Fühlt sich gut an und gleichzeitig wächst die Unruhe: Ich will was machen. Und dieses Jahr wäre echt mal wieder Zeit für was richtig gutes.
Trend. Meiner.
Falls wer nicht mitbekommen hat, worums hier geht: Schauen, wie das eigene Internetnutzungsverhalten - im Speziellen das Bloggen - sich so über die Jahre geändert hat und welche persönlichen Trends man so sieht.
Trend eins ist offensichtlich, angesichts dessen, dass ich mit diesem Blogeintrag wieder mal dem Trend total hinterherhinke: Das Internet wird immer schneller, ich nicht - zumindest nicht beim Bloggen. Es fühlt sich manchmal so an, als ob ich langsamer werde, aber das dürfte ein Trugschluss sein. Ich war früher auch schon keiner derjenigen, die sofort was bloggen mussten, sobald ein Thema heiß war. Es war aber früher mehr Zeit, bis alles gesagt war. Heute kommt es öfter vor, dass ich nichts mehr schreibe, weil irgendwo schon genau das steht, was mir zu sagen wichtig gewesen wäre. Das verbreite ich dann lieber per Twitter, Facebook usw. anstatt bereits gut gesagtes noch mal in anderen Worten zu erklären.
Womit wir beim Trend Nummer zwei wären: Das Blog ist nicht mehr die Stelle wo ich auch schnell und spontan Sachen raushaue sondern eigentlich fast nur noch die "richtigen", langen Blog-Artikel. Wenn ich mir Archive von 2003 oder 2004 anschaue finde ich dort neben fünf bis zehn "echten" Blog-Artikeln viele Linktips, kurze Bemerkungen, diese lustigen Bildchen, kurz Reingerufenes, Memen und so weiter, was hier seit vielleicht drei vier Jahren immer weniger und inzwischen gar nicht mehr stattfindet. Diese Sachen blase ich aber auch heute noch raus und sogar viel mehr als früher hier im Blog, aber eben woanders. Dort, wo die viel besser hinpassen - im Moment vor allem bei Twitter, Facebook, tumblr, Google+ und ähnlichem. Meine "mehr futter"-Linkliste wird immer länger. Der Grund ist ganz einfach: Diese Sachen sind nicht für die Ewigkeit (kann man ja auch im Blogarchiv nachvollziehen: Die meisten Links funktionieren ja schon nicht mehr) sondern für jetzt gerade und da sind solche Livestreams das richtige Medium.
Überhaupt scheint mir das der wichtigste "Trend" zu sein: Das richtige Medium für die richtigen Inhalte zu benutzen. Für die Markierung von interessanten Orten benutze ich Foursquare, mein Mainstream-Ich pflege ich auf Facebook, mein nicht so Mainstream-Ich auf Diaspora, was ich so grundsätzlich raushaue auf Twitter, Musik gibts bei The61 und ich probiere grade Soundcloud aus. Überhaupt probiere ich ständig alle möglichen neuen Services aus, weil es ja sein kann, dass für ein bestimmtes Bedürfnis mal eine gute Lösung abfällt.
Ein anderer Trend, der längerfristiger ist - in meinem Fall so, dass ich zwar sehe, dass ich mich da hinbewege aber momentan noch nicht wirklich sehr relevant ist - ist der der immer weiteren Dezentralisierung, Über den hab ich aber letztens schon mal ausführlicher geschrieben. Für mich sieht das jetzt noch so aus, dass ich sehr viele unterschiedliche Services nutze und versuche, zu vermeiden, mich für alles was ich brauche an einen großen Anbieter zu ketten. Einfache Beispiele: Ich benutze absichtlich nicht Facebook zum Orte taggen sondern Foursquare. Ich benutze nicht Facebook zum Fotos machen und uploaden sondern Imgurl, Picplz, twitpic, Path und jede Menge andere kleine Services. Ich stelle auch alles mögliche, z.B. Videos, auf mehreren unterschiedlichen Plattformen ein. Das mache ich mit derAbsicht, dass ich nicht abhängig sein will von einer Firma so dass ich sofort dort verschwinden kann, wenn mir deren Policy nicht mehr gefällt - was ich zuletzt bei Flickr bzw. komplett bei Yahoo! gemacht habe, von denen ich seitdem konsequent überhaupt keinen Service mehr nutze ohne davon irgendwas zu vermissen. Oder damit wenn einer von denen doch mal Pleite geht, nicht alles auf einmal weg ist.
Langfristig sehe ich aber kommen, dass die Veröffentlichungen, die mir wichtig sind, am Ende gar nicht mehr im alleinigen Zugriff irgendwelcher Firmen liegen - der Trend "Cloud" ist nur eine Brückenphase, bis "Cloud" bedeutet, dass man sich seinen Kram zwar überall verfügbar machen kann, aber eben nicht auf irgendwelchen Servern Dritter, die sich dafür auch gleich noch alle möglichen Verwertungs- und Nutzungsrechte geben lassen sondern auf "eigenem" Serverplatz.
Und um noch einen weniger technischen Trend zu erwähnen: Ich mache sehr wahrscheinlich auch in Zukunft keinen Automatismus mit sondern drücke auch weiterhin immer noch persönlich auf den "Publish"-Button.














