eingetragen am Aug 29, 2016 von jensscholz in .. privat
Wir kennen uns nun seit etwa 29 Jahren. Wir haben uns gut verstanden, konnten gut miteinander reden und haben angefangen, gemeinsam etwas zu unternehmen: Mal ein Konzert, mal eine Party, mal in ein Museum oder ins Theater und auch mal eine Reise nach Polen. Irgendwann auf dem gemeinsamen Weg war klar, dass wir wohl zusammen sind. Das passierte einfach, ganz langsam und ohne dass Du oder ich irgendwie in diese Richtung gedrängt hätten - zumindest nicht, dass mir das bewusst wäre. Manchmal hat einer von uns natürlich mal getestet, wo wir wohl stehen und haben es irgendwann einfach irgendwann nicht mehr anders bezeichnen können. Das muss spätestens so Ende 1989 gewesen sein.
Wir haben studiert, Du in Koblenz, ich in Heidelberg. Ich bin regelmäßig zu Dir nach Koblenz gefahren und Du zu mir in unsere WG. Das war einerseits eine tolle Zeit, mit viel Freiheit (und dummerweise kaum Geld), neuen Freunden, interessanten Dingen zu tun... wir waren zusammen einen Monat in Ägypten und zwei der ersten, die die gerade erst für Touristen freigegebene Oase Siwa besuchen konnten. 1993 waren wir noch mal so lange in Syrien und Jordanien. Wir haben immer gut zusammen reisen können. Wir konnten überhaupt sehr viel gut zusammen machen. Ich fand das immer toll, wie Du Dich in neue Themen und Wagnisse gestürzt hast und habe mich hin und wieder dabei gefragt, ob ich Dir nicht irgendwann zu langweilig werde, weil ich mich nicht genauso spontan und enthusiastisch in Abenteuer stürze.
Das nächste größere Abenteuer war dann aber ein gemeinsames: Ein Kind zu kriegen, als Studenten mit 24 Jahren. Da waren wir aber schon eine Ewigkeit zusammen und für mich bestand da kein Zweifel, dass wir das schaffen. Ich glaube, für Dich auch nicht. Ich erinnere mich daran, wie schön die Schwangerschaft war. Wie Du vor dem Spiegel gestanden hast, wie wir Fotos gemacht haben. Und es war auch am Ende alles machbar. Alles hat geklappt. Aber wie schon vorher ist alles irgendwie passiert, nichts war geplant. Alles war im Fluss, hätte so oder anders kommen können, aber so wie es kam war es auch gut.
Wir haben dann heute vor 19 Jahren geheiratet. Sohn Nummer 1 war 4 Jahre alt. So lange hat es gedauert, bis wir irgendwie an dem Punkt ankamen, dass das mit dem heiraten wohl jetzt besser sei, denn es wird doch sonst ziemlich kompliziert - damals wäre es für mich sonst nicht mal möglich gewesen, ihn ohne eine schriftliche Vollmacht vom Kindergarten abzuholen oder zum Arzt zu begeiten. Haben wir halt geheiratet. Weder in weiß noch mit dem ganzen Pomp sondern so ein bisschen in unserem Stil: Axel und die Band spielen Irish Folk, wir organisierten eine bunte Mischung aus Kuchen und Häppchenbuffet, Achim verwandelte eine ziemlich triste Halle in einen großartigen, mit Schwarzlicht illuminierten Dschungel zum tanzen. Es war am Ende eine lockere Party, an die wir uns jedes Jahr erinnern, sobald sich Lady Dis Todestag jährt - denn die Nachricht von ihrem Unfall hörten wir brandfrisch gegen vier Uhr früh auf der Heimfahrt im Radio.
Wir haben beide einen Beruf gestartet. Wir haben das zweite Kind bekommen und sind umgezogen, weil die Wohnung zu klein wurde. Ich habe einen Job in Neu-Isenburg gefunden, als der alten Firma die Luft ausging. Mehr Geld, noch größere Wohnung. Aber es wurde dennoch irgendwie immer enger. Wir haben das nicht so gemerkt und ich überspringe die Details, weil ich schon mal darüber geschrieben habe. Wichtig ist aber: Auch da passierte das alles irgendwie. Auch da haben wir nicht bewusst geplant oder gelenkt, wo es hingehen sollte. Und irgendwann 2003 ging es eben auseinander.
Ich war eine Weile sauer auf die Situation. Und auf mich. Eine Weile ist eine Untertreibung, es war eine lange Zeit, die ich brauchte, um mehr zu tun als arbeiten zu gehen und mich um die Kinder zu kümmern. Ich war aber nur sehr selten auch sauer auf Dich. Ich wüßte gar nicht, was Du anders hättest machen können. Ich kannte Dich seit fast 15 Jahren, das warst einfach Du und Deine Entscheidung war für mich völlig nachvollziehbar. Ich fragte mich nur, ob ich etwas hätte anders machen können. Zum Glück nicht ewig, irgendwann konnte ich auch weitergehen.
Das schöne daran, dass wir uns so gut kannten war, dass wir uns in einer Sache einig waren und darüber - meine ich - nie ein Zweifel bestand: Wir wollten weiterhin gemeinsam die Kinder groß kriegen. Wir waren kein Paar mehr, aber wir blieben Partner. Ich bin Dir dankbar, dass Du immer unmissverständlich klar gemacht hast, dass wir beide die Eltern unserer Kinder sind und es auch immer bleiben werden. Und dass alles, was die beiden angeht, unsere Entscheidung sein wird, nicht eine von irgendwelchen unserer möglichen Partner. Ich habe versucht, mich ins Zeug zu legen wie ich konnte, um dem Gerecht zu werden und bin zuweilen meinen Grenzen sehr nah gekommen. Du hast dasselbe getan und hast im Versuch, alles unter einen Hut zu bekommen, die Grenzen Deiner Leistungsfähigkeit sogar überschreiten müssen.
Aber wir haben es irgendwie auf fast 30 Jahre geschafft. Erst als Freunde, dann als Liebespaar, eine Weile davon als Ehepaar und die letzten 13 Jahre als (ich hoffe meinerseits als verlässlicher) Partner. Da kann man mal den ollen Ehering anziehen und anstoßen. Wie jedes Jahr am 29. August. Auf die Freundschaft und die Liebe. Darauf, dass wir eine schöne Zeit hatten, die keiner von uns bereuen muss und darauf, dass Du immer ein Teil meiner erweiterten Familie bist und ich ein Teil der Deinen.
Es gibt so ein paar Dinge, die heute anders sind als zu meinen Jugendzeiten. Was allerdings nicht dazugehört ist, dass die Welt gefährlicher geworden ist, die Spinner (egal, wen ihr persönlich als Spinner anseht) kurz davor sind, die Welt übernehmen oder eine Generation einer anderen (meint: eurer) die Zukunft in ein Jammertal verwandelt.
Was anders ist, sind folgende drei Umstände:
1.
Die Geschwindigkeit, in der wir von allem möglichen, was so auf der Welt passiert, etwas mitbekommen hat sich extrem erhöht. Das bedeutet aber nicht, dass wir auch schneller wissen, was genau passiert ist. Wir wissen nur früher, dass es passiert ist. Früher haben wir Stunden später in der nächsten Tagesschau oder am nächsten Tag aus der Zeitung erfahren, was bekannt ist.
Bis dahin sind aber oft schon einige der Fragen beantwortet gewesen, die heute, wo wir quasi Sekunden später von einem Geschehnis erfahren, noch völlig offen sind und das einzige, was uns für Stunden berichtet wird ist, wie ratlos und ahnunglos Politiker, Polizei und andere Beteiligte sind. Die Phase, in der ein Sachverhalt geklärt wird, in der Aussagen als Fakten verifiziert oder als Gerücht falsifiziert werden, ist heute teil der News-Ticker, denn die müssen ja immer aktuell sein. Früher hat man von dieser Phase wesentlich weniger mitbekommen. Wenn wir das erste mal konkret informiert wurden was geschehen ist, gab es immer schon die groben Fakten dazu. Das führte zu einem gewissen Vertrauen, dass die Behörden ihre Arbeit machen.
Dadurch aber, dass wir nun live mitbekommen, dass für Stunden alle Fragen unbeantwortet sind, die Ermittlungen erst einmal in zehn falsche Richtungen gehen bevor sich ein klareres Bild ergibt und gleichzeitig aber schon zehn Minuten nach dem Ereignis Politiker oder "Experten" wissen sollen, was zum Geier wir denn jetzt nur tun sollen, führt das zu Verunsicherung und Misstrauen. Obwohl sich eigentlich an der Geschwindigkeit, in der sich die Welt verändert, nichts geändert hat.
2.
Man kritisiert ja momentan öfter mal, dass Soziale Medien uns erlauben, uns in Filterblasen zurückzuziehen, unliebsame Themen und Meinungen aus unserem digitalen Netzwerk herauszufiltern und uns in einer Echokammer einzurichten, in der wir nur noch unsere eigenen Ansichten bestätigen lassen.
Das allerdings ist - finde ich - eine gute Sache. Denn was uns die Digitalisierung beschert hat ist eine Transparenz, die wir früher nicht hatten: Wir bekommen plötzlich mit, wie Leute denken und sich äußern, die politisch auf radikalen Positionen stehen. Wir kriegen mit, wie viele Menschen welche - in unseren Augen völlig abwegigen - Thesen vertreten, an totalen Unsinn glauben und mit welcher Vehemenz für uns selbstverständliche Werte von anderen gehasst und verachtet oder was wir als Verirrungen und Vorurteile ablehnen von anderen geliebt oder verehrt wird.
Früher hatten wir, sorry für die Warner vor der Echokammer, wesentlich dichtere Filterblasen. Eigentlich haben wir die auch heute noch, außerhalb des Digitalen. Niemand käme auf die Idee, in eine Kneipe zu gehen, in der die Fans der gegnerischen Fussballmannschaft ihren Stammtisch haben. Kein Mensch kommt auf die Idee, auf einer Party Musik zu spielen, die nicht zu den Gästen passt (und dann zu sagen, man müsse sich doch auch die anhören, um ein toleranter Mensch sein zu können). Wenn ich ein Familienfest mache, lade ich nicht meine Arbeitskollegen ein. Ich habe Freunde, von denen ich weiß, dass sie sich nie verstehen würden, also treffe ich mich nie mit beiden gleichzeitig. Wenn ich beruflichen Smalltalk führe, rede ich im Normalfall nicht über Politik oder Religion.
Und: Wir gehen Menschen, mit denen wir nichts zu tun haben wollen, aus dem Weg. Bewusst und - bedingt durch Sozialisation, Kompetenzen, Wohnort, besuchte Schulen Studien- oder Ausbildungsplätze - zu einem erheblichen Teil unbewusst. Wir geben uns nicht freiwillig mit Menschen ab, die wir verachten und wir suchen aktiv die Nähe zu denen, die wir bewundern oder mit denen wir uns verbunden fühlen.
Das Praktizieren dieser sozialen Konventionen schützt uns vor Stress und hilft uns, konstruktiv zu sein. Es immunisiert uns und macht "unsere" Welt überschaubar, vertraut und vermittelt uns ein Gefühl der Sicherheit. Es macht uns andererseits natürlich auch ignorant und hilft uns nicht, unsere Wahrnehmung zu korrigieren (zum Beispiel wenn es um Privilegien geht), Fehler zu entdecken und Voruteile abzubauen.
Aber: Was viele Menschen momentan in der digitalen Welt (und hier ist diese noch sehr getrennt von der echten Welt) erleben ist eine Kakophonie an Unterschieden, die sie vorher nie in dieser Menge und Wucht wahrgenommen haben. Sie werden konfrontiert mit tausenden sich zum Teil in unvereinbarer Absolutheit widersprechenden Ansprüchen, Weltbildern, Lebenseinstellungen und Wertekatalogen. Ihnen werden von allen Seiten Forderungen gestellt, die nie zufriedenstellend erfüllt werden können, weil zum Beispiel Informationen ungleich verteilt sind und die nötige Bildung und Sozialisation fehlt. Und selbst wenn man einige erfüllen kann, wird man dann von denen kritisiert, die die gegenteiligen Forderungen stellen.
Daher muss man auch in der digitalen Welt lernen, sich zu distanzieren, Filter zu setzen, Abstände einzubauen und sich abzugrenzen. Das ist erst mal nichts schlimmes, das haben wir schon immer so gemacht, um überhaupt handlungsfähig zu sein. Wenn ich allen zuhören muss, höre ich vor lauter Lärm gar nichts mehr. Wenn ich mich verständlich machen will, muss ich Wege finden, nicht erst mal schreien zu müssen, um das ganze Rauschen zu übertönen (weshalb ich nicht in unmoderierte Medienforen kommentiere).
In dieser Phase befinden wir uns gerade und ich gehe davon aus, dass wir lernen, den Mittelweg aus Ignoranz und Offenheit zu finden, der uns dieselbe Sicherheit im Leben erlaubt, wie wir sie früher ohne digitale Kanäle erreichen konnten.
3.
Einer der häufigsten Gründe für mich, irgendwo etwas zu kommentieren, auf Twitter ein Reply zu schreiben oder jemanden anzusprechen ist mit der Frage verbunden, warum das Wort "oder" in einem Argument auftaucht. Ich habs an anderer Stelle schon mal versucht, zu beschreiben: Woran liegt es, dass man heute viel häufiger vor binäre "entweder - oder" Fragen gestellt wird, obwohl es weder notwendig ist, sich ausschließlich für eine der beiden vorgeschlagenen Alternativen zu entscheiden noch diese beiden Möglichkeiten die einzigen Lösungswege darstellen?
Beim Brexit wurde gefragt "In or Out", anstatt dass man sich alle Möglichkeiten überlegte, die für das Land möglich sind, die Implikationen erklärte und dann eine wirklich informirte Entscheidung über drei, vier oder noch mehr gangbare Alternativen möglich gewesen wäre, die nicht eine Spaltung der Nation verursacht hätte.
Denn das tun diese schwarz-weiß Argumentationen, in denen es imm nur um entweder/oder geht. Die Zustimmung zum Einen impliziert immer die Ablehnung des Anderen. Was dazu führt, dass es nie das gibt, was eine Demokratie ausmacht und eine diverse Gesellschaft befähigt, Unterschiede zuzulassen: Kompromisse.
Aber auch unsere Handlungsfähigkeit wird dadurch extrem eingeschränkt. Man kann nicht mehr ausprobieren oder testen. Man kann es nur noch richtig oder falsch machen. Und ob etwas richtig oder falsch ist, beurteilen die anderen. Selbstverständlich sind richtig und falsch dann auch noch absolut. Das heißt, was für mich richtig ist, kann für jemanden anderen auch nur richtig sein. Was ja Unsinn ist, denn jeder Mensch befindet sich ja in einer anderen Position, hat andere Stärken und Schwächen, folgt anderen Interessen oder Weltanschauungen und verfügt über andere Möglichkeiten (zb Geld, Bildung, Kontakte, Körpereigenschaften).
Das ist ein Problem. Und es gibt ein weiteres: Sobald man Verständnis - nicht etwa Zustimmung - für eine Ansicht zeigt, steht man schon auf der Gegnerseite. Denn eine Welt aus "oder" kennt ja nur Gegensätze. Die "oder" Welt erlaubt keine Alternativen, die das Problem für beide Seiten lösen und keinen Kompromiss, mit dem alle leben könnten. Geschweige denn, einen Pluralismus, der den anderen einfach ihre Meinungen, ihre Lebensstile, ihre Sexualität oder ihre geliebten Freizeitbeschäftigungen haben lässt, die ich für mich eventuell ablehne, mit denen ich aber gar keine Berührung habe. Keine Homoehe macht eine Heteroehe ungültig. Keine Religion befindet darüber, woran ich glaube und woran nicht. Kein Pokemon-Go Spiel installiert sich automatisch auf mein Handy und zwingt mich, kleine Monster zu fangen. Allerdings würde ich, wenn ich es täte, auch nicht automatisch verblöden.
Denn ein weiteres Problem, das es nur in der "oder"-Welt gibt ist, dass wer das eine tut, das andere automatisch nicht tut. Die "Oder"-Welt besteht nur aus "anstatt". Ein "sowohl - als auch" ist darin ausgeschlossen. Ich kann aber sowohl Computerspiele genießen als auch lange Wanderungen machen. Ich kann mich sowohl über Umweltschutz informieren und entsprechende Maßnahmen treffen als auch mit ner Tüte Chips einen schnulzigen Liebesfilm anschauen. Ich kann mich sowohl kritisch zu bestimmten Vorgängen in den USA äußern als auch zu bestimmten Vorgängen in Russland und gleichzeitig sogar an beiden Ländern viele Dinge mögen. Ich kann mich sowohl für die Stärkung der EU einsetzen als auch Kritik an ihrer Finanz- und Austeritätspolitik äußern. Denn eigentlich ist die Welt eine "und"-Welt. Aber das scheint man leider etwas vergessen zu haben.
In einer "und"-Welt kann man plötzlich Verständnis entwickeln, ohne dass das eine Zustimmung ist. Man kann Empathie haben und gleichzeitig seine Sympathie oder Antipathie behalten. Man hat plötzlich immer mehr als nur zwei Optionen.
(Mia und ich auf der re:publica - beim alles nicht so Ernst nehmen.)
Fazit:
Das sind drei Umstände gewesen, die heute anders sind als früher. Zumindest in meinem Leben und in meiner Wahrnehmung. Ich habe sie weder umfassend betrachtet noch sind diese drei Punkte die einzigen. Es sind nur die, die mir in letzter Zeit verstärkt auffielen.
Gibt es daraus eine Erkenntnis?
Ich glaube schon. Zum Beispiel die, dass die Welt nicht komplizierter geworden ist, sondern nur lauter und dass wir es selbst in der Hand haben, die Lautstärke wieder auf ein erträgliches Maß zu reduzieren. Man muss nicht jedem Liveticker folgen, wenn man die Unsicherheit schlecht aushält. Man muss sich nicht mit allen Menschen, ihren Meinungen und ihren Diskussionen beschäftigen, wenn einen das lähmt, ängstigt oder ärgert. Man muss nicht entweder alle Ereignisse verfolgen und jeden Menschen akzeptieren oder sich völlig abschotten und nur noch mit gleichgesinnten sprechen. Man kann sich auch seine ganz persönliche Komfortzone einrichten, indem man hier ein wenig und dort etwas mehr reguliert. Man kann mit angenehmerer Lautstärke beginnen, nicht alles in Hitler oder Jesus einzuteilen. Man kann seine Geschwindigkeit anpassen, man kann aufhören, binäre Fragen zu beantworten und stattdessen beginnen, zu überlegen, ob sie überhaupt relevant sind und wenn ja, wie die besseren Antworten lauten, die irgendwo zwischen Ja und Nein liegt.
Man kann mal runterkommen und kapieren, dass runterkommen nicht dasselbe ist wie Ignoranz, nur weil runterkommen in der schwarz-weiß Welt nicht auf der "Oh Gott, wir werden alle sterben wenn wir nicht sofort was tun!"-Seite steht.
Und am Ende geht es einem besser, man ist immer noch gut informiert, hat Zeit für die Dinge, die einem wichtig sind und hat immer mehr als nur zwei Optionen.
Keine Sorge, ich rede nicht über finanzielle Änderungen, Steuern oder Arbeitszeiten. Das kennt man ja. Nein, ich möchte darüber reden, dass ich bemerkt habe, wie sich mit diesem Schritt meine Online-Persönlichkeit verändern muss. Denn es haben sich mit diesem Schritt doch ein paar wichtige Grundlagen dafür verschoben, wie ich mich bisher professionell bzw. halbprivat darstellte.
Bisher habe ich als Blogger bzw einer dieser halbwegs zumindest szenebekannten Online-People eine strikte Trennungspolitik zwischen beruflichen und privaten Aktivitäten gefahren. Was vielleicht ganz easy aussah, aber in wirklichkeit nicht so einfach war, denn in beiden Feldern war ich ja in digitalen Themen unterwegs. Ich habe mir nämlich immer überlegt, wie ich meine "Businesspersona" und meine Netzpersona so weit auseinanderhalte, dass ich in meinem Beruf nicht anecke - sei es in der Firma oder bei Kunden - als auch dass mein Beruf mich nicht davon abhält, dennoch all die Dinge online zu tun, die ich nun mal gerne tun will.
Das hab ich ganz gut hinbekommen in den letzten 15 Jahren. Obwohl ich hin und wieder auch mal zeitweise etwas sichtbarer gewesen bin, sei es in Sachen Klowände des Internet, Euroweb, Zensursula, den diversen Twitter-Fakeaccounts oder Facebookparties und bei durchaus kritischen Podcast, hat es nie deswegen bei Kunden oder Arbeitgebern Schwierigkeiten gegeben. In der anderen Richtung habe ich meine Arbeitgeber und Kunden nicht ein mal zum Thema gemacht oder genannt. Diese Trennung hat also super funktioniert, sie erschuf einen so großen Abstand zwischen meinen beiden Persona, dass sie sich nie gegenseitig ins Gehege kamen.
Allerdings war diese Trennung natürlich sehr künstlich: Eigentlich habe ich in meiner Arbeit sehr oft dieselben Grundphilosophien genutzt, wie ich sie im onlineaktivistischen Rahmen ansetzte. Transparenz, die Auflösung von Hierarchien, Enablement, Auflösung von Schwellen und Diskriminierung... das sind genauso Themen, wenn es um digitale Strategien, Interaktionskonzepte, (digitale) Bedienbarkeit von Prozessen und nicht zuletzt auch um Marketing und Kampagnen ging, vor allem in Sozialen Medien. Ich habe meine Grundsätze bei einem Schulungskonzept einer Supportabteileung eines Telefonkonzerns vermittelt, bei der Idee eines Game-Based Learning Tools für Menschen die an Fließbändern arbeiten und vertrat diese Philosophien offensiv in meiner Funktion als Führungskraft.
Und nun, als selbständiger Berater, muss ich - nein will ich - diese Trennung aufheben. Denn natürlich sind auch meine "Netzkapriolen" nicht einfach nur aus Spaß entstanden:
Tweets von Wagner zum Beispiel ist ein Proof of Concept dafür, dass ich einen Twitterkanal aufsetzen kann, dem freiwillig alle Journalistinnen und Journalisten folgen: Eine Multiplikatorengruppe, nach der sich jeder PR-Manager die Lippen leckt. Und es hat funktioniert: Über zwei Drittel der knapp 3000 Follower sind Medienmenschen.
Der "Angriff" auf Euroweb damals war der Versuch, die Kritik an einem Geschäftsgebaren sichtbar zu machen, das offensichtlich viele Kunden in große Nöte brachte und wenn diese versuchten, sich auf Foren darüber auszutauschen wurden die Forenbetreiber mit Abmahnungen gezwungen, diese öffentliche Auseinandersetzung zu verhindern. Daher habe ich damals eine Reaktion provoziert, die das Thema in die wesentlich dezentralere Blogosphäre brachte. Inzwischen findet man doch einige Informationen, die auch stehen bleiben.
Die Facebookpartys bei der CDU entstanden damals aus dem Ärger darüber, wie Politiker es immer wieder schaffen, aus Nichtigkeiten große Themen im Sinne ihrer Agenda zu kreieren: In diesem Fall gingen sie mit der scharfen Forderung nach einer Kriminalisierung von Jugendlichen in die Medien, deren Partys, zu denen sie per Facebook eingeladen hatten, aus dem Ruder liefen, weil irgendwelche Leute es lustig fanden, ihre Veranstaltung zu crashen. Sprich: Ausgerechnet an den Opfern von Bullying wollte man ein Exempel statuieren. Die Idee, die ich mit einer Kollegin während der Mittagspause in die Tat umsetzte war einfach und effektiv: Wir suchten nach CDU-Veranstaltungen mit offenen Einladungen, luden alle Freunde ein, baten diese, auch ihre Freunde einzuladen und die Veranstaltungen möglichst absurd, aber "bedrohlich" zu kommentieren. Das Ziel war, der CDU ihr Law-and-Order Sommerlochthema so aus der Hand zu nehmen und es ist uns offenbar nachhaltig gelungen, da sie es seitdem nie wieder angefasst haben.
Das alles kann man - wie mir jemand auf der re:publica letztens sagte - gut unter dem Begriff Social Engineering laufen lassen (zugegeben, eine kleinere und digitale Variante gegenüber der offiziellen Definition von Popper). Es sind möglichst unaufwändige soziale Hacks, die Themen aber mit massivem Druck in die Öffentlichkeit bringen oder Reaktionen manipulieren, gerade in Medien. Und das nicht heimlich oder mit Marketingtricks sondern immer mit möglichst offenen Karten: Der Effekt jedenfalls ist im Nachhinein jedem klar, der sieht was ich gemacht habe und wie die Sache sich entwickelt hat. Daher habe ich auch lange geglaubt, dass das alles gar keine Kunst ist, interessanterweise aber höre ich im vorneherein seltener ein "Ja, das ist ja zu erwarten." Anscheinend mache ich also was richtig, was viele mit wesentlich mehr Aufwand und dennoch weniger Erfolg versuchen.
Nur habe ich eben jetzt dieses Problem: Wie bekomme ich den bisherigen Profi-Jens mit dem Internetdings-Jens zusammen? Wahrscheinlich so, wie ich vieles mache: Mit einem Schritt nach dem anderen und evolutorisch. Ich bin jedenfalls gespannt, wie meine "neue" Persona am Ende aussieht...
Die Sauna wars. Ganz klar. Die Sauna. Die Antwort auf die Frage, was mein Highlight gewesen ist, dieses Jahr auf der re:publica.
Nicht, weil sie irgendwie schräg war oder irgendwie gar nicht reinpasste oder ein gelungener Gag. War sie nämlich nicht: Sie passte so genau und harmonisch in mein Bild, in meine Beziehung zur re:publica, in meine Liebe zur re:publica wie nichts anderes dort. Denn es war eine echte Sauna, kein Fake, keine Sauna light, kein Marketinggag vor dem man ein Foto macht, die aber in Wirklichkeit nur Staffage ist. Man musste sich drauf einlassen, um sie zu genießen: Zwei Durchgänge, 95 Grad, Aufgüsse, kalte Dusche dauerten eine Stunde, in der man schwitzte, sich gut unterhielt, ausruhte, die Hektik vergaß und den Party-Abend einleitete.
Und wie das Abschlusssingen wünscht man sich sofort, dass sie ab jetzt für immer da ist. Wie konnte man nur so lange ohne Sauna re:publica machen? Selbst wenn 7950 Menschen vielleicht sogar bis zum Ende gar nicht bemerkten, dass es sie überhaupt gab. Diese Sauna war für mich das, was die re:publica von allen anderen Konferenzen unterscheidet, denn sie stand einfach nur im Hof, mit netten Menschen dabei, unaufdringlich, authentisch im eigentlichsten Sinne des Wortes. Nichts für alle, aber für alle die sich darauf einließen.
Und die Verbindung zu den wichtigen Themen liegen auf der Hand: Privatsphäre, Entblößung in der Öffentlichkeit, Echtes und Unechtes, soziale Interaktion ohne Kleidung an und ob das wohl gut geht? Wir twitterten Jeff Jarvis Fotos und machten ihn neidisch. Es lag so nahe, denn 2010 war er in Berlin und erzählte, wie er in der Deutschen Sauna saß und sich über die Deutsche Offenherzigkeit wunderte, wo man hier doch so seltsam heftig auf Privatsphäre poche. So schließt sich der Kreis, oder besser: So hängt alles irgendwie zusammen.
Meine Liebe zur re:publica ist leicht zu erklären, denn sie funktioniert so, wie Liebe nun mal funktioniert. Erst ist man verknallt und wenn es nach den Funken warm bleibt, geht man eine echte, tiefe Beziehung ein. Man freut sich, wenn sie Erfolg hat, als wäre es der eigene Erfolg. Man sieht die Fehler und Unzulänglichkeiten, erkennt sie aber als Charaktereigenschaften an. Man schimpft mit ihr und klatscht sich an die Stirn, wenn sie sich mal dumm benimmt und ist erleichtert, wenn sie eine ehrliche Entschuldigung ausspricht (Stichwort #cheesegate). Und man lässt sie machen, denn sie gehört einem nicht. Ich vertraue darauf, dass sie - auch wenn sie sich von dubiosen Konzernen sponsoren lässt oder fünf mal den eigentlich selben Vortrag ins Programm nimmt - am Ende immer doch das tut, was sie für richtig hält, denn das ist ja das, wofür man sich in jemanden verliebt hat.
Und die Sauna zeigt mir stellvertretend für so vieles andere über das ich eventuell auch noch mal schreibe, dass sie - obwohl sie inzwischen so erfolgreich, groß und wichtig geworden ist - immer noch sie selbst ist und an mich denkt (Ok, und weil ich dieses Jahr wieder über ein vermeintlich totales Nerd-Thema reden durfte.).
Dafür, meine liebe re:publica, dass Du Dich ständig änderst, aber nie anders wirst. Dafür, dass Du inzwischen so ein stabiler Fixpunkt bist, der mir jedes Jahr Glück und Energie bringt. Dafür dass ich ein kleiner Teil deiner munter wachsenden Familie sein darf, danke ich Dir. Dein treuer Freund.
Ich bin inzwischen zum dritten Mal auf den Artikel in Wired gestoßen, in dem beklagt wird, dass "wir" uns ja so sehr an die Optimierungsgesellschaft angepasst hätten, dass das ehemals total persönliche und nette Zusammensein auf Facebook zurückgegangen ist, weil "wir" nicht mehr die einfachen kleinen privaten Meldungen posten, sondern nur noch perfekt gestylte Momente, Links die uns klug und wichtig aussehen lassen und normierte Sinnsprüchlein oder Comics zur allgemeinen Belustigung veröffentlichen.
Jedes Mal dachte ich mir dabei, dass ich den Artikel nicht gut finde. Was seltsam ist, denn eigentlich erscheint mir die Aussage ja vordergründig richtig: Die Regeln des Content Marketings, die alle Inhalte im Netz - ob nun auf sozialen Netzwerken, auf Newsseiten oder in halbwegs privaten Blogs - irgendwie optimiert und gestreamlined haben, bieten einem ja wirklich inzwischen ein arg eintöniges und gleichförmiges Bild. Die Timeline sieht jeden Tag aus wie die des Vortages und der "Mix" ist auch derselbe.
Ich glaube dennoch, dass die Autorin daneben liegt, sowohl mit der Ursache dafür, dass es so aussieht wie es aussieht ("wir" posten nur noch Schmockzeug) als auch mit der Idee einer Lösung ("wir" müssen wieder anderes Zeug posten). Denn die Ursache sind nicht "wir".
Ich habe - der Einfachheit halber mal ignorierend, dass Facebook noch nie die erste noch die beste Stelle war, um öffentlich über private Dinge zu schreiben - mir mal die Walls einiger Freundinnen und Freunde angesehen, von denen ich weiß, dass sie genau das tun, was im Artikel verlangt ist: Meldungen über den morgendlichen Kater, Fotos aus dem Hinterhof, Klagen über den Paketzusteller, das lustige Missgeschick von eben, das verwackelte Bild von der Familienparty, die Sorgen über diese unerwartete Rechnung und so weiter.
Was ich festgestellt habe waren zwei Dinge: Entweder posten sie diese Dinge noch immer genau so, wie schon vor Jahren, auf ihre Facebook-Wall oder sie schicken solche Mitteilungen inzwischen über private Familien-/Freundes-Gruppen und PNs. Bzw. sie nutzen inzwischen andere Netzwerk- und Messagingsysteme neben Facebook dafür, die es früher nicht gab, aber eben eine viel genauere Differenzierung der Privatsphäre erlauben. Aber egal wie, ich erhalte von allen immer noch genausoviel oder sogar mehr private Inhalte wie früher.
Was bedeutet: "Wir" haben gar nicht aufgehört, private Momente zu teilen. Einige haben lediglich aufgehört, sie mit der ganzen Welt zu teilen. Etwas, was sie ohnehin nie vorhatten, aber aus zwei Gründen für eine Weile ok war: Erstens war man auch öffentlich noch eine ganze Weile "unter sich" weil noch längst nicht alle Welt in Netzwerken (ob informell wie unsere Blogs in den ersten 10 Jahren der 2000er oder formell wie auf Twitter, OkCupid, Facebook und so weiter) unterwegs war und zweitens gab es die besagten neuen Messaging-Community-Dienste noch nicht, die eine bessere Differenzierung und Filterung ermöglichen, wer was zu sehen bekommt.
Was aber inzwischen auch passiert ist: Facebook erweiterte sich von einem Netzwerk für Privatmenschen und ihrer Freundeskreise zu einer breiten Plattform für die Interaktion mit Firmen, Geschäften, Parteien, Aktivitäten, Themen, Produkten und Persona (also Menschen, die ein nicht privates, öffentliches Profil zeigen: Beraterinnen, Künstler, Autorinnen, Handwerker,...). Diese Inhalte füllen inzwischen meine Timeline zusätzlich, und zwar mehr oder weniger davon abhängig, wie viele Seitenprofile ich like, wie vielen Persona ich folge und im Vergleich dazu wie wenige "echte" Menschen ich in der Freundesliste habe.
Das bedeutet, die Autorin sollte eventuell mal ausprobieren was passiert, wenn Sie ein paar ihrer Likes auf Firmenseiten und Profiprofilen entfernt. Sie könnte feststellen, dass sich ihre Timeline plötzlich wieder mit viel mehr privaten Meldungen ihrer Freunde füllt. Wenn sie dann noch die ganzen Bildchen-Share-Seiten konsequent blockt, sobald mal eins auftaucht, wird es sogar noch besser. Da Facebook die Timeline ja "in unserem Interesse" mit dem, was angeblich für uns wichtig oder interessant sei, vorsortiert, spült es uns eben immer mehr von dem Zeug hinein, das gar nicht von unseren Freunden kommt sondern eben jenen Content, der genau auf die Kriterien zugeschneidert ist, von dem Facebooks Algorithmus annimmt, dass er qualitativ hochwertiger ist als die orthografisch nicht ganz korrekten Oneliner, die mein bester Kumpel schreibt, die ich aber in Wirklichkeit dennoch viel lieber gelesen hätte.
Soweit die Ursachen. Wie siehts mit der Lösung aus? Mehr privates posten? Wie gesagt, "wir" posten ja gar nicht weniger privates als früher. Aber was ist mit dem Argument, dass der Anteil der Menschen zurückgegangen ist, die private Meldungen verfassen? Von 40 FreundInnen haben das früher 30 regelmäßig getan, von jetzt 150 nur 35. Das Verhältnis ist also gesunken.
Ja. Aber eventuell sind in den letzten Jahren eben auch jede Menge Menschen auf Facebook hinzugekommen, um sich mit Freunden und Verwandten zu verbinden, die aber gar nichts schreiben, weils ihnen gar nicht darum geht oder noch nie darum ging. Das sind die Leute, an denen die Blog-Ära komplett vorbeizog, weil sie zu dieser Zeit überhaupt nichts im Netz gemacht haben ausser sich mal Infos über den Urlaubsort zu googlen. Die auch nie ein Interesse daran hatten, irgendwas privates öffentlich zu machen. Denen dieser ganze öffentliche Exhibitionismus nie was gesagt hat oder die ihn sogar doof fanden.
Von denen hab ich vor Facebook nie was im Netz gelesen und seit sie in Facebook sind, auch nie. Aber sie benutzen persönliche Messages, um mich zu ihrem Geburtstag einzuladen und mir zu meinem zu gratulieren und sie schreiben Dinge wie "Ist das nicht toll, dass wir jetzt so einfach Kontakt halten können?". Weil es das ist, was sie auf Facebook tun. Nur eben nicht öffentlich.
Und weiter: Da Facebook inzwischen kein Vereinsheim, Unimensa, Stammkneipe oder der Cliquen-Bus ist sondern ein großes Einkaufs- und Servicezentrum ist, erinnern sich viele Menschen gar nicht daran, wie es "früher" war, als es noch keine Firmenseiten, Newsservices, Entertainmentbereiche und allgegenwärtige Werbung gegeben hat. So lange ist der größere Teil der Facebook-Nutzer nämlich noch gar nicht dabei. Aber so ist Nostalgie, so wie die Autorin sich die Zeit zurückwünscht, in der man sich auf Facebook "unter sich" gefühlt hat, so denke ich mit wohliger Erinnerung an die Zeit zurück, als Blogs noch per Blogroll vernetzt waren und man jedes Blog an seinem individuellen aussehen erkannte. Das hat sich eben geändert - manchen zum Guten, manches zum Schlechten.
Also: Ich glaube nicht, dass die Autorin schon so alt ist, dass sie sich nicht mehr mitverändern kann. Dass sie mal schaut, ob die Geschichten, die sie vermisst, nicht einfach inzwischen wieder irgendwo anders sind als auf Facebook. Oder ob ihr Bedürfnis nach mehr Nähe und Privatheit mit ihren Freundinnen und Freunden nicht durch viel passendere und intimere Dienste viel besser abgebildet werden.
Wenn "wir" irgendwas müssen, dann diesem Bedürfnis nach privatem Kontakt und Vernetzung folgen und wenn Facebook das nicht mehr erfüllt, dann suchen wir uns eben neue Wege dafür.
eingetragen am Mär 11, 2016 von jensscholz in .. privat
Mein Leben ist - wie wahrscheinlich viele andere auch - voller Brüche. Oft verursacht durch Umzüge, für die wiederum Gründe wie Ende der Schule, Studium und Jobwechsel verantwortlich sind oder auch mal eine Trennung. Bei mir ist es allerdings so, dass ich sowas vergleichsweise häufig gemacht habe. Als Kinder sind wir schon öfter umgezogen als andere im ganzen Leben - sieben Mal bis ich selbst Richtung Heidelberg zum Studieren weggezogen bin, über vier Bundesländer verteilt. Ich war auf zwei Grundschulen und vier Gymnasien in NRW, Bayern und Baden-Württemberg. Danach gings eine Weile nach Hessen, inzwischen bin ich ja nun in Köln.
Was ich dabei gelernt habe: Man kann nicht viel mitnehmen. Solche Veränderungen verbrauchen viel Energie und Konzentration, wenn man sich darauf nicht richtig einlässt, weil man sein Herz irgendwo an alte Orte und Gewohnheiten hängt, schafft man den Übergang nicht. Leider verliert man dabei aber nicht nur Orte und Gewohnheiten, sondern auch Menschen. Einige sofort, manche nach und nach, wenn man Glück hat verliert man nicht ganz den Kontakt. Aber man entfernt sich doch voneinander, hält sich vielleicht noch auf dem Laufenden aber die enge gemeinsame Zeit ist vorbei. Bei ein paar wenigen wird man den Rest seines Lebens traurig darüber sein.
Was ich aber immer mitnehmen kann sind Bücher und Musik. Oder besser: Autorinnen und Autoren bzw. Musikerinnen und Musiker. Eine davon ist Tanita Tikaram. Sie hat 1988 mit 18 ihr erstes Album herausgebracht und veröffentlicht seit dem alle paar Jahre wieder ein neues, so dass es heute neun Alben gibt. Auf den Punkt genau, denn heute erschien "Closer to the People". Und ich habe bis heute jedes davon quasi am Erscheinungstag gekauft. Die ersten beiden jeweils als Vinyl-Schallplatten, die nächsten sechs als CDs und die letzten beiden als Download.
Bei alledem bin ich zwar ein treuer, aber auch ein stiller Fan. Ich habe kaum eine Ahnung davon, was sie in den ganzen Jahren so gemacht hat. Ich mag ihre Musik und habe daher vor allem eine Beziehung dazu. Jedes Album erschien irgendwie zum richtigen Zeitpunkt und steht somit für einen neuen Lebensabschnitt oder das Ende eines alten. Ich habe die Alben immer sehr eng mit dem Verknüpft, was mich damals jeweils bewegt hat - nicht dass sie das so beabsichtigt hätte, aber ich nehme an, dass die meisten Menschen im selben Alter eben auch viele ähnliche Denk- und Entwicklungsphasen haben und dadurch dass wir gleichzeitig genauso älter werden resonierte das eben.
So auch jetzt wieder. Letzte Woche waren wir im Auftakt-Konzert ihrer neuen Tour zum neuen Album in Köln und es war schon ein bisschen seltsam, jemanden, die mich irgendwie seit nicht ganz dreißig Jahren begleitet, das erste Mal vor mir zu sehen und zu hören. Da stand eine relaxte und gut gelaunte Frau auf der Bühne, sichtlich froh, ihre neuen Lieder zum ersten Mal einem Publikum vorzusingen. Fünf Meter weg vielleicht. Und die Stimme dieser Frau war die, die ich seit Jahrzehnten kenne und liebe. Ein bisschen irreal, aber auch irgendwie ein lange überfälliger Zirkelschluss.
Heute hab ich die neuen Lieder zum zweiten Mal gehört - diesmal nicht Live sondern auf der Anlage - und es geht mir wieder so wie jedes mal, wenn ich eine neue CD von ihr gekauft habe: Sie singt anscheinend von genau den Dingen, die mich in dieser Zeit beschäftigen. Von Ruhelosigkeit und der richtigen Balance zwischen dem was man muss und was man möchte, von den inneren Feinden, den guten Freunden und wie schön es ist, anderen beim Tanzen zuzusehen weil man endlich akzeptiert hat dass man selbst eben nicht tanzt.
Schöne Lieder, die davon handeln, dass man inzwischen freier ist und nicht mehr alles Beweisen muss (vor allem nicht mehr sich selbst), zweifelnde Lieder, die davon handeln, Menschen darum zu bitten, nicht wegzugehen nur weil man mal was doofes macht oder sich auch nur verändert. Oder wenn dann doch einer gegangen ist, davon auch damit zurecht zu kommen, weil man doch lieber authentisch bleibt. Und das alles eben nicht mit dem Drama des Mitte Zwanzigjährigen sondern dem bluesig-jazzigen Verve, das einem mit dem Selbstbewusstsein eines Menschen über Vierzig zusteht.
Ich freue mich also, dass sie weiter eine meiner ständigen Begleiterinnen ist.
Ich kenne aus Projekten diesen Moment, in dem es nicht weiter geht, obwohl das Konzept schon lange fertig ist. Es wird immer wieder diskutiert, geändert, diskutiert und wieder geändert. Wenn ich in so einem Projekt Concept Lead bin ist es mein Job, allen zu erklären, dass wir an der Stelle sind, an der eine Entscheidung gefällt werden muss. Denn das Konzept wird nicht mehr besser, es wird nur noch anders. Es gibt nämlich für Systeme, die mehr als das Prinzip "eine Ursache - eine Wirkung" abbilden und noch dazu berücksichtigen müssen dass Menschen sie bedienen, nicht die eine beste Lösung. Und es gibt für jede Lösung, die man sich ausdenkt, zig Alternativen die genauso gut funktionieren, nur eben anders.
Daher wundere ich mich immer wieder darüber, wie schnell Menschen (und Politiker) glauben, keine Alternativen mehr zu haben. An Alternativen mangelt es eigentlich nie und dadurch auch nicht an möglichen guten Lösungen. Ich frage mich tatsächlich öfter, was daran Schuld sein könnte, dass sich so viele Menschen so eingeschränkt fühlen. Ist es der Wunsch nach einfachen Lösungen, selbst bei Problemen, die alles andere als einfach sind? Oder liegt es daran, dass man immer wieder vor "entweder - oder" Fragen gestellt wird, obwohl es weder notwendig ist, sich ausschließlich für eine der beiden vorgeschlagenen Alternativen zu entscheiden noch dass diese beiden Möglichkeiten die einzigen Lösungswege darstellen. Versucht hier doch mal die Gegenfrage "Warum nicht beides?" zu stellen. Meistens funktioniert das nämlich sogar.
Ein Beispiel. Auf Facebook kursieren ja immer mal solche Logikspielchen wie das hier:
Man geht dabei davon aus, dass es genau eine richtige Lösung dafür gibt*, welche Zahl das Fragezeichen ersetzt. Aber stimmt das denn so? Ich finde problemlos schon mal drei völlig unterschiedliche: Zum Beispiel wenn man die Anzahl der kleinen Quadrate zählt plus 1, dann wäre die Lösung 10. Zählt man aber alle Punkte, an der sich eine gerade Anzahl Linien trifft, ist die Lösung 8. Und zieht man die Anzahl der Quadrate von der Anzahl der Punkte ab an denen sich zwei Linien treffen, ist die Lösung 7. Und wenn ich ein bisschen länger darüber nachdenke, fallen mir noch viel mehr ein, möglicherweise auch solche, in denen gar keine Zahl als Lösung herauskommt oder ich finde eine Logik, nach der das Fragezeichen einfach stehen bleibt.
Ich vermute, was Menschen davon abhalten könnte, eine Entscheidung zu treffen ist, dass ihnen Informationen fehlen, sie daher Annahmen treffen müssen und es macht ihnen Angst, dafür die Verantwortung zu übernehmen. In dem obigen Bild gibt es keine Angabe darüber, welche Bedingungen meine Lösung erfüllen muss. Dennoch wird angenommen, dass es eine "richtige" Antwort geben muss und alle anderen möglichen falsch sind. Was aber nicht stimmt, denn alle meine oben genannten Lösungen erfüllen die Anforderung einer logischen Verknüpfung, die für beide Zeilen gemeinsam gilt und sind daher richtig. Wenn schon bei einer Aufgabe, die derart überschaubar ist, solche Probleme entstehen, wie potenziert sich das bei wirklich komplizierten Herausforderungen? Oder bei einer gesellschaftlichen Aufgabe?
Wir können nicht Entscheidungen ewig hinauszögern, aber Entscheidungen müssen auch nicht alternativlos sein. Man kann - und das vergisst man so oft obwohl man es ständig tut - Dinge gleichzeitig machen. Zum Beispiel akute Not bekämpfen und Flüchtlinge aufnehmen und dafür sorgen dass Menschen in Deutschland nicht mehr so schnell sozial abstürzen können damit die ihre Ängste nicht auf daran völlig unschuldige Ausländer projezierern. Oder eben, ein flexibleres Konzept abnehmen, das einem erlaubt, später Erfahrungen zu sammeln und jederzeit Verbesserungen zu machen wenn sie sinnvoll oder notwendig werden. Es ist ja nunmal so, dass man nie weiß was passiert, bevor es passiert. Erfahrungen helfen, Informationen helfen, aber am Ende wird der erfolgreich sein, der dafür gesorgt hat, dass es immer genug Platz für Alternativen und Änderung gibt.
*P.S.: Ich habe die allgemein als "richtig" akzeptierte Lösung für das Rätsel nicht genannt.
eingetragen am Feb 10, 2016 von jensscholz in .. privat
Januar und Februar ist eigentlich die Zeit, in der alles anstrengend ist. Man muss sich viel zu viel anziehen, bevor man das Haus verlässt und selbst dann ist es oft noch ungemütlich. Es ist morgens zu lange dunkel, um aufzustehen, tagsüber zu grau, um wach zu werden und abends zu schnell wieder Nacht, um lange wach zu bleiben. Inspiration gibt es wenig, vor allem weil man es gerade so schafft, die täglichen Kleinigkeiten auf die Reihe zu bekommen.
So weit, so normal. Was dieses Jahr anders ist sind die Umstände, in denen ich mich wiederfinde.
Da ist zum einen diese völlig überdrehte Stimmung zur sogenannten "Flüchtlingskrise": Jede Menge Menschen erscheinen mir gerade in eine Massenpsychose zu verfallen. Da gibt es eine Scheinrealität, in der Massen von Ausländern über die armen Bürger herfallen und ihr Leben total umkrempeln. Natürlich ist nichts davon passiert. Niemand muss deswegen mehr Steuern zahlen, niemand muss deswegen irgendwas teilen, niemand verliert deswegen seinen Job. Niemand muss irgendetwas an seinem Leben ändern. Die ganze Flüchtlingssituation ist in Wahrheit überhaupt kein Problem, das einen deutschen Mitbürger kümmern muss, wenn er nicht will. Man hat eine riesige Angst vor einem aufgeblasenen Popanz und zu viele Menschen hier rennen sofort den Rattenfängern hinterher, deren "Lösungen" zwar nicht funktionieren, sich aber wohl in den Ohren verängstigter Bürger gut anhören. Daher habe ich tatsächlich Sorge, was wohl passieren mag, wenn in Deutschland tatsächlich mal irgendwas passiert, das uns alle betrifft, wenn schon ein boulevardmedial aufgeplusterter Wolpertinger die Leute in Scharen rechtsextrem werden lässt.
Im Gegensatz dazu ist meine eigene Situation mit vielen sehr realen Veränderungen ausgefüllt: Ich bin seit 1. Januar selbständig. Ich eiere noch ziemlich herum, was die ganzen Finanzsachen angeht, aber hoffe da, dass meine Steuerberaterin mir früh genug sagt, was wann zu tun ist. Aber ich habe die ersten Freelancerjobs hinter mir und die haben Spaß gemacht. Ich konnte auch schon direkt die Dinge spüren, die ich mir davon erhofft habe: Zum Beispiel so flexibel zu sein, dass ich einfach mal mitten in der Woche und mitten am Tag ins Kino gehen kann um mir die Pressevorführung von Deadpool anzusehen oder einen erneuten Umzug in die Wege zu leiten. Ich bemerke aber auch direkt schon die Dinge, die eventuell schwierig werden können, wie zum Beispiel dass wenn ein Projekt ins Stocken gerät, die Einsatzzeit sehr plötzlich schneller endet als geplant. Ich lerne: Dafür muss ich dann eben vorsorgen, um nicht in Panik zu geraten. Wie ich auch überhaupt noch schwimme in dem ganzen "Ich werde jetzt selbständig"-Prozess. Irgendwelche Anträge brauchen ständig doch noch irgendwelche Bescheinigungen und im Hinterkopf lauert immer der Verdacht, dass ich was wichtiges übersehe, weil ich mich noch nicht gut genug auskenne.
Dennoch: Insgesamt erscheint mir alles machbar und meine Idee ist ja nicht, irrsinnig viel Geld zu verdienen sondern mehr Zeit zu haben. Dass ich da erstens im Jahresbeginn generell aus Anfangs genannten Gründen, zweitens mit der manischen Hühnerhaufenmentalität da draußen und drittens mit den Anfangsunsicherheiten bei mir drinnen erst mal noch nicht mit lautem "Jippie!" durch die Gegend springe ist zwar ein bisschen Schade, aber ich glaube, dass momentan Bodenhaftung wichtiger ist als Begeisterung.
eingetragen am Dez 19, 2015 von jensscholz in .. bloggen
Dieses Jahr kann ich mich nicht darüber beklagen, dass nichts passiert ist oder dass es zäh war oder dass es so aufhört wie es angefangen hat. Es ist viel passiert. Zuerst anderen, dann mir. Das große Rad hat sich nicht nur ein mal bewegt sondern gleich mal richtig zugelangt, wenn es schon mal dabei war.
Aber von vorn:
Das Jahr begann tatsächlich ein wenig zäh. Alles wie immer. Ich war im Job gerade in meinem neuen Team angekommen und fühlte mich halbwegs etabliert. Die ersten beiden Monate waren zwar ziemlich lau, weil ein Kunde sich nicht entscheiden konnte und der andere auch nur langsam in die Pötte kam, aber ab Ende März lief dann alles seinen normalen Gang. Ich kam als Concept Lead auf ein schönes, großes Projekt (ich mag große Projekte), das mich dann auch bis Oktober beschäftigen sollte - sprich: Das Jahr war eigentlich gesettlet und ich war ein bisschen genervt davon, dass es wahrscheinlich nicht dazu führen wird, dass sich etwas verändert.
Ostern herum waren wir mit erweiterter Familie im Urlaub in Edinburgh. Wir hatten das beste Frühlingswetter und Astrid fand einen winzigen Pub, in dem jeden Abend irgendwelche Menschen Livemusik machten. Es war mein erster richtiger Urlaub seit Ewigkeiten. Dann war re:publica und die war nett wie immer. Das Jahr lief also seine ganz okaye Bahn.
Dann änderte sich alles. Zwei Anrufe - am selben Tag: Ein plötzlicher Todesfall in der Familie meiner Freundin und ein eskalierter Krankheitsfall in der Familie. Letzterer sorgte dafür, dass ich mich knapp drei Monate um ziemlich viel Organisation kümmern und vor allem, eine gewisse Stabilität vorhalten musste. Ich habe also gearbeitet, mich um Familie und Freundin gekümmert und bei allem dafür gesorgt, dass jeder sehen kann, dass ich in Ruhe die Stellung halte. Auch als Ende Juli auch noch klar war, dass sich unsere Abteilung auflösen wird und ich zum November den Job aufhören würde.
Jetzt ist Dezember und das Leben läuft in eine derart andere Richtung, als ich mir je hätte vorstellen können: Ich bin gerade dabei, mich selbständig zu machen und habe schon Aufträge bis April. Ich werde Anfang 2016 in eine größere Wohnung ziehen und Lewin wird bei mir wohnen. Die beiden großen Krisen um mich herum sind soweit überstanden und zusätzlich hat meine liebste Freundin, bei der ich Trauzeuge sein durfte, jetzt ein wunderbares Baby. Alles ist jetzt anders, aber wirklich schlimm ist nichts mehr davon, im Gegenteil.
Zugenommen oder abgenommen? Gleich geblieben, nachdem ich letztes Jahr ein paar Kilo weniger hatte. Ich hatte ja einiges zu tun und da verbrenne ich immer gut. Konzentration macht bei mir ungefähr dasselbe wie regelmäßiger Sport.
Haare länger oder kürzer? Seit gestern so kurz wie seit 26 Jahren nicht mehr. Weil ich es gerne habe, dass man große Veränderungen auch von Außen sieht.
Kurzsichtiger oder weitsichtiger? Da ich dieses Jahr endlich mal wieder die Augen neu gemessen habe kann ich das genau beantworten: Die Kurzsichtigkeit ist etwas weniger. Aber ich habe jetzt Gleitsichtgläser fürs nah sehen und die Hornhautverkrümmung ist ein gutes Stück schlechter geworden.
Mehr bewegt oder weniger? Mal so, mal so. Es gab so viel zu tun, dass ich darauf nicht achten konnte. Ich hab aber zumindest versucht, zu Fuß zu gehen sobald es möglich war. Unfit bin ich aber immer noch, aber ich hab zwischendurch mal wochenweise gezielt Sport getrieben. So richtig durchhalten mit regelmäßiger Bewegung ist aber einfach nicht meins oder es war auch einfach nicht möglich.
Mehr ausgegeben oder weniger? Mehr als letztes Jahr, weil es (endlich mal) ging. Nicht wahnsinnig viel mehr, aber zum Beispiel habe ich mir ein LARP auf einem Segelschoner geleistet und auch einiges für das Outfit ausgegeben, was ich die letzten Jahre nicht einfach mal so gemacht hätte. Wobei ich nicht vorhabe, mehr Geld auszugeben oder zu verdienen, jetzt wo ich selbständig bin: Ich möchte stattdessen mehr Zeit, die ist nämlich wertvoller und knapper.
Der hirnrissigste Plan? Bis Mai fiel mir nichts ein und ab Mai war nichts mehr zu planen (und daher bis September auch nichts mehr zu bloggen).
Die gefährlichste Unternehmung? Mich selbständig zu machen, nehme ich an. Fühlte sich jedenfalls immer wieder gefährlich an, so sehr dass ich auch immer wieder ins Zweifeln kam und zwischendurch doch wieder ein Vorstellungsgespräch führte. Wobei ich danach jedes mal direkt wieder lieber selbsständig sein wollte bis es am Ende dabei blieb und ich das jetzt mache und es sich meistens großartig anfühlt.
Der beste Sex? Ich denke, ich war dieses Jahr sehr oft nicht in Stimmung, ich hatte ja ständig den Kopf belegt. Aber ich habe so wunderbare Menschen in meinem Leben, die mich auch im Schneckenhausmodus gern haben.
Die teuerste Anschaffung? Meine neue Brille. Bzw vor allem die Gläser meiner neuen Brille.
Das leckerste Essen? Oh, es gab jede Menge gutes Essen. Mein ehemaliger Chef liebt es, zu gutem Essen einzuladen und wir waren sehr oft in sehr guten Restaurants und haben geschlemmt. Mein Abschiedessen im Oktober war aber das Highlight, das war in München bei Sushi + Soul.
Das beeindruckenste Buch? Ich kam dieses Jahr tatsächlich nicht dazu, auch nur ein einziges Buch zu lesen.
Der ergreifendste Film? Mad Max Fury Road. So unerreichbar weit vor allem anderen, was lief. Abgesehen von Star Wars, den ich heute gesehen habe und ganz wunderbar war.
Die beste CD? Indila, Mini World. Und der Soundtrack zu Maleficent von James Newton Howard (ich mag ja so cheesy Bombast).
Das schönste Konzert? Leider haben Astrid und ich es dieses Jahr zum ersten Mal seit sehr langer Zeit nicht auf ein Konzert geschafft, die anderen Dinge waren einfach wichtiger. Für nächstes Jahr liegen die Karten für Tanita Tikaram aber schon auf dem Regal.
Die meiste Zeit verbracht mit...? Schnee schaufeln. Einen Schritt nach dem anderen gehen. Stabilität erzeugen.
Die schönste Zeit verbracht damit...? ...1. Endlich mal wieder in den Urlaub zu fliegen. 2. Mit Frauke Serien zu gucken. 3. Das LARP auf dem Schiff im November (trotz anfänglicher Seekrankheit). Das waren vier Tage, die mich so sehr aus dem Alltag geholt haben, dass es sich anfühlte als wäre ich zwei Wochen weggewesen.
Vorherrschendes Gefühl 2015? Tagsüber Konzentration und Entschlossenheit. Abends und Morgens Zweifel und Ängste. Ich war fast ein halbes Jahr lang immer froh, wenn ich nicht zu viel Zeit zum Grübeln hatte sondern einfach gut funktionieren musste.
2015 zum ersten Mal getan? Sehr bewusst darüber nachzudenken, was ich tun will und die Entscheidung getroffen, keinen Kompromiss einzugehen (Kompromisse sind gut, ich mag die. Aber ich will jetzt auch mal eine Weile ganz meiner Vorstellung folgen).
2015 nach langer Zeit wieder getan? Urlaub! Richtigen Urlaub! Mit wegfliegen und wandern und shoppen und Sachen gucken und abends in den Pub bei Musik absacken! Ach, und Trauzeuge sein, das letzte Mal ist ja auch schon wieder gut 15 Jahre her.
3 Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen? 1. Dass alles auf einmal kommt. Ja, am Ende war alles gut und hat auch dafür gesorgt, dass sich viel geändert hat. Aber es waren dennoch schwere Krisen für Menschen die ich sehr liebe und natürlich wäre es besser gewesen, wenn es die nicht gegeben hätte. 2. Die Erfahrung, dass unprofessionelle Menschen viel Geschirr zerdeppern, wenn sie dennoch viel zu sagen haben. 3. Mit der Arbeitsagentur zu tun zu haben. Alles nette Menschen da, aber es ist halt am Ende dieser gruselig technokratische Apparat und das fühlt sich immer beängstigend an.
Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte? Dass ich uneingeschränkt da bin, wenn man mich braucht.
Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat? Vertrauen. Alle haben mir vertraut (und nicht allein privat, auch beruflich). Das ist für mich so wichtig gewesen, dass es wahrscheinlich ausschlaggebend dafür gewesen ist, dass ich so viel Selbstvertrauen aufbauen konnte, um mich endlich auch zu verändern.
Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat? "Du bist für mich immer Familie."
... Aus meiner Warte offenbart es eine tiefe Unkenntnis, nach welchen Mechanismen sich eine öffentliche Meinung bildet, wenn man Kritik an der eigenen Position für Zensur und den Unwillen zur weiteren Zusammenarbeit für ein Berufsverbot hält. In solchen Menschen scheint mir mehr Obrigkeitshörigkeit und Angst vor „dem großen Anderen“ (...) zu walten, als ihnen selbst auch nur ansatzweise klar ist.
Wie überhaupt sehr viel Projektion im Spiel ist. Wir können ja mit Leichtigkeit mehr solche Widersprüche aufmachen:
Ob es die Gewaltfantasien sind, die sie täglich in Sozialen Medien herumposaunen oder die sie tatsächlich als Brandanschläge und Handgreiflichkeiten gegen fremd aussehende Menschen in die Tat umsetzen. Ob es die ständigen Drohungen sind, man "wird sich die Namen merken" für den Fall dass man nach der Revolution (sie befinden sich ja in einem klassischen faschistoiden Endzeitszenario) mal am längeren Hebel säße. Oder ob es der seltsam geschichtsvergessene Wunsch ist, "Zäune und Schießanlagen zu bauen und gut ist", die ihr Leben und ihren Wohlstand irgendwie absichern soll:
Das sind die Lösungen und Ideen der selben Menschen, die sich als zukünftige Opfer der sicher irgendwann mal kommenden "islamistischen" Gewalt und Unterdrückung sehen. Es sind die Ideen derer, die sich als ohnmächtige Spielbälle einer übermächtigen Diktatur einer "Deutschland GmbH" sehen*, die sie mit Chemtrails, Mediendruck und Geheimpolizeien gefügig macht. Es sind die Ideen derer, die ihre Werte - wobei das bei näherem Fragen doch meist materielle Werte sind, also ihr Wohlstand - und ihre Freiheiten gefährdet sehen.
Wenn man sich also mal anschaut, wie diese Menschen sich ihre Welt vorstellen - und zwar einmal die, in der sie sich als diejenigen sehen, die das Sagen haben und einmal die, in der sie sich gerade zu befinden glauben - dann ist das am Ende ganz genau dieselbe Welt. Nur eine andere Machtverteilung.
Insoweit ist die Frage "Was wollen die eigentlich?" auch einfach zu beantworten: Sie wollen weiterhin in ihrer schwarzweißen, gewalttätigen und faschistischen kleinen Welt leben. Nur eben lieber als diejenigen, die sie beherrschen, die andere unterdrücken dürfen und in der sie diejenigen sind, deren Willkür und Skrupellosigkeit folgenlos bleibt. Und nicht als die machtlosen und beherrschten. Es ist eine konsistente Welt.
Eine Welt in der es keine Mitbestimmung von Minderheiten, keine Interessenesausgleiche und keine demokratischen Kompromisse gibt, sondern in der sie allein bestimmen oder untergehen.
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* (obwohl sie die Zusammensetzung der Parlamente und politischen Strukturen ständig wählen können)
** (und daher brauchen wir uns auch nicht wundern, wenn die plötzlich auch bei TTIP-Demos auftauchen)