Ich bin immer wieder erstaunt, dass dieses Argument "erneuerbare Energien funktionieren ja nicht, sobald es mal keinen Wind und keine Sonne gibt" immer noch kommt, obwohl das Problem gar nicht existiert, denn Wind und Sonne gibt es ja immer irgendwo.
Ok, ich erklärs halt doch noch mal: Wenn sich ein Windrad wegen Windflaute nicht dreht, drehen sich tausend andere Windräder immer noch, denn auch wenn es irgendwo lokal grade für ein paar Stunden mal keinen Wind gibt, hört der Wind ja nicht im ganzen Land auf, zu wehen. Je mehr Windräder es also gibt, desto weniger Schwankungen gibt es im Netz.
Das ist also (wieder mal) ein Induktionsfehler - der Fehlschluss, bei dem von einem Extremfall auf das große Ganze geschlossen wird: Windstille und Lichtstärkeunterschiede sind vereinzelte, lokale Probleme. Die können durch Redundanz, Diversifikation, Speicher und Vernetzung ausgeglichen werden.
Das heißt, die Lösung ist der Ausbau mit weiteren Wind und Solaranlagen, nicht deren Abbau.
Je mehr Wind und Solar, desto stabiler das Netz.
Und by the way: Wenn ein AKW abgeschaltet werden muss weil es z.B. im Sommer zu wenig Wasser zum kühlen gibt, erzeugt es tatsächlich komplett keine Energie mehr. Wenn ein Windrad abgestellt wird, gibt es noch zig Windräder, die weiterhin funktionieren.
Wenn diese Leute sich also wirklich Sorgen um die Stromversorgung machen würden weil ein einziger Ausfall sofort einen Blackout herbeiführen könnte, müssten sie sogar genau aus diesem Grund den Neubau von zentralisierten Kraftwerken - wie eben AKW - ablehnen, nicht den Ausbau eines resilienten, verteilten Netzes aus vielen autarken Stromerzeugungsquellen, das nie komplett ausfallen kann.
Kategorie: ".. politik und so"
Ich rede seit dem Wochenende mit Freund*innen darüber, wie erschreckend weit daneben viele Medien lagen, wenn es darum ging, den Mord an Kirk einzuordnen und nicht zu verstehen, dass da ein Nazi von einem Nazi erschossen wurde, dem Kirk nicht Nazi genug war.
Wir landeten dabei schnell bei Gamergate als ersten erfolgreichen Testlauf (und den man medial auch gerne noch verpassen durfte), um Propaganda-Mechaniken ins digitale Zeitalter zu übersetzen und darüber, wie daraus eine mit Billionärsgeld gut geölte Maschine geworden ist, die seit Jahren kaum bemerkt von klassischen Kommunikationskanälen die Isolation und die Extremisierung von jungen Menschen betreibt.
Das wichtigste Werkzeug für ersteres ist, Hoffnungslosigkeit zu erzeugen und zu vergrößern: Wer schon in jüngsten Jahren keine positiven Zukunftsperspektiven mehr für sich sieht, verliert nicht nur den Selbstrespekt sondern auch den für andere Menschen, für die Gesellschaft und am Ende für quasi alles. Man braucht dann nicht mal mehr diverse Gründe finden, um Frauen, Immigrant*innen oder egal welche Minderheiten zu hassen, weil die Rutsche ja einfach in einem gegen alles ausgerichteten Nihilismus endet.
Ein Problem, warum es so leicht ist, diese Rutsche so glitschig und schnell zu machen, ist allerdings selbstverschuldet: Es ist schwer, jungen Menschen zu erklären, dass sie einen Wert haben und ihre Zukunft wichtig sei, wenn sie täglich die Erfahrung machen, dass das Gegenteil der Fall ist und Politik scheinbar nur noch von und für diejenigen gemacht wird, die ihre Positionen nutzen, um sich und ihren Buddies ein angenehmes Leben auf Kosten aller anderen einzurichten und unter sich den Boden versiegeln.
Es gibt darauf eben nur zwei grundsätzliche Reaktionen: Sie entwickeln ihre Empathie und Menschlichkeit und arbeitet für eine Veränderung, mit der es allen - und damit auch ihnen selbst - besser geht, oder sie geben ihre Empathie und Menschlichkeit auf und die einzige Art der Veränderung, die noch möglich erscheint ist, irgendwas zu zerstören.
Und damit sind wir bei Schritt 2, der Extremisierung. Das ist weder neu noch unbekannt: Von den Jakobinern über die Nazis bis zu Al Qaida und ISIS und den Christofaschisten wird das so gemacht: Menschen auf diese Weise erst zu zerstören und dann mit einer Ideologie wieder aufzubauen, die die Rache an den angeblich Schuldigen an ihrem Leid zur Lebensaufgabe macht ist nichts, was es erst seit dem Internet gibt.
Naja, aber was ich in diesem Zusammenhang eigentlich teilen wollte, ist dieser Text. Das ist die Einordnung, die wir in den letzten Tagen in den Medien vermisst haben.
(Danke für den Linktip an Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach)
Als ich "GenAlpha" alt war, stand der Russe tatsächlich direkt vor der Tür und der dritte Weltkrieg war so wahrscheinlich, dass wir uns ständig darauf vorbereiteten. Überall auf der Welt waren Stellvertreterkriege, am schlimmsten in Vietnam. Es gab eine Ölkrise und eine Rezession, gegen die heutige Wirtschaftskrisen ein lauer Wind sind. Wir haben erfahren, dass in gut 50 Jahren die Klimaerwärmung nicht mehr umkehrbar sein wird. Die Flüsse waren tot und stanken, die Luft war giftig. Beides weil die Industrie ihren Dreck direkts ins Wasser und in die Luft ballerte.
Als ich "GenZ" alt war, gab es einen nie dagewesenen Atomunfall, der das Ende des "Ostblocks" einläutete, der Wald starb rapide und es gab riesige Löcher in der Ozonschicht. Die Wiedervereinigung führte nicht zu einem Deutschland für alle sondern zu den bis dahin schlimmsten rechtsradikalen Gewaltexzessen, die es zu meinen Lebzeiten gab. Stellvertreterkriege gabs weiterhin, aber verlagerten sich in den nahen Osten. Es gab einen richtig schlimmen genozidalen Krieg mitten in Europa, den heute irgendwie alle vergessen haben.
Als ich "Millenial" alt war, passierte 9/11 und die USA hatte mit George W Bush den bis dahin dümmsten Präsidenten und wurde gleichzeitig zum gefühlt gefährlichsten und willkürlichsten Land der Welt, das nicht mehr gegen "Commies" kämpfte sondern gegen Muslime (und eigentlich für Öl). Was im Osten so alles passierte, bekamen wir nicht so mit, aber zB in China passierte zu dieser Zeit auch enorm viel unschönes und Russland wurde heimlich zu einer korrupten Oligarchie umgebaut, die ihre Nachbarländer terroisierte - z.B. Tschetschenien.
Heute bin ich #GenX Alt und tja, was grade alles passiert, sehen all diese Generationen ja selbst: Immer noch Kriege und immer wieder Faschisten in West und Ost und hier in Deutschland.
Und es gab auch immer "Pandemien": In den Siebzigern kannte ich Leute mit "Kinderlähmung", in den Achtzigern und Neunzigern starben zu viele Menschen an AIDS, und dann kündigte sich COVID mit diversen Schüben an, die "Vogelgrippe" oder H1N1/Schweinegrippe hießen. Und jedes mal gab es Schwurbler, die entweder behaupteten, nichts davon sei wahr, krank würden nur die anderen, getroffene Maßnahmen seien unnötig, und Impfungen seien wirkunglos oder gefährlicher als die Krankheit.
Was aber auch immer passiert ist: Die Gesellschaft schob sich dabei immer vorwärts. Die Krisen waren immer temporärer als sie im Moment der Situation erschienen, die progressiven Entwicklungen in all diesen Zeiten - auch wenn sie mal stagnierten oder sogar von einem Backlash einen Schritt zurückgeworfen wurden - konnten sich am Ende immer durchsetzen und wurden später von noch besseren ersetzt. Wenn auch alles teilweise sehr sehr langsam, sehr schmerzhaft und noch lange nicht an der Stelle und in dem Umfang, an der wir sie gerne haben wollen.
Ob Feminismus, Antirassismus, die Repräsentanz vormals völlig unsichtbarer Minderheiten, die Akzeptanz von diverseren Lebensstilen, die viel breitere Beteiligung an sozialen und kulturellen Fertigkeiten und der Teilhabe am öffentlichen Diskurs, die durch Internet und Digitalisierung ermöglicht wurde: all das ist eine Kurve, die - entgegen allen Versuchen von entweder Wirtschaft oder Politik, sie einzuhegen und zu gatekeepen und nach dem immer erfolgten Backlash - in der langen Sicht immer nur aufwärts zeigt.
Und das liegt daran, dass egal aus welcher Generation wir kommen, wir nicht aufhören, uns weiter zu engagieren, zu entwickeln, uns einzubringen und uns und vor allem den Schwächeren zu helfen, durch die Krisen zu kommen. Erst wenn das aufhört, wird die Welt untergehen.
Nur damit wir uns richtig verstehen: Ich will keine Hoffnung auf schnelle Besserung machen. Im Gegenteil. Worum es mir geht ist die Erkenntnis, dass das, was "wir" an Verbesserungen erleben, immer von denen erkämpft wurde, die vor uns waren und die meisten von ihnen haben diese bessere Welt nie erleben können. Wir kämpfen - je älter wir werden - auch für immer mehr Dinge, die wir nie erleben werden. Ich möchte aber dennoch nicht, dass wir damit aufhören, denn wir genießen auch die Ergebnisse unserer Vorkämpfenden, ohne selbst dafür leiden haben zu müssen.
Solange wir daher alle - egal welche "Gen" wir sind - das weiter so machen, wird keine Krise die letzte sein und kein Oligarch, Rassist, Faschist oder Demagoge kann auf Dauer die Zukunft aufhalten, in die wir alle wollen.
Und jetzt: Ausruhen und dann weitermachen.
Als in den Neunzigern die Gewaltwelle gegen Immigrant*innen am höchsten war, gabs wie heute auch Diskussionen darüber, dass "die Jugend" von sozialen Medien verführt werde - nur dass die Plattform nicht Tiktok sondern der Schulhof war und Medien rechte Musik CDs und Pamphlete. Natürlich war das damals wie heute Unsinn, weil man einen Effekt zur Ursache erklärt.
Damals wie heute sind es Politiker und die ganz normalen Medien, die das Thema aufheizen und immer mehr Benzin ins Feuer gießen. Die paar Lagerfeuer unter Jugendlichen sind mit dem Großbrand, den Politik und Medien veranstalten, gar nicht vergleichbar. Das ist wie wenn die Ölindustrie sagt "Achtung! Kerzen verursachen CO2!"
Damals wie heute werden Jugendliche als weiche, verführbare Knethirne beschrieben: Die Rechten beherrschen die Schulhöfe und nutzen die Medien, die Jugendliche anspricht. Wir erreichen die nicht mehr, daher werden die jetzt unweigerlich gehirngewaschen und rennen morgen in HJ-Klamotten rum.
Damals wie heute ist aber das, was Jugendliche in ihrer Welt sehen ein Abbild der Welt um ihre herum. Warum sollten Rechte ausgerechnet in der Jugendwelt weniger narrativbestimmend sein als überall anders? Die Schulhofthemen änderten sich in den Neunzigern prompt, sobald sich die Themen in der Welt wieder änderten.
Jugendliche sind nämlich gar nicht so anders als wir. Sie reagieren auf die Themen, mit denen sie bombardiert werden auf dieselbe Weise wie wir. Sie nehmen Relevanz genauso wahr wie wir und den Hass auf Migranten zu befeuern ist derzeit nun mal - wie 1993 - im Mainstream. Alle Politiker und alle Medien reden derzeit über nichts anderes.
Daher: Wenn wir nicht wollen, dass Jugendliche rechter Propaganda ausgesetzt sind, müssen wir aufhören, ebendiese Propaganda in allen Medien und politischen Machtkämpfen und informationsbestimmenden Kanälen zu reproduzieren und zu bedienen.
Dann hört das nämlich bei denen auch wieder auf.
Ich unterstütze das derzeit sich etablierende Narrativ, dass die AfD in Thüringen mal gezeigt hat, was passiert, wenn Demokratiegegner die Demokratie im Geist von Göbbels "...wie der Wolf, der in die Schafsherde einbricht"-Rede zerstören.
Allerdings: passiert ist eigentlich was leicht anderes. Ich hab mir das jetzt mal genau angesehen und teilweise auch mal ohne Ton, um zu sehen, ob Treutlers Kommunikationsverhalten sich mit dem Narrativ deckt, Und das tut es zu keinem Zeitpunkt, denn für eine bewusste, geplante Blockade wäre seine gesamte Körperhaltung, sein spontanes Verhalten, seine Wortwahl und "Argumentation", diametral anders als das, was wir gesehen haben.
Was wir in Wirklichkeit sehen, ist ein Mensch, der in eine Funktion gesetzt wurde, für die er absolut keine Kompetenz hat. Er ist ein Aufschneider der behauptet, er spiele besser Klavier als alle anderen ohne je ein Klavier angefasst zu haben und dann in einem vollen Konzerthaus vor ein Klavier gesetzt wird und von dem dann erwartet wird, ein Bachkonzert zu spielen. Und seinen "Auftritt" beginnt er auch noch in einer klar sichtbaren Haltung voller Stolz und Selbstüberzeugung. Und dann stellt sich raus: Zum Bach spielen muss man die Regeln kennen, die Technik gelernt haben, die Situation vor dem Publikum beherrschen und jede Menge Fertigkeiten besitzen von denen er weder wusste, dass es sie gibt und dass man sie braucht, die er nicht hat.
Denn man kann ab dann dabei zusehen, wie schnell seine Souveränität und damit sein eigentlicher Plan zerbröselte, eine Filibuster-Situation herzustellen indem er eine nicht endende AfD-Rede hält um dadurch die Konstituierung zu verzögern. Stattdessen begann er quasi ab Minute 5 zu schwimmen und sein Leben wird zu einem sehr langen "Ich muss das Abi noch mal machen, aber ich habe keine Ahnung vom Stoff, die Lehrer lachen mich aus und ich verstehe die Regeln gar nicht."-Albtraum, der nach und nach auf seine Konstitution geht: Seine Hände zittern, er schlägt verbal um sich, er macht ständig Unterbrechungen, um sich irgendwie wieder in den Griff zu bekommen, was nicht klappt bis er irgendwann sogar aufs Klo flüchten muss. Er versucht immer wieder, an den Anfang seines Plans (seine Rede halten) zurückzufinden, den er sich ja so gut zurechtgelegt hat.
Was wir sehen ist jemand, der völlig überfordert mit einer Situation ist, von der er glaubte, sie zu beherrschen. Er hat aber keine Ahnung von den Prozessen, von den Abläufen, von den Anforderungen und von den Skills, die er eigentlich mitbringen hätte müssen, um den Job zu machen, für den er sich gemeldet hat und von dem er glaubte, er können ihn besser als jede*r andere. Die Panikticks und unbewussten Kämpfe gegen Flight-Attempts und Abwehrgestiken, das verzweifelt autoritär klingen sollende Herumeiern und sich berufen auf Status (etwas was man tut, wenn man seine Autorität verloren hat), das Flattern in der Stimme und so viele andere Zeichen von Verunsicherung und Überforderung steigern sich die gesamte Zeit.
Das heißt: Ja, natürlich wollte er und wollte die AfD (es ist ja anzunehmen, die haben sich das so überlegt) hier eine Machtdemonstration abliefern und trotz allen Dilettantismus hat das zumindest im Ergebnis auch geklappt. Aber sie hat auch zwei andere Dinge gezeigt, nämlich
1. eine Demonstration dessen, was passiert, wenn Menschen, die sich in einer Parallelwahrnehmung befinden, in der sie die Souveränen und alle anderen dumme Schafe sind, in der echten Welt bewähren müssen. Plötzlich müssen sie in einer Welt funktionieren und agieren, in der nicht nur ihre Vorstellung valide und vorhanden ist, Dinge, Abläufe, Menschen, Interaktionen anders funktionieren und nicht Genehmes nicht einfach ignoriert werden kann.
2. dass sie tatsächlich demokratiefeindlich sind, da sie keinerlei Ahnung, kein Interesse, ja nicht mal ein Bewusstsein von demokratischen Abläufen haben. Er war völlig unfähig, seine Rolle als Alterspräsident zu erfüllen, für die Neutralität und die Bereitschaft zur Kompromissfindung und Moderation nötig ist. Ich glaube nicht, dass er bewusst darauf verzichtet hat, sondern dass er keine Ahnung hat, dass es das überhaupt gibt und dass das eine Notwendigkeit für demokratische Entscheidungen ist. Denn er/die AfD will keine demokratischen Entscheidungen sondern autoritäre - dafür ist Kompromissfähigkeit ja unnötig.
Insofern war das ein Glimpse of Truth in vielerlei Hinsicht und man sollte sich das gut ansehen, wenn man herausfinden will, wie die ticken. Denn eins ist klar: Dietrich Bonhoeffer hatte Recht, als er schrieb, der größte Feind der Demokratie ist die Dummheit. Denn so dumm sich Treutler auch anstellte, der Wille zur Zerstörung trieb ihn dennoch voran. Und das ist durchaus erschreckend, denn Dumme gibt es ja leider genug.
Der Grund, warum ich immer wieder erkläre, was der Induktionsfehler ist, ist dass ich glaube, dass er ein Schlüsselinstrument von Populisten ist und dass es nicht mehr funktioniert, sobald man ihn erkennt. Und es ist sehr einfach, ihn zu erkennen und seine Medienkompetenz darauf zu trainieren, ihn zu erkennen. Das ist so wie wenn man Menschen Kerning erklärt und ab diesem Moment sticht ihnen das fehlende Kerning bei jedem zweiten Werbeplakat ins Auge (was schrecklich annoying ist).
Ich erkläre erst mal, was der Induktionsfehler ist:
Induktion ist, wenn man von einem Detail auf das Gesamtbild schließt. Der Fehler ist, wenn man das - und das ist in Medien und Politik seit ca 15 Jahren die etablierte Norm - nur mit den Extremen macht. Dann sieht die Welt unrettbar gespalten aus. Man sieht aber nur 10% (5% von jeder Seite) der Gesamtheit. 90% ist ausgeblendet.
Populisten nutzen diesen Trick, um genau dieses Bild einer gespaltenen Gesellschaft zu erzeugen. Sie amplifizieren Extreme und mehr noch: Sie erfinden sie sogar, wenn es keine gibt. Sieht man immer dann, wenn ein Gesetzesvorhaben diskutiert wird und sofort nur noch ein einziges Szenario als Referenz für seinen Sinn oder Unsinn herangezogen wird, das aber eben nicht der 80% Normalfall ist sondern die eine enorm detailliert konstruierte Sondersituation, in der das Gesetz nicht funktioniert.
Beispiele gibt es genug:
Ich hab das erste mal während der Corona-Lockdowns darüber geschrieben, wie Umfragen über die Maßnahmen genau das Gegenteil dessen aussagten, was über genau diese Umfragen geschrieben und gesagt wurde.
Dann kann man sich die Cannabislegalisierung ansehen. Ich sehe als Nichtkonsument keinerlei Unterschied zu vorher. Ich seh auch keine kiffenden Menschen an jeder Straßenecke oder die Schwemme an Drogentoten.
Das waren und sind sogar bar jeder Sichtbarkeit in der Realität die Horrorszenarien, die hier aufgefahren wurden und werden.
Oder wisst ihr noch, als die Ehe für Alle dafür sorgte, dass jetzt jede*r seinen Hund heiraten will? as war das Szenario, das gegen die Ehe für Alle sprach.
Die Argumente gegen Erbschafts- und Reichensteuer funktionieren genauso: Es besteht eine mikroskopisch kleine Möglichkeit für jede*n Menschen, der gerade nicht reich ist, in seinem Leben doch noch reich zu werden. Diese eigentlich nicht vorhandene Chance reicht aber vielen aus, präventiv ihr gar nicht vorhandenes Geld schützen zu wollen.
Ein Beispiel, wo der Induktionsfehler auch super funktioniert hat ist das Heizungsgesetz. Eine Wärmepumpe kostet im Endeffekt dasselbe wie zB eine Gastherme und für die zusätzliche Umstellung bekommt man eine Förderung. Das Szenario war aber: Der Kauf einer Wärmepumpe macht dich unweigerlich Bankrott. Die Behauptung war, man müsse dafür das ganze Haus dämmen und eine Fußbodenheizung einbauen und schon war die Rechnung so exorbitant, wie man es darstellen wollte. Und diese ins extrem aufgeblähte Rechnung wurde dann zur Referenz für alle erklärt.
Wo wir den Induktionsfehler gerade auch sehen ist beim Thema Bürgergeld. Politiker und Medien diskutieren nur über Empfänger*innen, die "faul" sind und "nicht arbeiten wollen, obwohl sie könnten". Denen stehen die "braven Arbeitenden" gegenüber, die das sehen und denken "dann arbeite ich jetzt auch nicht mehr". Wo wir doch Fachkräftemangel haben. Das ist ein geradezu absurdes Fantasieszenario, das aus mehreren Details zusammengestückelt ist, die eigentlich nicht mal zusammenpassen. Was man aber nicht sieht, wenn man das Gesamtbild ausblendet:
1. Der Anteil der Bürgergeldempfänger*innen, die wirklich "nicht arbeiten wollen" ist lächerlich klein (https://www.fr.de/verbraucher/statistik-zeigt-zahl-totalverweigerer-empfaenger-buergergeld-aktuelle-zr-92901745.html).
2. Es gibt seit der Einführung des BG keine Abwanderung von Arbeitenden (https://www.rnd.de/politik/buergergeld-seit-start-wechseln-weniger-menschen-von-arbeit-in-die-grundsicherung-YJYGLWSCQJJKFFZFXAFGM2SVWQ.html).
3. Der Fachkräftemangel hat gar keinen Bezug zum Bürgergeld. Fachkräfte verdienen ja gut.
Das Szenario ist ein Extrem, das ein unwahrscheinliches Extrem erzeugt und ein unmögliches Extrem bewirkt. Dieses völlig absurde Konstrukt ist aber das Szenario, mit dem derzeit die politischen Entscheidungen zum Bürgergeld getroffen werden.
Der leider erfolgreichste Induktionsfehler derzeit ist natürlich der, der sich gegen Immigrant*innen richtet und den gerade sämtliche Parteien bedienen als gäbs kein Morgen.
Es gibt gerade weder besonders hohe Einwanderungszahlen, noch steigende Gewalt, noch irgendwelche anderen besonderen Belastungen. Es hat sich seit Jahren nichts verändert. Die Lage war völlig stabil. Dass jetzt Immigrant*innen von fast ALLEN Parteien in Gefahr gebracht werden indem sie eine Gewalttat eines Asylbewerbers dazu nutzen, alle Immigrant*innen als Verbrecher*innen zu diffamieren, ist nur noch verachtenswert.
Deshalb ist der Induktionsfehler nicht nur ein rhetorischer Trick (wenn man ihn absichtlich nutzt) oder Irrtum (wenn man drauf reinfällt), sondern gefährlich und wir alle sollten lernen, Induktion sofort zu erkennen und dann sofort darauf hinzuweisen, sobald er irgendwo auftaucht. Und er wird auftauchen: Sobald man ein Auge dafür hat, sieht man ihn überall.
Kommunikation kann davon profitieren, wenn man die Prozesse der Informationsvermittlung richtig (aus)nutzt. Daher kann es gefährlich werden, wenn Medienprozesse sich nicht verändern. Die AfD und andere Populisten sind super darin, das Medienverhalten zu analysieren, die Schwachstellen zu finden und dann dazu zu nutzen, ihre Inhalte so darin unterzubringen, dass sie nahezu ungefiltert ans Publikum weitergereicht werden.
Wir können mit den Demonstrationen gegen Rechtsextremismus derzeit beobachten, was passiert, wenn so eine etablierte Kommunikationsschleife durchbrochen wird und Populisten ihre Deutungshoheit und Initiative verlieren.
Wie die AfD es schaffte, über Jahre ihre Narrative in die Medien zu puschen und warum Kommunikationsmenschen seit Jahren ungehört erklären, warum es wichtig ist, dass sich Medien hier anders verhalten, erklärt der Soziologe Nils C. Kumkar mit drei Punkten.
1. Die AfD hat es geschafft, sich als das grundlegende "Nein zur Politik" zu etablieren.
2. Die AfD spricht Menschen mit Abstiegsängsten an.
3. Sie erreicht die 20% der Bevölkerung, die einfach generell fremdenfeindlich sind.
Dazu meine Anmerkungen:
zu 1. Die wichtigste Grundregel des Populismus ist die 100% Ablehnung von einfach allem. Egal, zu was man gefragt wird, es ist Mist und man ist dagegen. Deswegen ist es auch egal, ob man Gegenargumente hat, wenn man mit ihnen spricht und eigentlich ist die richtige Reaktion auf Leute, die grundsätzlich alles ablehnen, sie stehen zu lassen und die Dinge zu tun, die man tun möchte. Man kann niemanden "mitnehmen", der nicht mitgenommen werden will und das einzige, das man schafft, wenn man es versucht, ist ihnen ein Machtgefühl zu geben, das aber fest an ihre Ablehnung geknüpft ist. D.h, jedes Entgegenkommen wird als Schwäche des Feindes interpretiert, sie werden in ihrer "Unnachgiebigkeit" bestärkt und sie werden ihre Ablehnung beibehalten und sogar noch verstärken, um ihre gefühlte Macht zu behalten.
zu 2. Angst erzeugen ist einfacher als Angst nehmen. Daher wird die AfD hier immer einen Vorsprung haben, sobald man sie sprechen lässt. Es ist auch egal, ob diese Ängstszenarien völlig übertrieben oder sogar komplett irreal sind, wie die von millionenfachen Impfschäden, dass Ausländer die Bevölkerung austauschen oder dass es zu Stromblackouts kommt, wenn wir keine Atomkraft mehr nutzen.
Gegen diese Szenarien zu argumentieren hält sie länger am Leben als sie mit "Das ist halt Quatsch und über solchen ausgedachten Blödsinn rede ich nicht mit dir, das kannste mit deinen Verschwörungsmärchenfreaks diskutieren" abzuschmettern.
zu 3. Da sagt Kumkar bereits das Richtige: Diese Leute werden dann aktiviert, wenn ALLE über das Thema sprechen, nicht nur die, die ohnehin fremdenfeindlich sind.
Denn wenn ein Thema als politisches "Problem" hochgejazzt wird (obwohl es in Deutschland gar keine nennenswert hohen Einwanderungszahlen gibt und das somit gar kein reales Problem ist), braucht sich die AfD ja nur hinstellen und sagen: "Nur wenn ihr uns wählt, bekommt ihr wirklich, was ihr wollt", weil sie sich gar nicht die Mühe machen müssen, Einwanderung als Problem zu framen - das machen die anderen ja bereits.
Mit anderen Worten: Alle drei Punkte zeigen, was Medien und Politik seit mindestens 2015 falsch machen und was Soziolog*innen und Kommunikationsleute schon immer bemängeln: Man spricht nicht mit Extremisten, sondern über sie - nur so behält man die Deutungshoheit.
Und wie Kumkar sagt: „Sobald die Debatte nicht mehr um ihre Themen kreist, hat die AfD Schwierigkeiten.“
Letztens im Podcast haben Sven und ich ein bisschen orakelt, wer am Ende bei den Wahlen im Herbst welche Partei wählen wird. Meine These war (und ist) ja, dass es nach Abzug des üblichen Anteils von Wähler:innen antidemokratischer Parteien eigentlich nur drei Wähler:innentypen gibt: Die eine sind die jeweiligen Stammwähler:innen der Parteien, die immer schon und auch weiterhin dieselbe Partei wählen - von denen hat die CDU am meisten und startet daher immer mit einem Vorsprung von mindestens 15% vor den anderen.
Interessanter sind die anderen zwei:
- Die, die die Merkelpolitik weiter haben wollen und deshalb CDU wählen.
- Die, die progressive Politik haben wollen und deswegen Oppositionsparteien wählen, also Grün, Links, Rechts (FDP ist ja keine Partei, sondern ein Lobbyverein).
Was dabei auffällt und weshalb ich das im Podcast auch erzählt habe ist, dass keine dieser beiden Wähler:innengruppen einen Grund hat, die SPD zu wählen: Die SPD war ja in der Regierung Merkel. Das heißt, die Gruppe 1 "weiter so" wählt lieber direkt die CDU und Gruppe 2 "anders machen" wählt natürlich gar keine derzeitige Regierungspartei. Und dementsprechend unüberraschend waren die SPD-Zahlen so tief im Keller, wie nie zuvor.
Jetzt sehen die Umfragen aber inzwischen so aus, dass Olaf Scholz in Führung geht. Wo kommen denn plötzlich SPD-Wähler:innen her? Haben wir uns etwa geirrt?
Ich glaube nicht, aber es ist eben etwas passiert, was m.E. die Wähler:innen der ersten Gruppe angeht und auf das sie folgerichtig reagieren:
Es ist ja so, dass Laschets Aufgabe eigentlich einfach war "Sei der männliche Merkel". Das hat er nicht geschafft. Merkel gibt sich klar, ehrlich, ein bisschen stoisch und konzentriert, meistens vernünftig in ihrer Argumentation, zurückhaltend, freundlich und ohne Arroganz. Laschet hat in den letzten 4 Wochen nichts davon gezeigt, sondern das Gegenteil: er ändert ständig seine Aussagen, ist laut, emotional, widerspricht Fakten aus den Bauch und verteidigt unvernünftige Standpunkte "weil halt", wirkt fahrig und unkonzentriert und hat eine penetrante onkelige Überheblichkeit.
Und Scholz? Naja, der versucht seit einiger Zeit, genau dieses Vakuum zu füllen und gibt den Wähler:innen eben genau das, was Laschet hätte sein sollen: Die männliche Merkel. Dass er die eigentlich auch nicht wirklich ist, ist dabei nicht so wichtig, er muss ja nur erkennbar mehr Merkel sein als Laschet.
Und schon wechseln Wähler:innen der Gruppe 1 zur SPD. Denn die wollen ja alles wie bisher. Und Scholz spielt das gut aus mit einer Mischung aus Merkel-Mimikri auf persönlicher Ebene und dem Adenauerschen "Keine Experimente" auf der politischen. Er schafft auch viel besser als Laschet, nicht über Inhalte zu sprechen, sondern auf der Platitüdenebene zu bleiben - das gefällt Gruppe 1 sehr gut. Dass die Zahlen der Grünen (und Linken) im Groben stabil bleiben - die Stimmen also vor allem von den CDU-Wähler:innen kommt -, würde ich da als Bestätigung dieser These sehen.
Und gerade kam auch noch ein Artikel, der mir das ebenfalls zu bestätigen scheint, da eine psychologische Untersuchung der Wahrnehmung der Kandidat:innen folgendes ergibt:
(...) Die Grünen-Vorsitzenden Robert Habeck und Annalena Baerbock werden demnach als perfektes Paar wie 'Adam und Eva' wahrgenommen, FDP-Chef Christian Lindner als trotziges "inneres Kind", SPD-Kandidat Olaf Scholz als Kontinuitätsgarant – und Armin Laschet als Witzfigur.
(Ach ja, über die trotzigen Kinder haben wir im Podcast auch gesprochen. Da muss ich demnächst vielleicht auch noch mal ein bisschen ausführlicher drauf eingehen...)
Ein Lesetipp zum Thema Gendersprache, der mal sehr genau erklärt, warum ich immer sage "der Zug ist da schon längst abgefahren: Es geht schon lange nicht mehr darum, ob gegendert wird oder nicht. Es wird gegendert, die Frage ist nur noch, wie":
Der Zug ist losgefahren, und da kann sich Friedrich Merz jetzt Sorgen machen, oder Herr Ploß kann das verbieten, und Sigmar Gabriel kann vorschlagen, dass nicht die Union, sondern der Rat für deutsche Rechtschreibung unsere Sprache weiterentwickeln soll... Nichts davon ist in irgendeiner Form außerhalb der Politik und des Wahlkampfs relevant, und nichts davon wird irgendeinen Einfluss darauf haben, wie es sprachlich weitergeht. Wir können nicht mehr zurück auf Los, der Fisch ist gegessen. Nichts davon berührt in irgendeiner Form die Grammatik des Deutschen abseits des Erwartbaren, und nichts davon lässt Linguist:innen nachts im Bett unruhig hin und her rollen.
Zu diesem schönen Artikel, der aus sprachwissenschaftlicher Sicht auf das Gendern schaut, hab ich auch noch eine Ergänzung. Ich möchte gerne auf den Vorwurf der "Sprachverhunzung" eingehen, der ja unweigerlich auftaucht, sobald irgendwo über Genderformen in der Sprache gesprochen wird.
Es gibt aus sprachwissenschaftlicher Sicht keine "Verhunzung" von Sprache. Es gibt nur Sprachevolution. Diese "Verhunzung" ist eine rein subjektive und emotionale Wahrnehmung. Wo die eigentliche Herkunft dieser Emotion auch klar verortet werden kann: Es handelt sich um ein Unwohlsein damit, dass etwas, womit wir aufgewachsen ist, sich so sehr ändert, dass es im Kern verschwindet - oder wir das Gefühl haben, es verschwindet und dass damit ein Teil unseres Lebens ausgelöscht wird. Deswegen übrigens ist auch wurscht, ob eine "Mehrheit" das ablehnt. Das ist ja ganz einfach der Demografie geschuldet - die Mehrheit ist halt älter und je älter man wird, desto weniger mag man Veränderung und reagiert, euphemistisch ausgedrückt, nostalgisch.
Das Anquengeln gegen Gendern entspringt nämlich demselben Veränderungs-Schmerz, den wir verspürten, als die Postleitzahlen fünfstellig wurden oder die D-Mark abgeschafft wurde. Letztendlich ist aber nichts objektiv schlechter daran, es machte und macht die jeweiligen Dinge nur anders und löste und löst damit jeweils ein faktisches Problem, das in der alten Form und Vorgehensweise nur mit zusätzlichen umständlichen Workarounds oder gar nicht zu lösen war.
Insoweit sage ich immer, ich verstehe die Emotion, denn es ist schon krass, wenn Veränderungen einen Teil der eigenen Prägung in der Vergangenheit zurücklassen, weil sie in Zukunft keine Rolle mehr spielt oder sehr viel anders gilt/gehandhabt wird.
Aber wir haben die vierstelligen Postleitzahlen, die D-Mark oder - noch ein Beispiel - die DDR auch nicht behalten, damit Menschen, die damit aufgewachsen sind, sich nicht unwohl fühlen.
Daher bekommen Leute, die ihrer Sprache nachtrauern, von mir durchaus ein wenig Verständnis. Aber auch nicht mehr.
Die Anpassung der Sprache an neue Anforderungen daran ist nämlich wichtiger und by the way auch unvermeidbar und Nostalgie (denn darum handelt es sich am Ende) ist kein objektiver und sachbezogener Grund, um eigentlich objektiven und sachbezogenen Themen vorbehaltene Regelungen zu erlassen. Gesetzliche Verbote für Sprachformen zum "Schutz" eines veralteten Status Quo, wie sie drolligerweise sich für ach so liberal haltende FDP-Herrschaften und die CDU auf der Jagd nach AfD-Wählern derzeit gerne fordern, sind fehl am Platz.
Diese Art der populistischen Erhöhung von Nostalgie als Politik gibts aber schon immer und ich seh sowas als relativ normalen Ausdruck von Fortschrittsschmerzen mit denen wir ständig leben und deren Lautstärke mit unserer Demografie zusammenhängt: Es gibt halt mehr alte Menschen als junge in der Gesellschaft. Es ist also genauso müßig, die zu beklagen.
Am Schluss noch ein Funfact, das vielleicht ein wenig erklärt, worüber wir hier eigentlich sprechen und warum die Frage, ob und warum irgendwas sich nicht ändern darf, außerhalb des ganz persönlichen Erlebens kein relevantes Thema ist: Auch ich fand die Umstellung der Postleitzahlen von 4 auf 5 Stellen damals schrecklich. Denn die vierstelligen Postleitzahlen waren die natürliche Ordnung, weil es sie schon gab als ich geboren wurde. Das war 1968. Lustigerweise fand ich aber irgendwann heraus, dass es das vierstellige Postleitzahlen-System bei meiner Geburt gerade mal 6 Jahre gab, denn es wurde erst 1962 eingeführt. Die fünfstellige Postleitzahl - eingeführt 1990, also 28 Jahre nach der Einführung der vierstelligen Postleitzahl - ist jetzt im 31. Jahr und existiert somit schon jetzt länger, als es die 4-stellige gegeben hat.
Wundert ihr euch auch, warum immer noch auf diese "schwarze Null" gepocht wird, obwohl Austeritätspolitik schon längst als Rechenfehler entlarvt wurde? Da gehts ja darum, dass der Staat nicht noch "mehr Schulden" machen darf. Schulden sind schlimm und gefährlich, erzeugen Unsicherheit und Ängste und die Gefahren eines Defizits sind leicht vermittelbar. Allerdings vor allem denen, die Schulden kennen.
"Wir dürfen nicht über unsere Verhältnisse leben, sonst ist unser Wohlstand in Gefahr" verstehen viele Menschen als Analogie zu ihrer persönlichen Erfahrung: Das scheint dasselbe zu sein, was sie jedes Monatsende erleben, wenn es darum geht, dass genug für die Miete übrig ist.
Das Ding ist nur: Staatsschulden sind was völlig anderes als private Schulden. Ein Staatshaushalt funktioniert völlig anders als ein privater Haushalt. Die Analogie ist völlig falsch, aber leider naheliegend und m.E. auch gewollt, denn sie sorgt für die Zustimmung der Menschen, die am meisten unter den Auswirkungen der Politik leiden, die mit der "schwarzen Null" begründet wird. Diese Politik sorgt nämlich vor allem für immer neuen Einschränkungen in sozialen Bereichen von Nothilfe über Bildung zu Gesundheit und Rente.
Schauen wir aber doch mal an, wer diese Idee der "schwarze Null" eigentlich propagiert: Das sind Leute ohne Schulden (wobei sie manchmal schon Schulden machen, dann aber mit Absicht, um zu investieren, damit sie später Gewinne erwirtschaften). Leute, die eigentlich wissen, dass private Schulden und Staatsschulden nicht dasselbe sind. Die wissen dass der Staat seine Schulden sehr leicht durch neue/andere Steuern und Abgaben ausgleichen kann - das man sich nämlich bei denen holen könnte, wo das Geld herumliegt, statt bei denen, die eh keins haben - oder indem Subventionen umgeschichtet werden, von denen aber halt einflussreiche Konzerne schon lange Zeit profitieren, wenn das doch mal nötig wäre.
Stattdessen "spart" er im Zweifel wo? Na, bei denen, die nichts haben.
Es geht bei der schwarzen Null also um einen echt perfiden Strohmann zur Projektion von Existenzängsten armer Menschen auf den Staat - der aber wie gesagt ein System ist, das gar nicht vergleichbar mit ihrer Situation ist -, dessen wichtigste Aufgabe es ist, zu vermeiden, dass der Staat für arme Menschen an die Gewinne und das Vermögen der Wohlhabenden geht, die sich keine Sorgen um Schulden machen müssen. Das manifestiert ein System zu Gunsten Wohlhabender auf Kosten derer, denen mit einer falschen Metapher ihrer eigenen Situation jeder Weg verbaut wird, jemals aus ihren Schulden zu kommen.