Die Erzählung unserer Regierungen seit gut 30 Jahren ist, dass wir als Staat "zu wenig Geld haben, um soziale Geschenke zu verteilen" und wir daher ständig schauen müssen, wo wir einsparen können. Da wir ja bereits etabliert haben, dass es "soziale Geschenke" sind, die das Geld ausgeben, ist es daher folgerichtig, dort zu schauen, wo diese "Geschenke" verteilt werden und diese zu kürzen oder zu streichen. Hier sind drei (und es gibt noch mehr) Gedanken, die diesen Trick transparent machen:
1. Aufgabe des Staates ist, allen Menschen ein sicheres Leben in ihrer jeweiligen Situation zu ermöglichen. Die drei wichtigsten Pfeiler dafür sind Bildung, Wohnen und Gesundheit. Gesundheit hält uns selbständig, Wohnen sicher und Bildung frei. Wenn etwas davon wegbricht, springt die Allgemeinheit ein. Das nennt sich Solidarsystem. Indem man das Prinzip "wir helfen uns gegenseitig" aber in "ich zahle für andere" umformuliert hat, wurde die Sicherheitsgarantie für alle zu "Geschenken" für wenige.
2. Dass der Staat "zu wenig Geld" hat liegt nicht daran, dass er zu viele Sozialleistungen zahlen muss. Wenn in der Reihenfolge Einnahmen > Ausgaben die Ausgaben steigen, kommt ja zuerst mal die Frage, wie ich mehr Einnahmen generiere, nicht wie ich die Ausgaben kürze. Und auf dieser Seite hat der Staat viel mehr und bessere Hebel als auf der anderen Seite, zum Beispiel Vermögenssteuer, Übergewinnabgaben, Erbschaftssteuer - jede Menge Einnahmequellen, die niemandem die Lebensgrundlage entziehen.
3. "Wirtschaft" ist für einen Staat kein Selbstzweck: Seine Souveräne sind die Bürger*innen, nicht seine Konzerne. Klar ist es gut, wenn die Geld verdienen, aber Wohlstand wird nicht in Unternehmensgewinnen oder im angehäuftem Reichtum weniger gemessen, sondern daran, wie gut es allen Bürger*innen geht. Wenn ein Staat also irgendwo Geld wegnehmen muss, dann dort, wo es im Überfluss ist, nicht dort, wo es bereits jetzt schon zu wenig ist.
Wenn man uns also vergessen lassen will, dass die Aufgabe eines Staates ist, ein Solidarsystem zu stellen, das all seinen Bürger*innen ein selbständiges, freies und sicheres Leben zu ermöglichen, dann muss man das Problem verschieben: Daher erklärt man einmal die soziale Sicherheit für alle zu individuellem Luxus (Geschenke) und zum anderen das knappe Geld zum Naturgesetz.
Und schon fragt niemand mehr, warum wir nicht einfach das Geld da holen, wo es sich seit über 30 Jahren ungestört anhäuft.
Das entlarvt auch, wer hier eigentlich tatsächlich "Geschenke" bekommt, es wird ja nicht nur die automatische Vermehrung von Vermögen besser beschützt als der Lohn für tatsächliche Arbeit. Das Solidarsystem gibt es also noch, es ist aber auf den Kopf gestellt weil die Kosten immer von allen getragen, Gewinne aber nicht mehr geteilt werden.
Und das interessante daran ist: Das zu ändern ist noch gar nicht "Links" oder "Rechts" sondern das ist eigentlich unser System wie es im Grundgesetz steht.
Wie wichtig diese Narrativverschiebung ist und warum diese Erzählung so permanent und allgegenwärtig verbreitet wird ist derzeit gut zu erkennen, wenn man nach New York schaut, wo der Bürgermeister gerade völlig easy all das macht, was zuvor permanent als unmöglich erklärt wurde. Die US-Medien sind daher am hyperventilieren, weil natürlich alle sehen, dass die Welt gar nicht untergeht, wenn reiche Menschen zB 1% mehr zahlen und plötzlich Geld für alles da ist, was vorher "leider nicht geht".
Ich bin immer wieder erstaunt, dass dieses Argument "erneuerbare Energien funktionieren ja nicht, sobald es mal keinen Wind und keine Sonne gibt" immer noch kommt, obwohl das Problem gar nicht existiert, denn Wind und Sonne gibt es ja immer irgendwo.
Ok, ich erklärs halt doch noch mal: Wenn sich ein Windrad wegen Windflaute nicht dreht, drehen sich tausend andere Windräder immer noch, denn auch wenn es irgendwo lokal grade für ein paar Stunden mal keinen Wind gibt, hört der Wind ja nicht im ganzen Land auf, zu wehen. Je mehr Windräder es also gibt, desto weniger Schwankungen gibt es im Netz.
Das ist also (wieder mal) ein Induktionsfehler - der Fehlschluss, bei dem von einem Extremfall auf das große Ganze geschlossen wird: Windstille und Lichtstärkeunterschiede sind vereinzelte, lokale Probleme. Die können durch Redundanz, Diversifikation, Speicher und Vernetzung ausgeglichen werden.
Das heißt, die Lösung ist der Ausbau mit weiteren Wind und Solaranlagen, nicht deren Abbau.
Je mehr Wind und Solar, desto stabiler das Netz.
Und by the way: Wenn ein AKW abgeschaltet werden muss weil es z.B. im Sommer zu wenig Wasser zum kühlen gibt, erzeugt es tatsächlich komplett keine Energie mehr. Wenn ein Windrad abgestellt wird, gibt es noch zig Windräder, die weiterhin funktionieren.
Wenn diese Leute sich also wirklich Sorgen um die Stromversorgung machen würden weil ein einziger Ausfall sofort einen Blackout herbeiführen könnte, müssten sie sogar genau aus diesem Grund den Neubau von zentralisierten Kraftwerken - wie eben AKW - ablehnen, nicht den Ausbau eines resilienten, verteilten Netzes aus vielen autarken Stromerzeugungsquellen, das nie komplett ausfallen kann.
Ich hab auf Twitter und Facebook einiges zur m.E. missglückten Implementierung der seit einigen Tagen "scharf" geschaltenen DSGVO geschrieben. Weil das dort in einer Weile aus den Timelines verschwindet, dokumentiere ich die Texte, die mir wichtig sind hier. Das bedeutet, dass das jetzt kein zusammenhängender Artikel wird, sondern mehrere Happen, die sich auf ein paar bestimmte Aspekte konzentrieren. Grundsätzlich bin ich kein Gegner von Datenschutz und nicht mal gegen die DSGVO und das BDSG. Meine Kritik richtet sich gegen die schlampige Implementierung, die ohne Not zu einer massiv unklaren Rechtslage für Einzelpersonen, Vereine und Initiativen führt und das Versäumnis, bestimmte Techniken und Methoden der Datensammlung für den Zweck der Erstellung von kommerziell genutzten Nutzerprofilen wirklich zu verbieten.
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Mir ist die #DSGVO inhaltlich tatsächlich ziemlich schnuppe. Aber ich sehe, was die Implementierung verursacht: jede Menge Blogs sind abgeschaltet, Vereine und Initiativen löschen ihre Seiten und werden damit unsichtbar. Der Schaden ist da. Wo ist der Nutzen? Dabei ist es mir völlig egal, ob ein kleiner Blogger ein paar persönliche Daten von mir speichert. Was soll der damit machen? Datenschutz finde ich trotzdem wichtig: aber da reden wir über die Daten, die der Staat über mich sammelt. Der tritt mir nämlich im Zweifel die Tür ein. Und genau an dieser Stelle passiert gar nichts. Im Gegenteil. Behörden nehmen sich immer mehr Rechte, Daten von mir und über mich zu erheben und zu speichern.
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Der Irrtum mit der #dsgvo ist ja, dass es darin darum gehen würde, Datenmissbrauch zu verhindern. Hätte man das tun wollen, hätte man ja nur Nutzungsarten, die man als missbräuchlich ansieht, verbieten müssen. So kann man das alles auch weiterhin, wenn man 5000 Worte Datenschutzerklärung im Keller aufhängt. Mehr noch: Dadurch dass man sich das vom Nutzer absegnen lässt, hat der hinterher sogar noch weniger Möglichkeiten, seine Datensouveränität wiederzuerlangen und natürlich werden die Betreiber sich wegen der Zustimmungspflicht direkt mal mehr Rechte beim Nutzer einholen als sie vorher hatten - schlicht aus dem Gedanken "Wenn ich eh fragen muss, kann ich ja auch gleich x und y dazu nehmen".
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Die Juristen, die grade so milde lächelnd in Kolumnen und Interviews den Kopf über Menschen schütteln, die aus Angst vor der DSVGO Salz über die Schulter werfen (sprich: aktionistischen Quatsch machen) verstehen nicht, dass das Problem nicht die DSVGO ist sondern Juristen.
Menschen sind schon immer so. Was sie nicht verstehen, wird von uns in magische Handlungen übersetzt. Man ahmt halt das nach, was die "Weisen" tun: So entstehen "juristisch" klingende Distanzierungszauberformeln von Link-URLs, rituelle Gruppenadmin-Posts um sich ein wertloses OK der Gruppenmitglieder einzuholen und das erklärt natürlich auch diese AGB-Widerspruch-Votivbildchen, die einfach nicht totzukriegen sind (Es erklärt auch Pseudonachrichten und btw auch einen US-Präsidenten der seinen Job spielt wie eine TV-Show weil er in Wirklichkeit gar nicht weiß was er zu tun hat, aber ich will meinen eigenen Post nicht derailen).
Die Frage ist: Wer ist denn Schuld daran, dass wenn sich Menschen
1. an eine Verordnung halten sollen die sie schon juristisch gar nicht verstehen und das
2. in einer technischen Umgebung, die sie nicht in der Tiefe beherrschen um abzuschätzen, ob sie etwas falsch machen und dann
3. die "Spezialisten" - also die Techies und die Juristen - ihnen mit ihrer typischen Arroganz erklären, dass sie halt dann nichts in dieser Umgebung zu suchen haben und selbst Schuld sind wenn sie kein Jura- und Informatikstudium absolviert haben bevor sie was ins Internet schreiben,
sie dann aus lauter Verzweiflung halt Magie betreiben in der Hoffnung dass das mit dem Salz schon irgendwas bewirkt, wenn mans über die Schulter wirft, weil "Schaden kanns ja auch nicht"?
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Ich mag Prantl und bin sehr viel häufiger seiner Meinung als nicht. Ich kann aber selbst dann meistens nachvollziehen, warum er etwas schreibt, wo ich anderer Meinung bin. Auch hier verstehe ich sein gute Absicht, dem Narrativ über aluhuttragende Datenschützer, die mit hysterischer Regulierungswut das Internet kaputt machen ein anderes entgegenzusetzen.
Aber er schummelt dabei, denn die neue Verordnung ist leider so schlampig implementiert worden, dass sie - zumindest im Moment - das Gegenteil von dem bewirkt was sie tun sollte: Es sind halt leider nicht die Dickfische wie Facebook und Google, die jetzt an die Leine genommen werden. Dazu hätte man Privatsphäre verletzende Techniken verbieten müssen, was nicht passiert ist. Man hat lediglich organisatorischen Aufwand verursacht. Den und die Anwälte, die da durchblicken, können sich Facebook und Google leisten, aber leider nicht die Feuerwehr Pusemuckel und Frau Müllers Strickblog. Und die sind es, die jetzt dicht machen, aus größtenteils zwar unbegründeter Angst da sie eigentlich gar nicht betroffen sind, aber wenn ein Gesetz von Datenschützern mit großem Jubel damit beworben wird, dass jetzt aber ratzfatz 20 Millionen Schadenersatz fällig sind, wenn man vergisst anzugeben, dass man ein Antispam-Plugin in seinem Wordpress hat, ist der Laie lieber raus und was bleibt dann übrig? Nur noch genau die Plattformen, Dienste, Medienseiten und Shops, die sich die Tracking und Profiling-Erlaubnis beim Nutzer abholen und dann ist es egal ob es ein oder 50 Scripte sind, die nachgeladen werden.
Das zweite Problem, das ich mit dem Text habe ist, dass die DSGVO im Gegensatz zu dem was er schreibt keiner einzigen Behörde die Datensammlung und -nutzung erschwert. Im Gegenteil, die berufen sich auf andere Gesetze (zB das POG) und können mit Hinweis auf "berechtigtes Interesse" die DSGVO sogar für die Begründung hinzuziehen, kein Optout zuzulassen.
Ja, kein Mythos: Jede Menge Blogs, Vereine, Initiativen, Foren, Privatseiten schließen. Einen kleinen Eindruck, wie schlimm es wirklich ist bekommt man hier.
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Leute, die ihre Blogs abschalten so: "Ich mach dann halt jetzt alles auf Facebook". Klappt super, das mit dem Datenschutz.
Ich habe gestern über einen bestimmten Aspekt des Einkaufens geschrieben, nämlich den Normalfall: Der ganz normalen, unspektakulären Vorratskauf, den man immer und immer wieder machen muss, damit was zum Essen im Haus ist, man regelmäßig Duschen und Zähne putzen und immer frische Socken anziehen kann. Die Einkäufe, die man schnell hinter sich bringen will, damit man wieder Zeit für die Dinge im Leben hat, die einem Spaß machen. Lesen, Sport, spazieren gehen, liebe Menschen treffen, Klavier spielen...
...und auch mal ganz gemütlich bummeln und schöne Dinge shoppen gehen.
Wenn man mal absieht von den 80% Einkaufen gehen, weil man muss, gilt nämlich auch: Ich mag durchaus Shoppen - also das, wo ich mir im Gegensatz zum Einkaufen was gönne - oder es zumindest vorhabe. Ich gehe sogar gerne mit Freundinnen mit, wenn sie nach neuen Klamotten suchen. Das stresst mich dann auch überhaupt nicht, denn ich selbst brauche ja nichts. Ich flaniere gerne, ich stöbere in Buchläden, probiere Sachen an, quatsche mit Verkäuferinnen und Verkäufern im Schreibwarenladen über Polychromosstifte und Papiersorten. Und selbstverständlich ist es so, dass sich die Innestädte hier in den letzten vierzig Jahren stark verändert haben. Nur hat der Online-Handel damit zunächst mal überhaupt nichts zu tun.
Das "Innenstadtsterben" - und vielleicht muss man dafür auch wieder älter sein, um das zu wissen - ist nämlich nicht neu und wurde schon in den Achtzigern thematisiert. Die immer gleichen Ketten und Kaufhäuser übernahmen mit den aggressivsten Methoden, die man sich vorstellen kann, die Fußgängerzonen so dass es heute keinen Unterschied macht ob man die Frankfurter Zeil oder die Kölner Schildergasse lang geht. Öffentliche Plätze, freie Sitzgelegenheiten und andere Möglichkeiten der nichtkommerziellen Nutzung der Innenstadtbereiche wurden rigoros abgebaut weil die Leute ja gefälligst ihr Geld ausgeben und nicht herumlungern sollten. Flick und andere teils hoch korrupten Bauhaie bauten überall ihre Einkaufspassagen hin, die ein paar Jahre später der Reihe nach Pleite gingen. Das hat die Innenstädte schon lange bevor das Internet überhaupt in Deutschland Einzug gehalten hat, massiv zerstört und die "Traditionsgeschäfte" entweder direkt vertrieben oder ab diesem Zeitpunkt in eine prekäre Lage gebracht, in der sie sich zwar noch eine Weile hielten und zum Teil noch halten, aber nur unter immensen Mühen und dem Dauerstress des Unternehmens, dem ständig die Luft knapp ist.
Der Online-Handel hat da nicht mehr viel ausrichten müssen. Sicher hat auch der disruptiv gewirkt - vor allem da, wo Waren irgendwann nicht mehr auf Medien gekauft werden mussten wie Musik, Filme, Software, Bilder usw. Aber dieses tolle Spielzeugfachgeschäft an das man sich so wehmütig erinnert ist schon lange vorher von Großmärkten, Kaufhäusern und Toys'R'Us aufgerieben worden.
Der zweite Grund für den Untergang von Fachgeschäften ist auch schon seit den Neunzigern ein Thema, nämlich dass immer mehr Dinge erstens nicht mehr aus neutralen Einzelteilen bestehen und zweitens gar nicht mehr vom Laien repariert werden können. Konsequenterweise begannen die Hersteller auch noch selbst, ihre eigenen exklusiven Marken-Läden in die Einkaufsstraßen zu pflanzen. Die Eisenwaren- und Elektronikläden mit den mürrischen aber fachkundigen Besitzern, die einem eine Schraube für ein defektes Gerät auch mal zurechtfeilten verschwanden somit nicht, weil man im Internet einfacher bestellen kann. Sie verschwanden schon vor dem Internet und man bestellt inzwischen Elektroteile online, weil man sie einfach nirgends anders mehr her bekommt.
Wenn Gemeinden oder Städte hier nicht bewusst steuernd eingreifen, sterben die Einkaufsbereiche durch ganz altmodische unfaire Wettbewerbsmethoden: Ketten drängen die Einzelgeschäfte mit schönen Angeboten an Vermieter, durch Einkaufsrabatte ermöglichte Kampfpreise und auch schlichte Drohungen ("jetzt kriegen Sie noch was für Ihren Laden, wenn wir aber gegenüber eine Filiale eröffnen..") in Nebenstraßen, wo es keine Laufkundschaft gibt bis sie auch dort langsam verschwinden. Da ist kein Digitalisierungs-Menetekel nötig. Das hab ich in schon Anfang der Neunziger in Städten wie Pforzheim, Stuttgart und Karlsruhe live gesehen. Das ging ganz gut ohne Online.
E-Commerce, Amazon und Co bedroht aber dennoch jemanden, das ist aber nicht der "Traditionshandel", sondern jetzt geht's den Ketten-Filialen an den Kragen und da hält sich mein Mitleid in Grenzen. Es gibt halt immer den nächst größeren - oder geschickteren - Fisch. Das Fressen-und-Gefressen-Werden-Spiel haben die dreißig Jahre ganz gut selbst gespielt (und dass Medien den bei LeseIrnnen schöner klingenden Tante Emma Laden zum Online-Opfer erklären liegt vielleicht daran, dass besagte Ketten immer noch gute Anzeigen-Kunden sind).
Hin und wieder wurde aber eingegriffen. Manchmal rechtzeitig, manchmal nur halbherzig, manchmal war auch einfach Glück und Zufall im Spiel. Jedenfalls gibt es neben den komplett verödeten Pforzheims dieses Landes auch Städte, Gemeinden und Dörfer mit halbwegs okayen bis sehr gesunden Innenstadt-Leben. Ich habe das dieses Jahr mit Freude in Regensburg gesehen und in Neustadt and der Weinstraße. Ich sehe das auch hier in Köln. Natürlich kann man sich da die Hohe Straße und die Schildergasse schenken - Kaufhof, P&C, Deichmann, jeder Telcoanbieter, Media Markt, H&M, Pimkies, Zara und wie sie alle heißen... so austauschbar und öde wie in jeder anderen Stadt auch. Aber dann geht man halt ins Belgische Viertel und findet dort ein schönes Geschäft neben dem anderen. Kleine Buchläden, ungewöhnliche Klamotten, ausgefallener Sportkram, alles da. Und dazwischen Plätze mit Sitzbänken unter Bäumen und gemütliche Kneipen oder kleine Cafés. Ich hab zwar keine Ahnung, wie das dort entstanden ist, aber irgendwie hat irgendwer dort was richtig gemacht.
Wenn mans weniger alternativ haben will und mehr so gemütlich, kann man nach Nippes. Auch da gibts die schönen Plätze und kleinen Geschäfte. Und wenn mans doch wieder richtig kommerziell mit Marken und schick und bling haben will, aber trotzdem das Fachgeschäft sucht, gibts die Gegend um die Ehrenstraße. Das sind alles Ecken, in denen ich gerne mal mit etwas Zeit hingehe und vielleicht kauf ich mir ein Paar Schuhe, vielleicht ein Buch, vielleicht eine Jacke und vielleicht auch gar nichts sondern trinke zwischendurch 'nen Kaffee oder ein Kölsch.
Das kann Online mir nicht bieten. Dazu muss ich aus dem Haus und dort hin gehen. Aber dazu muss es dieses "dorthin" eben auch geben und wenn man dann mal genauer hinschaut gibt es sie auch: Die sind schon da, die schönen kleinen Läden in Regensburg und Neustadt, im Belgischen Viertel und überall sonst, wo sich entweder offiziell oder privat mal darum gekümmert wurde, wieder eine Struktur für den kleinen Einzelhandel zu schaffen. Und es gibt auch neue Geschäftsideen wie Popupstores, die wiederum unterstützt werden von lokalen News- und Online-Angeboten, die solche kleinen Läden und Szenen sichtbar und findbar machen. Es gibt oft genug sogar Online-Shops für die Menschen, die z.B. mal in einem Laden waren, aber nicht aus der Gegend sind. Ich habe schon tolle 1890er Larp-Klamotten bei einem kleinen Händler auf dem Fantasy-Markt in Speyer entdeckt und die passende Hose, die sie nicht da hatten, hinterher bei ihnen online bestellt. Das geht ganz prima, diese Offline und Online. Das muss sich nicht immer fressen, das kann sich auch prima ergänzen.
Überhaupt, Stichwort Märkte. Online kann nur gegen Dinge konkurrieren, deren Offline-Version von Menschen als anstrengender, lästiger oder hinderlicher empfunden wird. Das sieht man zum Beispiel an Flohmärkten. Natürlich gibt es eBay, aber es gibt auch immer noch Flohmärkte, weil eBay eben keine Konkurrenz zu Flohmärkten ist, auch wenn es sich da vordergründig um genau das Geschäftsmodell handelt wie bei einem Flohmarkt. Es wird aber nie den Flohmarkt ersetzen können, weil zum Flohmark das herumstöbern, anfassen und sich überraschen lassen gehört. Der Flohmarkt ist ein Event. Er hat ein Flair und eine Stimmung und wegen der gehe ich da hin.
Dasselbe ist mit Innenstädten. Wenn sie eine Stimmung und ein Flair hat, geht man da hin.
Wenn man nur was bestimmtes einkaufen muss, nicht mehr unbedingt.
Man kann also weiter über Amazon schimpfen oder für Gründe sorgen, dass Menschen wieder gerne in die Innenstädte gehen.
Und wenn man eine These sucht, die hinter diesen zwei Artikeln steht ist es die, dass der Mensch unterschiedliche und sich eventuell widersprechende Dinge möchte - im Falle des Kaufens von Dingen einmal ein Angebot für das einfache und bequeme Wegarbeiten von lästigen Verpflichtungen und einmal ein schönes oder überraschendes Freizeit-Erlebnis -, aber unsere Kommerz-Dynamiken oft zu schlecht darin sind, für mehrere Bedürfnisse gleichzeitig Lösungen anzubieten.
Ich lese ja seit 20 Jahren schon, das "Internet macht die kleinen Geschäfte kaputt". Ich las auch schon vor 40 Jahren, dass Supermärkte und Großmärkte die Tante Emma Läden vernichten. Die anonymen, kalten Konzerne vernichten das Einkaufserlebnis: kein persönliches Gespräch mehr mit der netten Verkäuferin hinter dem Schalter, die immer noch ein paar gute Ratschläge hat, was man mit der Packung Gries noch alles anstellen kann. Kein gemütlicher Bummel durch die sonnige Innenstadt über die Flaniermeile, auf der einem lächelnde Menschen begegnen und sich einen schönen Tag wünschen. Keine haptischen Extasen weil man Waren anfassen, Bücher blättern, Stoffe fühlen und Blumen riechen kann. Das ist, was in Gefahr ist. Was schon fast verschwunden ist und was gerettet werden muss, jetzt zur Abwechslung mal wieder vor dem bösen Amazon.
Ich erzähl euch jetzt mal, warum man normalerweise einkaufen geht: Man braucht Sachen - Nahrungsmittel, Waschkram, Klamotten. Oder man möchte bestimmte Sachen: Ein Buch, Musik, eine warme Winterjacke. Dann geht man los und kauft diese Sachen ein - dabei achtet man darauf, dass Preis und die Qualität im Verhältnis der eigenen Ansprüche an beides steht. Dann geht man nach Hause und räumt die Sachen da hin, wo sie hin gehören. Fertig. Das macht man bei den allermeisten Sachen, die man kauft, regelmäßig. Ich bin jeden zweiten Tag im Supermarkt, weil er vor der Haustür ist und ich mir daher den Luxus erlauben kann, in 15 Minuten eingekauft zu haben, ohne ein Auto zu brauchen und ein mal die Woche zum Großmarkt zu fahren, wie es meine Eltern noch taten - weil der Tante Emma Laden nunmal keine fünfköpfige Familie für eine Woche komplett mit Vorräten ausstatten kann.
Ich denke beim ganz normalen Einkauf - den Einkauf, den man immer und immer wieder macht - nicht ein einziges mal "Ach! Wie schön wäre es, wenn ich jede einzelne Ware, die ich brauche, bei einem Schalter bestellen würde oder mich darüber mit netten Verkäufern und Verkäuferinnen unterhalten könnte. Verdammt, Amazon hat mir das kaputt gemacht." Nein, ich denke "Hoffentlich gibt's keine Schlange an der Kasse." und mir ist schon die Frage nach der Paybackkarte zu viel lästige Konversation. Ich habe keinen Spaß beim Einkaufen. Ich spüre da keine Freude. Einkaufen ist kein Erlebnis. Einkaufen ist wie Wohnung putzen. Wenn ich eine Möglichkeit bekomme, diesen Vorgang noch schneller, einfacher und effizienter zu gestalten, dann mache ich das. Da ist nichts, was ich vermissen würde.
Sprich: Die ganze Argumentation basiert seit 40 Jahren auf einer falschen These, nämlich der, dass Einkaufen Spaß macht.
Was Großmärkte, Supermärkte, das Internet, Amazon tun, ist genau das, was ich möchte: Sie erleichtern mir Dinge, die mir lästig sind. Sie sorgen dafür, dass ich nicht in zig verschiedene Läden muss, erleichtern mir das Bezahlen (möglichst ohne vorher noch zur Bank zu müssen) und lassen mich schneller zu Dingen zurückkommen, die mir wirklich Spaß machen und die ich tatsächlich tun möchte.
Daher: Ja, Tante Emma Läden sind in der Theorie herzig. Ich bin aber noch nie in meinem Leben für den täglichen Einkauf in einen Tante Emma Laden gegangen und werde das auch nie freiwillig tun. Ich gehe auch nicht einkaufen, um Menschen zu treffen. Ich möchte auf keinen Fall von Verkäufern angequatscht werden und gehe daher nur im Notfall in kleinere Läden - dann aber sehr bewusst und mit viel Zeit. Ich kaufe Hosen im Klamottenladen und Schuhe im Schuhladen, weil ich die anprobieren muss. Ich kaufe ansonsten alles online, sobald online einfacher ist als offline.
Alle teilen wie wild diesen Artikel über diese super Profiling-Methode. Vor allem Leute, von denen ich denke, sie müssten es eigentlich besser wissen, aber nein: irgendwas mit Big Data, wissenschaftlichem Geruch ein bisschen Verschwörung und dem Wunsch, dass es vielleicht doch einen elaborierten Plan oder ein Mastermind hinter Trumps Sieg oder dem Erfolg der Brexit-Kampagne gibt, scheint kurzsichtig zu machen.
Seis drum. Da nun also dieser Artikel dennoch gerade wie (Anti-)Werbung für Social Profiling rumgeht, möchte ich ein bisschen mäßigend drauf eingehen: Profil-Modelle dieser Art sind nicht neu - aus der Psychometrie kommt quasi jedes Jahr ein neues populärwissenschaftlich vereinfachtes Modell, das vor allem Führungskräftetrainer nutzen, um ihren Klienten ein paar nicht allzu tiefgehende Selbsterkenntnisse zu ermöglichen - noch ist die Erkenntnis neu, dass Menschen mit festem Konsum- und Weltbild leicht zu aktivieren sind, sei es zum Kauf von Produkten oder zur Wahl eines Kandidaten (ist ja fast das selbe).
Auch bekannt ist, dass Facebook als Verstärker der eigenen Meinung fungiert, weil die Profilalgorithmen - darauf aus, die Facebook-Erfahrung möglichst angenehm, also selbstbestätigend zu gestalten - eine Echokammer herstellen können. Allerdings geht auch das wieder nur bei Personen, deren Weltbild gefestigt ist. Die anderen wundern sich weiterhin, warum die getargetete Werbung so gar nicht passt.
Was also schon mal eine wichtige Einschränkung ist, wenn man über Psychometrie-Modelle Profile erstellt und diese über Facebook zu einem Kauf oder einer Handlung bringen will: Aktivieren kann ich nur, wofür die Bereitschaft schon da ist. Ich erreiche nicht, dass sich die Meinung ändert.
Was hat die Brexit-Kampagne und Trumps Wahlkampfkampagne also wirklich anders gemacht als andere? Letztendlich doch nur, dass man die Erkenntnis aus der Verhaltensforschung, dass es besser ist, Stärken zu fördern statt zu versuchen, Schwächen zu verbessern (das man zB auch aus der Mitarbeiterntwicklung kennt), konsequent für Wahlaktivierung angewendet hat und exakt und ausschließlich auf die eigene ideologische Zielgruppe zielte. Dann brauchte man nämlich in seiner Kommunikation keinerlei Zurückhaltung mehr üben, um zu verhindern, diejenigen zu verprellen, die mein "Produkt" eh nicht wählen.
Das ist der eigentliche - und der wichtige - Trick hier, denn er immunisiert das, was ich sage, erfolgreich gegen Kritik - weshalb Trump mit jeder noch so wilden Aussage, mit Affronts, platten Lügen und schlichten Wiederholungen derselben unbeschadet durch den Wahlkampf kam.
Das war nicht etwa ein besonders ausgeklügeltes Scoring-Modell. Wenn es um derart klar definierte Zielgruppen geht, brauche ich doch keine ultrakomplexen Profile. Das heißt, also: Ja klar ist das hilfreich, die Zielgruppen targeten zu können, aber die Methoden um die richtige Zielgruppe zu adressieren ist bei Menschen mit festem Weltbild nicht schwer, dafür brauch ich keine komplexen neuen Erkenntnisse.
Interessant wäre es erst dann, wenn ich volatile Profile besser einschätzen können müsste: Zum Beispiel, wenn ich herausfände, unter welchen Umständen ein unentschlossener Mensch einen Entschluss fasst und genau diesen Moment treffen könnte. Das ist aber mit statischen Daten nicht möglich und dass ich ihn dann auch noch ausgerechnet in die Richtung nudge, in die ich ihn gerne hätte, ist noch mal unwahrscheinlicher. Maximal könnte ich ihn dazu bringen, dass er eine Entscheidung trifft statt nichts zu tun, aber ob die für oder gegen meine Intention ausfällt, ist wahrscheinlich reiner Zufall. Außerdem bin ich dann an einem Punkt, an dem ich so individuell reagieren müsste, dass ich den dazugehörige Content gar nicht zur Verfügung hätte.
Wie kommen Menschen immer wieder auf die irgendwie religiös mathematikhörige Idee, dass man menschliches Verhalten derart leicht kategorisieren, vorhersagen und dann sogar steuern könnte? Selbst auf dem Finanzmarkt, der viel mathematischer und in weniger Dimensionen funktioniert hat man bewiesen, dass eine egal mit wie vielen Daten unterfütterte Vorhersage kein bisschen genauer ist, als eine Vorhersage, die auf reinen Zufallszahlen basiert. Man braucht ein magisches Weltbild, um an eine Formel zu glauben, die mathematisch das Wort errechnet, das man einem Menschen sagen muss, damit er plötzlich und willenlos seine Meinung ändert. Viele B-Movies der Fünfziger leben von diesem Gedanken, denn man glaubte schon mal daran, dass eine extreme politische Idee irgendwelche Zauberkräfte hatte, die Menschen zu willenlosen Anhängern macht. Damals wars der Kommunismus.
In einer Diskussion auf Facebook tauchte die Frage auf, ob auch Gruppen mit volatilen Profilen auf eine Handlung wie "wählen gehen" motiviert oder demotiviert werden können. Ja, sicher. Das ist aber nicht, was die gemacht haben bei der Brexit- und der Trump-Kampagne. Das was volatile Menschen an Kommunikation brauchen, ist halt die klassische politische Überzeugungsarbeit - das mit Argumenten und Versprechen und Diskussionen - , da komm ich nicht mit plattem Marketing und Claims an. Das Problem dabei ist außerdem, es dauert lange, ist aufwändig, sehr teuer und es erreicht dennoch immer nur den einen Menschen, den man vielleicht am Ende überzeugt hat. Diese Arbeit haben die sich nicht gemacht.
Wenn ich mich auf die Verstärker meiner Botschaft konzentriere, mit der ständigen Wiederholung von "Make America great again" und "Build a wall!" und "Drain the swamp!" auf einen Streich Millionen erreiche und aktiviere, dann sorgen diese Leute für eine enorme zusätzliche Reichweite und Lautstärke. Übrigens: Was bisher noch niemand erklärt hat, warum diese Lautstärke wichtig ist, denn sie motiviert und bestärkt nicht nur die Gleichgesinnten sondern demotiviert auch die Gegner. Das ist so einfach wie effektiv. Und wie gesagt, um diese Zielgruppe zu finden, brauche ich keine teuren Big Data Auswertungen mit irgendwelchen geheimen Algorithmen. Da reichen die einfachsten gemeinsamen Nenner, denn das sind die mit dem gefestigten Weltbild, bei denen Werbung und Targeting schon immer funktioniert hat. Die kennen wir, ganz ohne Profil-Modelle.
Was Trump und die Brexiter gemacht haben war, wie gesagt, mit der Kommunikation auf bereits Überzeugte zu zielen, weil man die ja nicht mehr mit Inhalten überzeugen muss sie so emotional und einfach wie möglich zu formulieren, um sie von ihrem Publikum extrem lautstark verbreitet zu bekommen, was dazu führt dass die Botschaft alles übertönt und gegen Kritik immunisiert. Und die Botschaft hat keinen Inhalt sondern eine Funktion: Aktivierung. Brexit wählen! Trump wählen! Dazu brauche ich keine Psycho-Algorithmen.
Die sind einfach wieder nur die Berater-Astrologie, um den hohen Preis zu rechtfertigen.
P.S.: Nur zur Klärung, falls das anders rüberkommt. Ich schreibe hier nicht darüber, dass Targeting in Werbung nicht funktioniert. Das tut sie durchaus und ist auch ein wichtiges Werkzeug für sowohl Trumps als auch der Brexit-Kampagne, denn die wollten ja ihre Zielgruppen erreichen und haben das auch geschafft. Man hätte diese Kommunikationsstrategie gar nicht so erfolgreich fahren können, gäbe es die Möglichkeit nicht, Zielgruppen für Social Ads gezielt anzusteuern. Es ist aber nicht schwer, die zu finden, dafür brauch ich keine Scoring-Modelle, die am Ende auch noch zur Ursache des Erfolgs hochgeschrieben werden.
2006 musste man als bekannter Werbechef nicht unbedingt ganz weit vorne sein, wenn es darum geht, das Internet und seine Nutzer zu verstehen. Als Dienstleister zur Produktion bunter Bilder zum Anpreisen von Mainstream-Produkten reichte es aus, den Mainstream zu kennen. 2006 waren der Mainstream nicht: Blogs. Daher war Jean-Remy von Matt damals so überrascht von ihrer Existenz, dass er damit berühmt wurde, sie komplett fehl zu interpretieren. Es nannte sie "Klowände des Internet" und glaubte, Blogger seien anonyme Kellernerds.
Da von allen Menschen, die damals irgendwas ins Internet schrieben, ausgerechnet Blogger am wenigsten anonym noch im Keller herumvegitierende Techniknerds waren (wir hatten alle damals schon ein Impressum, viele bloggten mit Klarnamen und schon damals war das Alters- und Geschlechterverhältnis nahezu ausgeglichen) gab es für Herrn von Matt ordentlich Gegenwind. Und es war innerhalb der Werbebranche auch nicht wenig peinlich, denn als jemand, der von Berufs wegen Zielgruppen kennen sollte lag er ja echt mit allem daneben.
Neun Jahre sind vergangen. Viel Zeit, um zu lernen, aufzuholen, sich ein Bild zu machen. Seit damals gibt es viele neue Plattformen: Twitter, Youtube, Facebook (und Messenger: Das Hauptkommunikationsmedium im Internet, das lustigerweise keiner unserer Werbespezis auf dem Schirm hat) und vor allem schreiben nicht mehr nur ein paar Bloggerinnen und Blogger ins Netz sondern wirklich alle.
Da sollte man meinen, dass er sich inzwischen etwas besser informiert hat.
Tja:
Ich erinnere an Ihr legendäres Zitat „Blogs sind die Klowände des Internet“. Das war vor neun Jahren. Damals gab es Facebook in Deutschland noch gar nicht. Heute hat dessen Wall zuweilen aber durchaus Ähnlichkeit mit einer Klowand.
Von Matt: Nein, ganz und gar nicht, denn Facebook funktioniert ja praktisch nur mit Klarnamen. Mit meinem Zitat war das Denunzieren und Diffamieren im Schutze der Anonymität gemeint, das man bei Kommentaren in Blogs und Foren erlebt. Und wenn dieser Satz keinen Nerv getroffen hätte, wäre er nicht sogar in der „New York Times“ zitiert worden. Facebook ist aber alles andere als eine Klowand, eher der Schminkspiegel des Internets. (Quelle: Horizont)
Ich drösele mal Satz für Satz, denn die Wahrheit ist natürlich eine andere:
1. Dass Facebook praktisch nur mit Klarnamen funktioniert ist eine geradezu herzige Fehlannahme, der man aber gut auf den Leim gehen kann - wenn man Facebook nicht selbst verwendet und glaubt, was deren Marketingabteilung Werbern und werben wollenden erzählt. Allein in meiner Kontaktliste sind ein gutes Drittel der Namen Pseudonyme. Klarnamen nutzen vor allem die Älteren.
Dass Facebook - momentan wieder verstärkt - offensichtlichen Pseudonyme zur Angabe ihrer Klarnamen zwingen will stimmt zwar, aber das sorgt lediglich für viel mehr Fehlinterpretationen, denn die Leute schreiben dann eben "echt klingende" Namen hin und man erkennt somit hinterher nicht mal mehr direkt, dass es sich um ein Pseudonym handelt. Menschen, die glauben, man kann Nutzer mit "echten" Namen ernster nehmen als Nutzer mit offensichtlichen Pseudonymen lassen sich dadurch auch ganz wunderbar ins Bockshorn jagen.
2. Das Zitat auf die Kommentare unter Blogbeiträgen umzumünzen war damals schon ein durchschaubarer Trick: Er hat sich damals einfach über die Blogs geärgert, die seine bescheuerte "Du bist Deutschland"-Kampagne massiv kritisiert und durch den Kakao gezogen haben. Das waren ganz klar Blogs, nicht Kommentare und genau so hatte er das damals auch gemeint und geschrieben. Ich bin seit dem Kindergarten nicht mehr mit "Aber ich habe gemeint..."-Formulierungen durchgekommen, wenn ich mal was dummes gesagt habe. Aber das ist in der Scheinwelt der Werbung wohl anders.
3. Ui, die New York Times hat ihn zitiert (das ist auch schon wieder lustig, wie er damit seit Jahren hausieren geht - man findet jede Menge Medien-Artikel von damals, nur nichts in der NYT). Stimmt, die internationale Presse hatte ihn als Beispiel für einen Medien-Menschen herausgestellt, der den Anschluss an die Digitalisierung verpasst hat, davon überrascht wurde dass die Öffentlichkeit mit dem und im Internet eine Stimme bekommen hat und dann ganz altmodisch onkelig beleidigt war. Tolle Leistung. Aber auch das ist ja in der Werber-Welt egal: Da glaubt man ja sogar heute noch daran, dass jede Form der Aufmerksamkeit was Gutes ist.
4. Facebook ist sicher für den ein oder anderen auch mal ein "Schminkspiegel", aber offensichtlich verwechselt von Matt seine Filterbubble (oder die der Menschen, die er gefragt hat, was sie eigentlich in diesem Facebook machen) mit dem Rest der Welt. Facebook ist ein soziales Netzwerk. Die meiste Kommunikation darin findet - Überraschung - nicht öffentlich sondern in Gruppen, in auf Freunde beschränkten Profilen und vor allen Dingen in persönlichen Messenger-Nachrichten statt (hier befindet sich zum 2.Mal in diesem Artikel ein Tipp). Der neue Vergleich sagt also wie damals schon viel mehr über den Blick von Werbern aus, die Menschen als eine Art unterhaltungssüchtige Schafherde betrachtet, der sie nur an den richtigen Stellen auflauern und mit ihren "Botschaften" füttern muss.
Die ausgewiesenen Facebook-"Schminkspiegel" nennen sich Facebook-Pages und werden meistens für und von Menschen betrieben, die irgendwas in der Öffentlichkeit tun. Und das ist dann Werbung. Erstaunlich, dass er nicht mal in seinem eigenen Metier... aber auch das hatten wir ja schon.
Verschiedene Game-Magazine berichten heute davon, dass Ubisoft für den kommenden Titel "Asassins Creed: Unity" die Entwicklung eines weiblichen Spieleravatars mit der Begründung eingestellt hat, dass ihnen das zu viel Arbeit war:
"It's double the animations, it's double the voices, all that stuff and double the visual assets," Amancio said. "Especially because we have customizable assassins. It was really a lot of extra production work."
Was mich auf Facebook in eine kleine Diskussion verwickelte. Jetzt bin ich gar nicht so sehr an Asassins Creed interessiert, aber dieser Fall erinnerte mich doch sehr an Watch Dogs, wo Ubisoft im Prinzip genau dieselbe Situation erzeugt hat: Auch in Watch Dogs darf man als Spieler ausschließlich die eine weiße, männliche Hauptperson Aiden Pierce steuern. Auch hier wird man in Multiplayer-Sessions andere Spieler als irgendwelche Passanten, diese sich selbst wiederum aber als Aiden sehen. Was für ein dämlicher Fuckup ist das denn?
Jaja, aber wie viele Frauen spiele denn schon Computerspiele? Und warum sollte denen was ausmachen, ob die Spielfigur männlich ist? wurde dort gefragt. Als ob das eine Begründung sei. Klar: Ich kenne genug spielende Frauen, die auch mit der männlichen Figur spielen, wenn nur das angeboten wird. Das ist aber doch so, wie wenn Du irgendwo bist und es nur Filterkaffee gibt. Dann trinkst Du halt den, bevor Du gar keinen Kaffee bekommst.
Heutzutage hat man doch aber höhere Ansprüche an Spiele und der Wunsch nach Repräsentation (dabei gehts nicht nur um Frauen, auch um Hautfarben, Körpergrößen, Ethnien, Berufe usw.) wird seit Jahren lauter und wird inzwischen von vielen Spielen auch mehr oder weniger umgesetzt - die Dauerbrenner der letzten Jahre - Mass Effect, Borderlands, Dragon Age, die hier geradezu vorbildlichen Saints Row Spiele - werden seit Jahren deswegen gefeiert.
Ubisoft aber produziert seine beiden aktuellsten, next Generation Flagship-Games momentan ausschließlich für weiße Jungs.
Gerade bei Watch Dogs ist das ein riesiges WTF, dass man sich den Charakter nicht selbst bauen kann. Jeder weiß, dass alle Story-Cutscenes bei Mass Effect oder den Saints mit allen Modellen funktionieren, ohne dass die Story verwässert wird. Im Gegenteil: Die Immersion ist viel größer, weil man sich das Aussehen seines Characters selbst zusammengebaut hat. Und selbst wenn man sich einen aussuchen müßte: Watchdogs hat ja unzählige Modelle, um die Stadt zu beleben, die man im Multiplayer ja sogar (für den Mitspieler sichbar) auch bewegt. Wo sind da die riesigen Aufwände?
Im Gegenteil, den Spielern vorzuschreiben, ausschließlich Aiden als Figur spielen zu dürfen ist doch völlig unnötig und wirkt sich sogar extrem hinderlich für das Spiel aus. Wie bekloppt ist es, dass man im Multiplayer selbst immer Aiden lenkt und der Gegner einen Random Character? Den wiederum nur der jeweils andere sieht? Das haben andere Spiele seit Jahren tausendmal besser gelöst!
Und wenn man vorhat, ernsthaft ein Spiel für die nächste Generation der Spielentwicklung zu machen, mit einem nie dagewesenen Realitätsgrad, dann sollte man sich nun mal auch um ein realistisches Setting bemühen. Dazu gehört eine realistische Repräsentation.
Ubisoft schafft es es ja auch gleichzeitig, auf mehr als 200 Fahrzeugtypen mit völlig unterschiedlichem Verhalten stolz zu sein. Oder auf ultrarealistische Wetterbedingungen, die sich auf die gesamte Physik der Spielwelt auswirkt. Oder auf die exakteste Auswirkung von über 500 Waffentypen. Oder auf eine realistische, autarke Fauna. Oder die beste Wasserphysik, die man je in einem Spiel erleben konnte... oder, oder, oder.
Und dann reicht es nicht für ein realistisches Bewegungsmodell mehr, das sich immerhin auf 50% der Charaktere im Spiel auswirkt, die dort ständig unterwegs sind? Wirklich? Das soll die Begründung sein?
Ubisoft, ich glaube, ich kenne die tatsächliche Begründung. Ihr wollt nicht. Es interessiert euch - auf fatale Weise - nicht. Ihr habt eine so archaische Vorstellung von euren Kunden, die euch erlaubt, Diversität komplett zu ignorieren. Allerdings irrt ihr euch hier sehr. Das merkt ihr eventuell noch nicht gleich, aber vielleicht macht ihr euch mal die Mühe, zu untersuchen, wie viel mehr Prestige und wie viel mehr Verkäufe eurer neuen Flagship-Games ihr mit Leichtigkeit hättet erreichen können.
Und dass ihr nicht wollt ist klar: Ihr konntet Watch Dogs auch über ein halbes Jahr verschieben, um die Spielwelt zu perfektionieren. Und habt dabei dennoch darauf verzichtet, die Spielfigur auch als Frau zur Verfügung zu stellen. Wie viel eindeutiger hätte man es noch machen können?
Update: Es wird immer peinlicher. Auch in Ubisofts kommenden FarCry kommen sie mit derselben Ausrede.
Ich sags noch mal so deutlich wie ich es kann: Das Fehlen von Frauen in Ubisoft-Spielen ist ein Problem der Einstellung, kein technisches Problem. Selbst wenn es so wäre, dass es zu aufwändig ist, im Nachhinein eine weibliche Figur in die Spiele zu programmieren liegt das nur daran, dass Ubisoft ganz offensichtlich seine Spiele schon von vorneherein grundsätzlich ohne Frauen darin plant, designed und entwickelt.
Würde Ubisoft von Anfang an berücksichtigen, dass es in ihren Spielen selbstverständlich Frauen als Spielfiguren gibt, wären sie gar nicht erst in die Situation gekommen, sie nachträglich einbauen zu müssen.
Gestern halb Zwölf stand ich in Stage 5 und hielt meinen Vortrag über das Smart Grid. Der Raum war voll, was mich für den Einstieg ziemlich nervös machte. Ich finde das Thema zwar persönlich immens wichtig und spannend, aber es ist ja zumindest in der Netzszene jetzt nicht wirklich im Fokus, daher war ich tatsächlich sehr überrascht darüber, wie viele Menschen sich das anhören wollten und das merkt man den ersten Minuten sicher an.
Ich weiß nicht, ob der Vortrag gefilmt wurde. Hier nun kann man sich den Vortrag anschauen:
Der Ton wurde auch separataufgenommen und ich habe die Präsentation auf Slideshare abgelegt, so dass man ihn sich auch noch mal nur anhören und die Inhalte nachlesen kann:
Vor einer Weile hab ich auf Facebook einen alten Artikel von mir zitiert und dazu geschrieben, dass ich jedes mal wenn ich mir überlege, was ich eigentlich zu dieser ganzen NSA-Geschichte schreiben könnte einfällt, dass ich das ja eh schon zig mal erklärt habe. Daraufhin meinte Patrick, dann müssten wir eben darüber podcasten.
Und so kam es, dass wir vorgestern abend fast drei Stunden über Prism, Datensammlungen, Algorithmen und Analysten gesprochen haben und warum das Speichern von Daten aus einem Medium, das über das ständige Kopieren von Daten funktioniert, so einfach ist und eigentlich nicht verhindert werden kann. Außerdem geht es um Kreditkarten, false positive, dass Verschlüsselung schon noch funktioniert und dass man sich darüber Unterhalten muss, wie wir und wie Staaten mit der immer weiter wachsenden Transparenz umgehen.